Schorndorf Personalnotstand im Kinderhaus „Am Schloss“

Im Awo-Kinderhaus „Am Schloss“ ist der Personalmangel mittlerweile so gravierend, dass die Öffnungszeiten in der Ganztageseinrichtung von Anfang März eingeschränkt werden. Foto: ZVW/Joachim Mogck

Schorndorf.
Als hätte Tim Schopf als leidgeplagter Leiter des durch einen Wasserschaden beeinträchtigten neuen Kinderhauses „Purzelbaum“ nicht schon Baustelle genug, muss er sich jetzt als Teilzeit-Geschäftsführer der von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Kreis betriebenen derzeit fünf Kindertageseinrichtungen um eine weitere Baustelle kümmern: Im Awo-Kinderhaus „Am Schloss“, das Schopf bis zu seinem Wechsel in den Bewegungskindergarten „Purzelbaum“ selber geleitet hat, ist der Personalmangel mittlerweile so gravierend, dass die Awo als Träger wohl nicht umhinkommen wird, die Öffnungszeiten in der Ganztageseinrichtung von Anfang März an etwas einzuschränken.

Der zuständige Kommunalverband für Jugend und Soziales in Baden-Württemberg (KVJS) und auch der Elternbeirat sind bereits informiert, und auch sonst hält Tim Schopf nichts davon, die Notlage hinter verschlossenen Türen zu behandeln. Er setzt auf Transparenz – auch weil es sich um ein grundsätzliches Problem handelt, das anderswo schon dazu geführt hat, dass das Betreuungsangebot eingeschränkt oder Kitas nicht wie geplant eröffnet werden konnten, und das jetzt halt leider auch in Schorndorf angekommen ist.

Schopf räumt Mitschuld ein: „Ich bin ja auch gegangen“

Allein fünf Schwangerschaften bei Kinderhaus-Erzieherinnen im vergangenen Jahr und diverse Abgänge, darunter drei ans neue Kinderhaus in Haubersbronn, das Anfang März in Betrieb geht, haben zu einem Engpass geführt, der sich nicht mehr länger mit Vertretungen vor allem auch aus dem Kinderhaus „Purzelbaum“ und mit Arbeitszeitaufstockungen der verbliebenen Kolleginnen überbrücken lässt. Zumal die Personalplanung im „Purzelbaum“ durch die wasserschadensbedingte Verteilung der Kinder auf zwei Häuser – Purzelbaum und Sonnenbogen – auch nicht einfacher geworden ist und Tim Schopf aktuell selber zwei krankheitsbedingte Ausfälle verkraften muss. Was nur gelingt, indem er selber den nachmittäglichen Spätdienst übernimmt.

Eine Mitschuld, dass jetzt im Kinderhaus „Am Schloss“ personell der Notstand ausgebrochen hat, gibt sich Tim Schopf durchaus. „Ich bin ja auch gegangen“, sagt er selbstkritisch, obwohl er auf der neuen Stelle mehr Luft für die mit 20 Prozent veranschlagte Geschäftsführung hat. Ihm sei schon öfter vorgeworfen worden, dass er sich für das „Prestigeprojekt des Oberbürgermeisters“ entschieden habe – nur dass er von einem Prestigeprojekt bisher noch nichts gemerkt habe, sagt der Kinderhausleiter, der aber nichts davon hält, sich jetzt gegenseitig zu zerfleischen, weil das die dingend erforderliche Personalgewinnung fürs Kinderhaus nur noch weiter erschweren würde. Vielmehr müsse es jetzt darum gehen, gemeinsam mit den Eltern und zum Wohl der Kinder eine Lösung zu finden, die für die nächsten Wochen oder Monate trägt. Dass, egal wie eine Lösung letztendlich aussieht, diese nicht bei allen Eltern auf Verständnis stoßen wird, ist Schopf klar. „Aber es wäre ja wahrscheinlich auch zu viel verlangt, in einer solchen Situation Verständnis zu erwarten“, meint er.

Bewerberlage für freie Stellen ist nicht überragend

Derzeit jedenfalls läuft Tim Schopf zufolge eine Abfrage bei den Eltern, welche Zeiten für sie besonders relevant sind beziehungsweise wo sie sich am ehesten vorstellen könnten, dass zeitliche Abstriche bei der im Idealfall von 7 bis 17 Uhr reichenden Betreuungszeit gemacht werden. Wobei der Awo-Geschäftsführer hofft, dass er mit einer täglichen Einschränkung von einer Stunde entweder morgens oder am Spätnachmittag auskommt und dass der Kindgartenbetrieb spätestens im Mai oder im Juni wieder im normalen Fahrwasser laufen kann. Derzeit würden noch einige Personalgespräche geführt, aber erstens wolle die Awo niemanden einstellen, nur damit eine Stelle besetzt sei, und zum andern sei die Ausgangslage so, dass fast jede Bewerberin und jeder Bewerber zwischen fünf guten Angeboten wählen könne.

Andererseits sei die Bewerberlage aber qualitativ nicht überragend: Aus 13 vorliegenden Bewerbungen habe bislang eine Stelle besetzt werden können, drei Gespräche stünden noch an. Geplant sei, so Tim Schopf, bis zum neuen Kindergartenjahr vorsorglich mehr Personal als zunächst erforderlich einzustellen, um künftig für solche Fälle gewappnet zu sein. Zumal es bei neuen Häusern wie etwa auch dem „Purzelbaum“ in der Regel so sei, dass auch mit relativ jungen Teams gestartet werde, und da komme halt irgendwann zwangsläufig der „Babyboom“ – so wie zuletzt im Kinderhaus „Am Schloss“, in dem es drei Krippengruppen und zwei Gruppen für über Dreijährige gibt.

Und eine Ganztagsbetreuung, bei der sich eine zeitliche Beschränkung der Betreuungszeiten naturgemäß gravierender auswirkt als bei einem Regelkindergarten oder einer Einrichtung mit verlängerten Öffnungszeiten, wo die Eltern in aller Regel flexibler und nicht in jedem Fall auf die volle Betreuungszeit angewiesen sind. Theoretisch, sagt Schopf, gäb’s natürlich auch die Möglichkeit, für eine kleine Gruppe von Kindern beziehungsweise Eltern die vollen Öffnungszeiten aufrechtzuerhalten. Aber wer wollte entscheiden, was wirkliche Notfälle sind und was nicht?!

„Es müssen halt die Rahmenbedingungen geschaffen werden“

Was aber ist grundsätzlich zu tun, damit solche Probleme, wie sie jetzt im Kinderhaus „Am Schloss“ aufgetreten sind, nicht überhandnehmen und die Kinderbetreuung nicht im wahrsten Sinn des Wortes zu einem Pflegefall wird? Aus Sicht von Tim Schopf gibt es nur eine Lösung: „Wir alle müssen mehr ausbilden.“ Wobei er die Awo da durchaus auf einem guten Weg sieht, gibt es doch in den beiden Schorndorfer Einrichtungen „Purzelbaum“ und „Am Schloss“ insgesamt neun Auszubildende. Schopf, der seinerzeit aber nicht zuletzt wegen der politischen Dimension des Themas Kinderbetreuung für den Gemeinderat kandidiert hat, in dem er Mitglied der SPD-Fraktion ist, hat aber auch Verständnis dafür, wenn andere wie etwa die städtische (Ober-)Bürgermeisterriege auf die Forderung nach mehr Ausbildung aus finanziellen Überlegungen zurückhaltend reagieren.

Dabei mangele es nicht an jungen Menschen, die Erzieherin oder Erzieher werden wollten. Nur: „Es müssen halt die Rahmenbedingungen geschaffen werden.“ Schließlich, so der Kinderhaus-Leiter, Awo-Geschäftsführer und Schorndorfer Awo-Ortsvereinsvorsitzende, sei Kinderbetreuung genauso eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wie die Pflege. „Wir sind zwar noch nicht die Pflege, aber auf dem Weg dorthin“, malt er ein düsteres Bild davon, wie sich die Personalsituation in Kindergärten und Kindertageseinrichtungen entwickeln könnte – nicht nur bei der Awo, sondern auch bei anderen Trägern.

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