Schorndorf Rathaussturm: Den Stadtoberen die Leviten gelesen

Schorndorf. Kurz vor drei war es, da grüßten die Stadtoberen, als Bienen verkleidet, noch lächelnd vom Rathausbalkon. Die Hexen waren da bereits im Anmarsch, wenig später drangen sie in das Herz der Stadtverwaltung ein und trieben OB Klopfer und seine Mannschaft vor das Rathaus. Doch die schienen davon wenig beeindruckt, auch wenn die Hexen ihnen heftig die Leviten lasen.

„Bss, bss“, summt Edgar Hemmerich entspannt, als er sich von den gar fürchterlichen Hexen aus dem Rathaus am Marktplatz treiben lässt. Der Erste Bürgermeister - Bienenkostüm, Sonnenbrille, Gesicht geschminkt - scheint keine Angst zu haben vor dem, was ihn wenig später erwartet. Und auch Matthias Klopfer macht einen entspannten Eindruck. Der Oberbürgermeister beginnt, als er das Rathaus verlässt, umgehend damit, zur Guggenmusik zu tanzen. „We’re not gonna take it“ von Twisted Sister spielen die Donzdorfer mit Katzenköpfen verkleideten Gugga „Nodabiarg“ da gerade.

Das Rathaus ist am Schmotzige Doschtig nicht die erste Station der Hexen und Narren. Von der Heilig-Geist-Kirche aus haben sie bereits für eine Stunde die Stadt durchstreift. Dabei den Martin Luther vor dem gleichnamigen Haus liebevoll dekoriert und mit einem Glas Prosecco versorgt, das Künkelin-Rathaus mit Konfetti bestreut und die Innenstadt mit lauter Fasnetsmusik beschallt.

Von Zoff und Uneinigkeit zwischen „Hemmi“ und Klopfi“

Das Zentrum der Macht ist aber unbestritten die wichtigste Station des närrischen Hexentreibens. Und auch wenn in diesem Jahr der Publikumsandrang überschaubar blieb: Ein Spektakel ist es allemal, wenn der OB sich zum Affen, pardon: zur Biene machen lässt und dazu noch lächeln muss. Wobei er in dem Insektenkostüm (eine, wie sollte es auch anders sein, Anspielung auf die kommende Gartenschau) gar keine so schlechte Figur macht – obwohl die runde Bienentaille den sportlichen Klopfer zum gemütlichen Schlaffi werden lässt.

Wer weiß, vielleicht lässt es sich ja nur so ertragen, was ihm die Hexen gar Schlimmes vorhalten. Denn die gereimten Leviten gehen hart ins Gericht mit Klopfer und seiner Mannschaft. Zank, Uneinigkeit und schlechte Kommunikation gebe es dort zuhauf. Und manch schlechte Stimmung zwischen Oberem und Erstem Bürgermeister obendrein. Etwa bei der Sicherheitsdiskussion vor der SchoWo. Zitat: „Der Hemmi sagt: Absperra beim Feschd muss sei / der Klopfi sagt: Du schwätzsch mer net nei“. Und dann schicke der OB den Gemeinderat vor die Türe, ein Eis essen – „damit dr oi oder ander no mee verdickt“. Mit einem Eis sei es aber mitnichten getan. „Do misset er schon boide zamma ran“, so der Ratschlag der Hexen, für den es viel Applaus gibt.

Ein wenig fies sind sie halt schon, diese Hexen

Jedoch: „Mit dem Klopfer braucht mer net schwätza / der woiß später nix mee / au net seine Versprecha“. So gehe es eben in der hohen Politik: „Sich raushalta isch do immer schick“. Apropos Kommunikation: Bei der SchoWo sei die ja „miserabel“ gewesen (auch wenn dies, ehrlich gesagt, mehr auf die Polizei als auf den OB zutrifft). Ein wenig fies sind sie halt schon, diese Hexen. Kein Wunder, dass ihnen die Vorfälle bei der letztjährigen SchoWo keine Angst machen. Wären sie auf dem Stadtfest begrapscht oder bedrängt worden, sie hätten sich dies nicht gefallen lassen, sich vielmehr mit ihren Besen verteidigt.

Und noch was brennt den Hexen auf den Nägeln: Da hieße es immer, die Stadt sei familienfreundlich, doch dann würden die Kita-Beiträge erhöht, „dass es kracht“. Unverständlich vor allem aus einem Grund: „Zu was“, so die Hexen, „hemmer an rota OB, wenn er net d’Zahla frisiert?“ Klopfer, der in diesem Jahr 50 werde, solle daher besser aufpassen, so der Rat der Hexen. Nicht, dass am Ende bei seinem Geburtstag niemand erscheint. Harter Tobak.

Eine Stunde lang war närrisches Treiben auf dem Marktplatz

Klopfer nimmt’s sportlich, lächelt, applaudiert brav, wohl wissend, dass ihn eine ähnlich gepfefferte Rede wohl erst wieder in einem Jahr erwarten wird. Das Schlimmste also bereits überstanden und das närrische Rahmenprogramm, mit dem die Hexen den Marktplatz für eine knappe Stunde unterhalten, nicht annähernd so gepfeffert ist:

Acht Minihexen, die zu dem Lied „Up, up, up“ aus dem Film „Bibi und Tina“ synchron tanzen. Zwei Damen der Funkengarde 1. SMTV, die sich wacker und ihre Beine bis an die Köpfe hochschlagen. Dazwischen Hexen, die Zuschauern Zahlen auf die Gesichter malen, Konfetti versprühen und Bonbons verteilen (dem Reporter gar welche in den Nacken stecken). Und eine Stadtgarde, die für Anklänge von Karnevalsstimmung sorgt.

Jonglierende Bienen und Zungenbrecher

Ein Quiz für die Stadtoberen gibt es obendrein. Dazu müssen sich die acht Männer und Frauen in zwei Gruppen aufteilen. Die vier Sonnenbebrillten um Matthias Klopfer treten gegen die Gruppe um Bürgermeister Thorsten Englert an. Dabei müssen die als Bienen Verkleideten mit Tüchern jonglieren, Tierstimmen imitieren, Zungenbrecher aufsagen oder Kordeln aus Stoffstreifen flechten. Die Gruppe um Bürgermeister Thorsten Englert obsiegt schließlich. Größter Erkenntnisgewinn dabei: Der OB kann keinen Hefezopf backen, seine Frau aber (laut Klopfer) auch nicht.

Als die Gugga von „Nodabiarg“ am Ende „Von den blauen Bergen“ vortragen, dazu Hexen, Garden und Stadtobere gemeinsam tanzen, spielt aber auch das keine Rolle mehr. Nach einer knappen Stunde ist der Spuk vorbei, die Bienen können zurück in ihren Stock. Die Stadt will schließlich geführt werden.


Die Remstalbiene

Auch das Maskottchen der Remstal-Gartenschau hatte sich unters Publikum gemischt. Der Weg war nicht weit. Ist doch das zentrale Büro für die interkommunale Veranstaltung 2019 direkt gegenüber dem Rathaus.

Im Gegensatz zu den Stadtoberen wirkte die nach wie vor namenlose Remstalbiene aber ziemlich wuchtig.

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