Schorndorf Nutri-Score: Was kann die Nährwert-Ampel?

Hoher Fett- und Zuckergehalt treibt den Nutri-Score in den roten Bereich. Dieser Joghurt hier ist unverdächtig. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf.
Verstecke Fettfallen und Zuckerbomben entlarven, das soll der Nutri-Score leisten – aber gelingt ihm das? Wer sich bewusst ernähren will, soll in Zukunft so manche Kaufentscheidung erleichtert bekommen. Der Nutri-Score, der in diesem Jahr eingeführt werden soll, bewertet Lebensmittel im Supermarkt nach ihren Inhaltsstoffen. In fünf Kategorien von A bis E und von Hellgrün zu Rot werden die Nahrungsmittel eingeteilt. Die Schorndorfer Ernährungsberaterin Sandra Mörstedt hat im Gespräch erklärt, wie das fünfteilige Ampelsystem beim Einkauf weiterhelfen kann.

Wem der Nutri-Score weiterhilft

Vor allem Kunden, die gerne auf verarbeitete Produkte zurückgreifen, können mit Hilfe des kleinen Etiketts, das vorne auf der Produktverpackung angebracht ist, auf einen Blick erkennen, ob es der Gesundheit eher zuträglich ist oder nicht. „Zucker, gesättigte Fettsäuren, viel Natrium und ein hoher Energiegehalt wirken sich ungünstig auf den Nutri-Score aus“, erklärt die Ernährungsberaterin. Der Zeiger rutscht dementsprechend weiter nach rechts in Richtung des orange-roten Bereichs. „Dagegen schlagen sich Proteine, ungesättigte Fettsäuren, Mineralstoffe, Vitamine und eine niedrige Energiedichte positiv nieder.“ Klar sei zudem: „Je weniger ein Produkt verarbeitet ist, desto besser ist sein Nutri-Score.“

Wer’s ganz genau wissen möchte, muss sich natürlich weiterhin mit den Zutatenlisten auf der Rückseite der Verpackungen auseinandersetzen und die konkreten Nährwertangaben betrachten. „Konservierungsstoffe, Süß- und Farbstoffe werden bei der Berechnung nämlich nicht berücksichtigt“, weiß Sandra Mörstedt. Und noch etwas: Wer sich für die CO²-Bilanz seiner Nahrungsmittel interessiert, muss ebenfalls zusätzliche Angaben berücksichtigen.

Wie die Ampel konkret funktioniert

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat auf ihrer Webseite beispielhaft den Nutri-Score für verschiedene Produkte ausgerechnet. Das Ergebnis ist erstaunlich. Tatsächlich schneiden beispielsweise Nuss-Nougat-Cremes unterschiedlich ab, je nachdem wie groß der Anteil von Nüssen und damit von ungesättigten Fetten ist. Auch zwischen Vollkorn-Fischstäbchen (Gruppe A) und Backfischstäbchen (Gruppe C) des gleichen Herstellers lässt sich ein Score-Gefälle erkennen. Und sogar scheinbar komplett gleiche Nudel-Käse-Aufläufe schneiden verschieden ab. Schuld sind unterschiedliche Prozentsätze von Gemüse und Käse im Gericht. Und auch in Rahmspinat steckt mal mehr, mal weniger Blubb. Würde man verschiedene Fleischsorten betrachten, fügt Sandra Mörstedt hinzu, würden auch sie unterschiedliche Werte erreichen. Immerhin beinhalten 100 Gramm Schweinefleisch ungleich mehr Fett als die gleiche Menge Hähnchenfleisch.

Kritik gibt’s aber auch

„Der Nutri-Score ist momentan noch eine freiwillige Sache“, erläutert Sandra Mörstedt. Aktuell sind auf den Produkten einiger weniger Hersteller die Lebensmittelampeln zu finden, die Kennzeichnungen sind damit aktuell mehr als lückenhaft. Firmen, die größtenteils Süßigkeiten oder Cerealien herstellen, sträubten sich momentan noch, berichtet auch das Fachmagazin „Die Lebensmittelzeitung“ (LZ). Klar ist, wer schlechte Werte auf seine Produkte schreiben müsste, lässt es lieber bleiben, solange weder Recht oder Zugzwang durch andere Firmen ihn dazu treiben. Immerhin, die führenden Einzelhändler in Deutschland sind interessiert, das bringt womöglich Schwung in die Sache.

Noch einen wichtigen Kritikpunkt führt Ernährungsberaterin Mörstedt an: Im Grunde lassen sich nur Lebensmittel innerhalb der jeweiligen Produktgruppen vergleichen: also Nudelauflauf mit Nudelauflauf, Müsli mit Müsli verschiedener Hersteller. Der Score gibt dann Aufschluss darüber, ob die Getreideflocken für ihre Produktgruppe eher viel oder weniger Zucker oder Fette enthalten. Weiterhin wird der Nutri-Score auf 100 Gramm des jeweiligen Produktes berechnet, womöglich wäre eine Berechnung von Portionsgrößen hilfreicher.

Zudem müsse noch etwas beachtet werden: „Wer sich nur von Produkten der Kategorie A ernährt, isst noch lange nicht ausgewogen“, weiß Mörstedt.

Der Nutri-Score ermögliche zwar eine schnelle erste Orientierung, wer sich aber ausgewogen ernähren möchte, muss weiterhin selbst denken. Ähnliches bemängelt auch die LZ, würde doch entsprechend der aktuellen Berechnungsformel ein Liter Cola-Light-Getränk besser abschneiden als ein Liter Frischmilch mit 1,5 Prozent Fettgehalt.

Wo der Nutri-Score schon zu finden ist

In Frankreich und Belgien ist die Ampelbewertung auf den Lebensmitteln längst aufgetaucht. Zudem sind beispielsweise auf Produkten der Firmen Danone und Iglo die Skalen auch hierzulande schon zu entdecken. Voraussichtlich noch bis zum Frühjahr läuft der sogenannte Rechtssetzungsprozess. Dieser beinhalte, so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, neben zahlreichen Abstimmungen auf nationaler Ebene auch ein Verfahren bei der EU-Kommission. Auf der Grundlage der Empfehlung der Bundesregierung können Unternehmen den Nutri-Score dann frühestens ab dem Sommer 2020 kennzeichnen.

Was die Einzelhändler dazu sagen

Sobald der Rechtsrahmen also geklärt ist, wollen die in Schorndorf agierenden Supermarktketten Lidl, Rewe, Edeka, Aldi und Kaufland nachziehen und entsprechend kennzeichnen, hieß es auf Nachfrage von Seiten der Pressestellen. Schließlich wolle man Verantwortung übernehmen und seine „Kunden bei einem bewussten und nachhaltigen Lebensstil unterstützen“ ließ Aldi-Süd verlauten. Von Seiten der Rewe-Gruppe wünscht man sich, dass möglichst viele Produkte im Sortiment mit dem Nutri-Score gekennzeichnet werden. „Insofern ist es wichtig, dass sich die gesamte Branche - Händler wie Lebensmittelindustrie - engagiert.“ Der Nutri-Score müsse im Sinne der Transparenz und Vergleichbarkeit sowohl auf Eigenmarken als auch auf Produkten der Markenartikelindustrie vorzufinden sein.

Lidl prüfe aktuell verschiedene Produkte und wolle nach abschließender Analyse und der Schaffung der rechtlichen Grundlagen mit der Anbringung des Siegels auf den Eigenmarken beginnen. Auch die Kaufland-Stiftung befindet sich aktuell noch in der Warteposition, sei sich aber „der Steuerungswirkung einer solchen Kennzeichnung bewusst“ und werde sie „unabhängig davon aufbringen, ob sie einen besseren oder schlechteren Nahrungswert“ anzeige. Edeka und Netto Marken-Discount hätten sogar schon einen Praxistest unter realen Bedingungen gestartet, der seit August 2019 bundesweit in den Märkten des Unternehmensverbunds laufe.

Aber auch diese Kette wartet gespannt auf den Rechtsrahmen, der eigentlich im Frühjahr dieses Jahres festgelegt werden soll. Allerdings bis das Regelwerk zum Nutri-Score wirklich eingeführt wird, könnte es womöglich zu Verzögerungen kommen, berichtet die LZ. Noch stünden nicht alle EU-Länder dem Score offen gegenüber. So könnte es womöglich auch Herbst werden, bis weitere mit dem Nutri-Score gekennzeichnete Eigenmarken und Markenprodukte tatsächlich in den Schorndorfer Supermarktregalen ankommen.

  • Bewertung
    5
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!