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Schorndorf Neues Integrationskonzept für Flüchtlinge

Die beiden zentralen Akteure der Integrationsarbeit: Christian Bergmann leitet seit dem 1. Juli den Fachbereich Familien, Soziales und Bürgerschaftliches Engagement bei der Stadt Schorndorf. Einen Monat zuvor begann Jessica Milwich ihre Tätigkeit als städtische Integrationsbeauftragte. Foto: Palmizi/ZVW

Schorndorf. Stadt und Jobcenter erweitern ihre Kapazitäten im Bereich der Flüchtlingsintegration und wollen künftig verstärkt zusammenarbeiten. Drei städtische Integrationsmanager werden demnächst für die soziale Betreuung in der Anschlussunterbringung zuständig sein. Schon jetzt hat das Jobcenter in Schorndorf ein Beratungsteam für arbeitslose Flüchtlinge. Ziel ist es, die Menschen selbstständig und fit für den Arbeitsmarkt zu machen.

Wie soll ich eine Bewerbung schreiben? An wen muss ich mich bei der Stadt wenden, wenn ich Unterstützung brauche? Welche Möglichkeiten gibt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt überhaupt? Viele Flüchtlinge stehen jetzt, da sie einen sicheren Aufenthaltsstatus haben, ihr Deutsch Fortschritte gemacht hat und arbeiten dürfen vor Fragen wie diesen. Der Fokus hat sich sichtlich verschoben. „Die Flüchtlingsfrage geht allmählich in eine reguläre Migrationsfrage über“, sagt Christian Bergmann. Aus Geflüchteten werden Mitbürger. Der 38-Jährige leitet seit Juli den Fachbereich Familien, Soziales und Bürgerschaftliches Engagement – und sieht in der Integration der zumeist aus dem Nahen Osten stammenden Menschen eine der zentralen Aufgaben der nächsten Jahre.

Neue Stellen dank des Paktes für Integration

Bergmann bringt sechs Jahre Verwaltungserfahrung in seine neue Tätigkeit mit und war zuletzt drei Jahre Amtsleiter für Soziales und Sport bei der Stadt Esslingen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat der studierte Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler Mittel vom Land angefragt. Im Rahmen des sogenannten „Pakts für Integration“ werden den Kommunen insgesamt 320 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Unter anderem für Integrationsmanager, die laut Landesregierung das Kernstück des Paktes bilden. Mit rund 200 000 Euro für die Stadt noch in diesem Jahr rechnet Bergmann, der mit Hilfe dieser Mittel drei Stellen in seinem Fachbereich schaffen will.

Hohes Interesse für die drei Sozialarbeiter-Stellen

Etwa 210 Flüchtlinge werden bis Ende des Jahres in die Anschlussunterbringung und damit in den städtischen Zuständigkeitsbereich kommen. Die Ausschreibung für die drei Stellen ist bereits beendet. Gesucht wurden erfahrene Sozialarbeiter. Mit circa 100 Bewerbern ist das Interesse sehr hoch. Bis Ende des Jahres sollen die Manager dann ihre Tätigkeit aufnehmen.

Unterstützt werden sie dabei auch von Jessica Milwich, die im Juni das Amt der städtischen Integrationsbeauftragten übernommen hat. Die 27-Jährige kommt aus Schwäbisch Gmünd, hat einen Master im Fach Interkulturalität und Integration und war zuvor als Ehrenamtskoordinatorin in der Flüchtlingsarbeit tätig. In Schorndorf will sie nun Ansprechpartner für alle Migranten sein, nicht nur die Flüchtlinge.

Arbeit finden - Wie das Jobcenter Flüchtlinge fördert

Im Mittelpunkt des Integrationskonzepts der Stadt steht jetzt vor allem die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigen die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach werden im Raum Schorndorf derzeit 931 Flüchtlinge vom Jobcenter betreut. Um diese effizienter in Arbeit und Ausbildung zu bringen, hat die Behörde im vergangenen Jahr zusammen mit dem Landkreis ein Team aufgebaut, das sich um Asylbewerber, Asylberechtigte und Geduldete kümmert und einen individuellen Integrationsplan erstellt.

Das IBA-Team (IBA steht für Integration, Beratung, Arbeit und Ausbildung) betreut kreisweit rund 3100 Menschen – und hat nun auch in Schorndorf drei Stellen geschaffen. Eine vierte soll folgen. Zum richtigen Zeitpunkt, wie Teamleiter Robert Steinbock findet. Denn jetzt seien viele Flüchtlinge genau an dem Punkt angekommen, der sie in Praktika, Ausbildung und Beruf führe. „Der Deutschkurs ist oftmals abgeschlossen, jetzt fallen bei vielen die Entscheidungen.“ Der Einstieg in den Arbeitsmarkt soll dabei möglichst niedrigschwellig erfolgen: Sobald ein akzeptables Sprachniveau erreicht ist, beginnt der Weg in die Arbeit: Mit Hospitationen, Probearbeiten, Orientierungspraktika und Einstiegsqualifizierungen, die auf eine betriebliche Ausbildung vorbereiten sollen. Etwa 400 Flüchtlinge habe man kreisweit bereits in Arbeit und Ausbildung bringen können. Aus 20 Einstiegsqualifizierungen sind mittlerweile Ausbildungsplätze geworden.

Erfahrungen der Jobvermittler

Die bisherigen Erfahrungen seien daher eher positiv, berichtet Marianne Remmy vom Schorndorfer IBA-Team. „Da steckt sehr viel Potenzial drin“, sagt die erfahrene Jobvermittlerin. Der zentrale Unterschied zu den anderen Kunden des Jobcenters sei die Heterogenität der Qualifikationen: vom Facharzt bis zum Analphabeten sei eigentlich alles vertreten. Und die Einstellung: Manch einer sei zwar desillusioniert. „Die meisten sind aber sehr motiviert.“ Dabei sei der Informationsbedarf durchweg hoch. Das Wissen über die Anforderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt müsse erst vermittelt werden.

Probleme: Wohnsituation und Kinderbetreuung

Ein großes Problem bei der Vermittlung sei, vor allem bei Frauen, die Kinderbetreuung. Und die oftmals noch schwierige Wohnsituation. Die habe den wichtigsten Einfluss darauf, wie schnell und effizient die Menschen Deutsch lernen und sich integrieren. Wer sich das Zimmer in einer Sammelunterkunft mit anderen teilen muss, lerne eher schlecht. Diejenigen mit eigener Wohnung hätten bessere Voraussetzungen.

Natürlich würden viele auch noch mit den Traumata von Flucht und Krieg kämpfen. Psychische Belastungen seien eigentlich bei fast allen ihren Kunden ein Thema. „Die einen stürzen sich dann in die Arbeit, die anderen landen in der Psychiatrie.“

Nicht zu spät für eine Ausbildung

Viele der arbeitslosen Flüchtlinge sind noch jung, ein Drittel ist unter 25 Jahren. Die Möglichkeiten, diese in Arbeit und Ausbildung zu bringen schätzt das IBA-Team darum recht hoch ein. „Noch ist es nicht zu spät für eine Ausbildung“, sagt Steinbock. Allerdings müsse auch nicht jeder zwangsweise gleich eine Ausbildung beginnen. Im Grunde sei jeder Job gut, bei dem die Flüchtlinge in Kontakt mit Kollegen kommen und viel Deutsch reden können. Auch Teilqualifikationen, etwa im Bereich Lager, könnten den Weg in eine dauerhafte Beschäftigung ebnen.

Gute Lage auf dem Arbeitsmarkt

Zugute kommt den Mitarbeitern des Jobcenters dabei die gute Lage auf dem lokalen Arbeitsmarkt. Auch Hilfstätigkeiten seien im Moment wieder gefragt. Wichtig sei es, so Steinbock, die Menschen in reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu bekommen. „Wir wollen keinen zweiten Arbeitsmarkt für Flüchtlinge schaffen.“

Bei der Beratung und Förderung greift das IBA-Team übrigens auf die regulären Möglichkeiten der beiden Sozialgesetzbücher zurück. Die Maßnahmen würden aus demselben Topf finanziert wie bei den anderen Kunden. „Wir tun nicht nur was für die Flüchtlinge“, das ist Steinbock sehr wichtig, zu betonen.

Erfahrungswerte: Wie die Kooperation gelingen kann

Wie Stadt und Jobcenter künftig miteinander kooperieren, das soll jetzt in den nächsten Wochen vereinbart werden. „Wir müssen Schnittstellen schaffen und Doppelstrukturen vermeiden“, sagt Bergmann. Der neue Fachbereichsleiter sieht in der Kooperation viele Chancen – aber auch ganz klar die Grenzen: „Wir können beraten, aber keinen Arbeitsmarkt schaffen“.

Drei Erfahrungswerte hat Bergmann dabei aus seiner Amtszeit in Esslingen mitgenommen. Erstens: Die Hilfekette müsse gut funktionieren. „Das steht und fällt mit dem Willen der Verwaltungsspitzen.“ In Schorndorf gebe es da, so sein erster Eindruck gute Kooperationspartner. Zweitens: Die Situation auf dem Wohnungsmarkt müsse entschärft werden. Mit der Stadtbau könnten da, so Bergmanns Hoffnung, Lösungen gefunden werden. Und drittens könne das Hauptamt sich nicht einbilden, alles lösen zu können. Auch in Zukunft müsse das Ehrenamt eine tragende Säule der Integrationsarbeit in Schorndorf sein.


Info

Unternehmen mit Interesse an der Einstellung von Flüchtlingen können sich beim IBA-Team melden, E-Mail: waiblingen.IBA-Team@arbeitsagentur.de, 07151/9519192 oder den Arbeitgeber-Service Schorndorf kontaktieren, E-Mail: schorndorf.arbeitgeber@arbeitsagentur.de, 0800/4555520.

Ehrenamtsreihe

Dreh- und Angelpunkt der Flüchtlingsarbeit in Schorndorf soll auch künftig das Zentrum für internationale Begegnungen (ZiB) in der Schlachthausstraße 5 sein.

Dort startete am Montag eine Ehrenamtsreihe der Stadt. Jeden ersten Montag im Monat sind künftig von 19 bis 21 Uhr Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe eingeladen, sich auszutauschen und zu informieren.

Am Montag, 9. Oktober wird dort VHS-Leiter Oliver Basel über die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen im Kontext der Hilfe für Geflüchtete sprechen – und den Ehrenamtlichen praktische Tipps geben.

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