Schorndorf Post-Punk-Band Idles in ausverkaufter Manufaktur

Die Bristoler Punks Idles rissen die Manufaktur in Schorndorf nach allen Regeln der Kunst ab. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf. Idles sind wütend. Sehr, sehr wütend. Doch statt sich in ihrer schlechten Laune zu verlieren oder diejenigen zu verkloppen, die ihnen auf den Keks gehen, lassen sie ihre Musik zum Ventil werden. Ihr Konzert am Samstag in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Manufaktur in Schorndorf ist das intensivste, direkteste und beste, das der geneigten Besucherschaft in diesem Jahr bislang geboten wurde.

Mit dem Opener ihres aktuellen Albums „Joy as an Act of Resistance“ eröffnen Idles am Samstag ihr Set. „Colossus“ beginnt zurückgenommen, Sänger Joe Talbot murmelt sein „goes and it goes and it goes“ ins Mikro, erst leise, dann immer dringlicher, es geht langsam, aber sicher dem Abgrund entgegen, an dessen tiefster Stelle ein fies bezahntes, fünfköpfiges Biest wartet. Abwärts, abwärts, das Biest beißt zu, die Dämme brechen.

Idles sind kein Sportwagen, der sich elegant durch Serpentinen schlängelt, sie sind eine Dampfwalze, die unaufhaltsam alles niedermacht, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Mark Bowens und Lee Kiernans Gitarren sind laut, fies verzerrt und gerne auch mal dissonant. Von herkömmlichem Riffing haben die beiden sich über weite Strecken autonomisiert, erzeugen lieber eine Lärmwelle nach der anderen, die in den proppenvollen Saal der Manufaktur wogen. Jon Beavis bearbeitet sein Drumkit mit der Wucht und Präzision einer hydraulischen Presse. Adam Devonshire, vollbärtiger, glatzköpfiger Hüne, ist nur optischer Ruhepol – sein Bassspiel füllt die Bäuche des Publikums, mitunter kläfft er auch heiser ins Mikro.

Regressiver Brei in den Fugen der Gesellschaft

Joe Talbot am Mikro ist zu guter Letzt ein Frontmann wie aus dem Lehrbuch. Er schreit, bellt und skandiert, klopft sich mit der Faust immer wieder so fest gegen den Brustkorb, dass man unwillkürlich Angst um seine Rippen bekommt. Der Mann ist wütend, und diese Wut artikuliert er in beißenden Parolen. Er wettert gegen soziale Ungerechtigkeiten, gegen überholte Geschlechterrollen, gegen sexuelle Gewalt, gegen den ganzen regressiven Brei, der in den Fugen der Gesellschaft sitzt und sich langsam ausbreitet. Und natürlich gegen den Brexit und seine Verursacher. „We love the European Union“, versichert er dem Publikum, das ihm mit Jubeln und Applaus antwortet.

Trotz der Rohheit und des musikgewordenen Zorns herrscht am Samstag eine angenehm positive, irgendwie anarchische Grundstimmung. Bowen und Kiernan unternehmen regelmäßige Ausflüge ins Publikum, reichen ihre Gitarren herum und wirbeln und wurschteln so energiegeladen über die Bühne, dass es kein Wunder ist, dass sie nach fünf Minuten komplett nass geschwitzt sind. Joe Talbot macht indes vor, wie man Aggressionen begegnen sollte: Einen jungen Mann, der ihm den Mittelfinger gezeigt hat, holt er kurzerhand auf die Bühne und begegnet ihm mit Sympathie und Nachsicht - eine Welt voller Talbots wäre definitiv ein besserer Ort.


Manu-Konzerte

Am Dienstag, 16. April, sind The Wave Pictures zu Gast: Indie-Rock ohne Attitüde, aber dennoch mit gehörigem Selbstbewusstsein. Beginn um 20.30 Uhr.

Shonen Knife spielen am 10. Mai in Schorndorf. Die legendäre Band aus Japan tourte einst mit Nirvana durchs Vereinigte Königreich, Kurt Cobain war zeitlebens großer Fan des Trios.

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