Schorndorf Polizist: Traumberuf mit Nachwuchsmangel

Die zwei Auszubildenden Selin Sönmez und Niklas Dietz gehen mit erfahrenen Kollegen auf Streife, um praktische Erfahrung zu sammeln. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf.
„Polizistin zu sein war schon immer mein Traumberuf“, sagt Selin Sönmez. Die 21-Jährige macht im Moment eine Ausbildung zur Polizeimeisterin. Ihr Kollege Niklas Dietz ist ebenso wie die Schorndorferin im zweiten Lehrjahr und über einen kurzen Umweg auf die Ausbildung gekommen. „Ich habe nach der Schule im Büro gearbeitet, aber das war nicht das, was ich wollte“, so der 20-Jährige. Durch einen Kumpel kam er zur Polizei; ganz neu war die Idee, sich dort zu bewerben, für ihn aber nicht: „Polizist zu werden war ein Kindheitstraum.“

Jeweils 25 000 Stellen sind bei der Bundes- und Landespolizei laut dem Beamtenbund „dbb“ derzeit unbesetzt. Der Mangel an gutem Nachwuchs ist keine Überraschung – schon lange war bekannt, dass die Polizei eine Pensionswelle erwartet. Mit einer Einstellungsoffensive in diesem Bereich wird versucht, dem Wegfall der vielen Polizeibeamten, die in Pension gehen, entgegenzuwirken. Die Polizei muss sich verjüngen – Selin Sönmez und Niklas Dietz sind ein Teil davon.

Zu Beginn ihrer Ausbildung haben die beiden einen einjährigen Basiskurs absolviert. Während dieser Zeit haben sie unter anderem Fächer wie Deutsch und Englisch, aber auch verschiedene Rechtsfächer und politische Bildung belegt. Im Moment lernen sie ihren zukünftigen Beruf bei einem Praktikum im Schorndorfer Revier zwölf Monate lang hautnah kennen und sammeln Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen.

Selin Sönmez genießt dabei vor allem den Umgang mit den Bürgern, zum Beispiel, wenn sie auf Fußstreife unterwegs ist. „Man wird immer wieder angesprochen“, sagt sie. Von der banalen Frage nach dem richtigen Weg bis hin zu komplexeren Anliegen – sie hilft gerne weiter. „Es ist schön, wenn sich jemand bedankt“, findet die junge Frau. „Und wenn man sieht, man kann etwas verändern.“

Die Schichtarbeit war für die Auszubildenden anfangs schwierig

Niklas Dietz gefällt an seiner Ausbildung, dass jeder Tag unterschiedlich ist. „Wenn man zu einem Einsatz fährt, wird Adrenalin ausgeschüttet“, sagt er. „Aber dann ist man auch mal wieder im Revier.“ Es gibt aber auch herausfordernde Aspekte an der Ausbildung bei der Polizei: die Spät-, Früh- und Nachtschichten und die Arbeit am Wochenende zum Beispiel. Auf zweieinhalb Tage Arbeit folgen zweieinhalb freie Tage. Nur jedes fünfte Wochenende haben die Auszubildenden komplett frei.

„Das Schichten hat mir am Anfang schon viel ausgemacht“, sagt der 20-Jährige aus Lorch. „Ich musste mich daran gewöhnen, aber inzwischen stört es mich nicht mehr arg.“ Selin Sönmez sieht das ähnlich. „Wir arbeiten theoretisch durch, aber dafür haben wir danach frei und können auch mal morgens Termine machen, wenn andere arbeiten.“

Ans Mark gehen dafür manche Einsätze. Zum Beispiel, wenn eine Leiche gefunden wird. „Das nimmt mich nicht so extrem mit, dass es zu viel ist“, sagt Selin Sönmez. „Aber es ist natürlich schon traurig.“ Sie erzählt von einem Fall, bei dem eine Tochter die eigene Mutter tot aufgefunden hat. „Da muss man sich gut um die Familie kümmern, sich in die Personen hineinversetzen und Mitgefühl zeigen.“

Auch Gewaltsituationen treten bei Einsätzen öfter auf. „Die Respektlosigkeit der Jugendlichen hier merkt man extrem“, sagt Niklas Dietz. „Es gibt schon Bürger, die einen beleidigen.“ Selin Sönmez war schon öfter in einer solchen Situation. „Es sind oft Alkoholisierte, die beleidigend werden oder zu anderen Mitteln greifen“, berichtet sie. „Die sehen manchmal gar nicht, dass wir von der Polizei sind.“

Von der Theorie zur Praxis: Reale Fälle sind anders als in der Schule

An einem typischen Tag bei der Arbeit fahren die Auszubildenden mit erfahreneren Kollegen zu leichteren Verkehrsunfällen, gehen auf Streife und dokumentieren, was während ihrer Einsätze vorgefallen ist. Außerdem zeigen sie bei größeren Veranstaltungen in der Stadt Präsenz und führen Verkehrskontrollen durch. „Manchmal müssen wir sofort raus, weil ein Unfall auf der B 29 gemeldet wurde, manchmal kommen wir rein und können erst einmal eine Stunde schreiben“, so Niklas Dietz. Die Zeit im Polizeirevier bringt ganz andere Erfahrung mit sich als die Theoriephase im Jahr zuvor.

„In der Schule haben wir viel Theorie, aber auch situatives Handlungstraining“, erzählt Niklas Dietz. „Das ist aber schon ein großer Unterschied zum echten Leben.“ In der Schule sei bei den Rollenspielen schließlich niemand komplett ausgerastet. „Da kann man nicht alles nachspielen“, sagt Selin Sönmez. Die Schülerinnen und Schüler lernen zwar die Sachbearbeitung, aber reale Fälle gestalten sich trotzdem anders. „Wenn man draußen alle Daten aufnimmt und ermittelt, kann das alles schon länger dauern“, sagt Selin Sönmez. „So hatten wir das in der Schule noch nicht.“ Nach ihrem Praxisjahr müssen die zwei Nachwuchskräfte noch einmal sechs Monate lang für ihren Abschlusskurs zurück in die Schule. Selin Sönmez ist sich sicher, dass sie auf dem richtigen Pfad ist.

„Ich kann mir nichts anderes vorstellen“, sagt sie. „Ich finde es toll, dass man sich in einem Beruf so ausleben kann.“ Sie kann sich vorstellen, sich nach der Ausbildung und mit genug Praxiserfahrung für ein Studium an der Polizeihochschule zu bewerben, um in den gehobenen Dienst aufzusteigen und dann vielleicht zur Kriminalpolizei zu gehen. Niklas Dietz zieht es hingegen zur Bereitschaftspolizeidirektion in Göppingen. „Aber ich bin ja noch nicht so lange draußen“, sagt er. Zuerst einmal wollen die beiden die Ausbildung beenden.

Viele Betriebe in der Region klagen über Fachkräftemangel. Unternehmen berichten, dass sie nur schwer geeigneten Nachwuchs finden. Besonders im Lebensmittelhandwerk und der Gastronomie gibt es dabei Schwierigkeiten. Wir stellen Auszubildende vor, die Berufe ausüben, die sonst kaum einer machen will.


Polizist/-in

Ausbildungszeit: 2,5 Jahre

Ausbildungsvergütung nach Tarifvertrag (netto):
1. Jahr: 1 200 Euro
2. Jahr: 1 250 Euro
3. Jahr: 1 300 Euro

Gehalt im ersten Jahr nach der Ausbildung: 2 150 Euro (netto)

  • Bewertung
    25
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!