Schorndorf Radlerin stirbt nach Unfall: Transporterfahrer verurteilt

Für Autofahrer unübersichtlich, für Radfahrer sehr gefährlich: die Kreuzung Burg-/Friedrichstraße. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. Dass die Kreuzung Burg-/Friedrichstraße für Fahrradfahrer höchst gefährlich ist, darüber herrschte in der Verhandlung im Amtsgericht Schorndorf große Einigkeit. Richterin Petra Freier hat einen 21-Jährigen dennoch zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt: Im Februar hatte der Transporterfahrer dort eine 81-jährige Radfahrerin übersehen, die sich beim Zusammenstoß schwer verletzte und in der Folge im Krankenhaus verstarb.

Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit – und nichts ist mehr wie zuvor: Wie sehr der tragische Unfall den 21-jährigen Anlagenmechaniker mitgenommen hat, der an einem Dienstagmittag im Februar von einem Kunden in der Friedhofstraße kam und über die Friedrich- in Richtung Burgstraße weiterfahren wollte, war in der Verhandlung noch zu spüren. Tränen und Erschütterung auf der Anklagebank, Tränen aber natürlich auch bei den Angehörigen im Zuschauerbereich: Die 81-jährige Winterbacherin, die auf dem Fahrradweg an der Burgstraße stadtauswärts unterwegs war, wurde mitten aus dem Leben gerissen. Trotz ihres Alters noch fit und oft mit dem Fahrrad unterwegs, hat sie sich um Haushalt und Hund, ja um die ganze Familie gekümmert.

Ausfahrt: Unübersichtlich und „wahnsinnig gefährlich“

Doch die Sichtverhältnisse sind an dieser Stelle auch wirklich schlecht: Autofahrer, die von der Friedrichstraße kommen, müssen bis in den Radweg hineinfahren, um überhaupt in die Burgstraße einsehen zu können. Und Radfahrer, die auf dem Fahrradweg an der Burgstraße unterwegs sind und Vorfahrt haben, sehen Autos dort – wegen einer Gartenmauer mit Hecke – erst im letzten Moment. „Die Ausfahrt“, urteilte Richterin Petra Freier, nachdem sie sich die Situation vor Ort angeschaut hatte, „ist wahnsinnig gefährlich“.

Rotes Warndreieck viel zu klein

Das konnte der Radfahrer, der ungefähr 15 Meter hinter dem Opfer gefahren und jetzt als Zeuge geladen war, nur bestätigen: Der 56-Jährige wohnt in der Ludwigstraße, fährt jeden Tag an der Unfallstelle vorbei und sagt: „Das ist unsäglich.“ Und selbst das rote Warndreieck, das die Stadt nach dem tödlichen Fahrradunfall auf die Straße hat pinseln lassen, ist nach Dafürhalten der Prozessbeteiligten viel zu klein – und überhaupt kein Garant dafür, dass die Autos vor dem Radstreifen halten. Ob ein Verkehrsspiegel, wie vom Zeugen vorgeschlagen, zu mehr Übersichtlichkeit beitragen könnte, das allerdings bezweifelte ein ebenfalls geladener Polizeioberkommissar in der Verhandlung.

Transporterfahrer hätte die Radfahrerin sehen müssen

Eine Entschuldigung ist das alles freilich nicht: Der 21-jährige Transporterfahrer hätte die Radfahrerin, die auch eher in gemütlichem Tempo unterwegs war, auch so sehen müssen. Warum er es nicht tat, dafür hat er selbst keine Erklärung: Als er an der Kreuzung an der weißen Linie angehalten und nach rechts in die Burgstraße abbiegen wollte, habe er vor dem Losfahren erst nach rechts und dann nach links geschaut. Außerdem, so schildert es der 21-Jährige, sei er auch gar nicht besonders in Eile gewesen, sondern unterwegs in die Mittagspause, und damals sogar „relativ glücklich“; drei Tage zuvor hatte er seiner Lebensgefährtin einen Heiratsantrag gemacht. Bemerkt hat er die 81-Jährige trotzdem nicht, sondern plötzlich einen Knall gehört und im Außenspiegel gesehen, dass ein Mensch fällt.

Ständig den Kontakt gehalten, bis zur Beerdigung

Obwohl er danach unter Schock stand – „ich hab im Auto zehnmal Neinnein geschrien“ – arbeitete er an diesem Tag weiter, um nicht ständig an den schrecklichen Unfall denken zu müssen. Am Abend aber ist der 21-Jährige ins Krankenhaus gefahren, um sich nach dem Unfallopfer zu erkundigen. So wie er in der Folgezeit ständig den Kontakt zu den Angehörigen gehalten hat und später auch bei der Beerdigung war.

Arzt: "Ich dachte, dass sie das ohne Probleme überleben würde"

Doch zunächst, so rekapituliert es auch der behandelnde Oberarzt aus dem Krankenhaus in der Verhandlung, sah es danach aus, als würden die Knochenbrüche und Prellungen verheilen. Dass die 81-Jährige 32 Tage nach dem Unfall an einer Lungenentzündung gestorben ist, könnte auch vom Beatmungsschlauch ausgelöst gewesen sein, mit dem sie im Krankenhaus versorgt wurde. Wegen der vielfachen Arm-, Rippen- und Kieferbrüche sowie einer Schädeldeckenfraktur hatten die Ärzte sie ins künstliche Koma gelegt. Vermutlich wären die Verletzungen etwas geringer ausgefallen, hätte die Radfahrerin einen Helm getragen. Tatsächlich waren sie aber nicht lebensgefährlich: „Ich dachte, dass sie das ohne Probleme überleben würde“, sagt der Arzt im Nachhinein.

Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung

Diesen tragischen Unfall zu verhandeln, das war auch für Richterin und Staatsanwalt kein alltägliches Verfahren. Und doch: Wegen fahrlässiger Tötung wollte Richterin Petra Freier in diesem Fall nicht nur eine Geldstrafe verhängen, wie von der Verteidigerin gefordert. Sie verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung, blieb damit aber unter der Forderung des Staatsanwalts: Dieser hatte eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung und eine Geldbuße von 4000 Euro sowie ein viermonatiges Fahrverbot für angemessen gehalten.

Angeklagter: "Es tut mir leid"

So lange darf der 21-Jährige auch tatsächlich nicht Auto fahren. Ob er die 3000 Euro Geldbuße, die die Richterin festsetzte, an die Familie des Opfers oder eine gemeinnützige Einrichtung bezahlen soll, muss noch entschieden werden. Für die Richterin jedenfalls war dieser „tragische Unfall“ nicht nur eine, wie von der Rechtsanwältin formuliert, „Verkettung unglücklicher Umstände“, sondern nicht nachvollziehbar: „Das hätten Sie vermeiden können.“ Der Angeklagte konnte am Ende nur so viel sagen: „Es tut mir leid.“


Löchriges Schorndorfer Radwegenetz

Von einem durchgängigen Radwegenetz ist Schorndorf noch weit entfernt. Es werden zwar immer wieder Lücken geschlossen, wie zuletzt durch die Verbindung von der Burg- zur Feuerseestraße, viel zu oft sind Radfahrer in Schorndorf aber vor die Situation gestellt, dass Radwege plötzlich enden (wie in der Karlstraße) oder über Zebrastreifen geleitet werden. Damit sich die Situation auf den Radwegen kontinuierlich verbessern kann, sind im Haushalt der Stadt jährlich 50 000 Euro eingestellt. Allerdings: Der Topf ist nach Auskunft von Herbert Schuck, Fachbereichsleiter Infrastruktur, bisher nicht immer ausgeschöpft worden.

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