Schorndorf Renate Busse wird 75

Renate Busses Kino-Jahreszahlen in einer langen Reihe – zu sehen an der Bilderwand im ersten Stock der Manufaktur. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. 75 ist Renate Busses Zahl des Jahres: Am Sonntag feiert die Künstlerin Geburtstag. Das Jubeljahr hat eine Retrospektive mit Werken aus 40-jähriger Schaffenszeit in den Galerien für Kunst und Technik eingeläutet. In ihrem Lebenslauf der vergangenen 20 Jahre spielen aber noch ganz andere Ziffern eine Rolle: Jahreszahlen, die sie Jürgen Frank vom Kino Kleine Fluchten seit 1996 geschenkt hat, hängen jetzt an der Bilderwand der Manufaktur.

Video: Renate Busse mit ihren Jahreszahlen

Für den Videodreh macht Renate Busse schon mal einen Lebenslauf: Gestenreich joggt sie an den Jahreszahlen vorbei, die seit 1996 in ihrem Atelier aus Holz, Stoff oder Pappe entstanden sind. Und zwar in doppelter Ausfertigung: Eine Zahl hat sie für Jürgen Frank gemacht, die zweite stets für sich selbst. Seit 20 Jahren ist das Renate Busses Jahresanfangs-Ritual. Jetzt ist die Werkserie, die Frank im Aufführungsraum des Manufaktur-Kinos aufbewahrt hat, erstmals komplett zu sehen. Und selbst für die Künstlerin war der erste Gesamteindruck überwältigend: Sie begreift die Zahlensammlung als Teil ihrer Biografie, ihres Lebenslaufs: „Alle Zahlen“, sagt Busse, „haben etwas damit zu tun, womit ich mich beschäftigt habe.“

Und angefangen hat alles mit Franks freundlichem Angebot, dass die Künstlerinnen und Künstler, die Mitte der 1990er Jahre im Dunstkreis der Manufaktur lebten und arbeiteten, freien Kino-Eintritt haben sollten. Renate Busse, die sich mit Bildhauerin Annette Mürdter und dem Saxofonisten Jochen Feucht eine Wohnung im städtischen Atelierhaus im Hammerschlag 8 teilte, honorierte diese Großzügigkeit mit einer Kunstgabe. Und tut das bis heute: Die aktuelle Jahreszahl stellt Jürgen Frank immer hinter der Kinotheke aus – bis sie Anfang des kommenden Jahres von ihrer Nachfolgerin abgelöst wird.

Und mag die ‘96 noch zurückhaltend wirken, Busse ist von Jahr zu Jahr tiefer eingetaucht ins Zahlenspiel: Für die bunte ‘97 hat sie schon eine alte Tür zersägt und Anfang 1998 die ersten Obstkisten-Teilchen grob zusammengetackert. Von der 1999 sagt Renate Busse selbst, dass sie „ganz brav ist“, einfach nur in Rot, Gelb und Blau. Schon üppiger die 2000: Aus dickem Holz gesägt, hängt die dreifache Null wie eine Traube zusammen. Dann folgt die längs getackerte 2001 – und 2002 präsentiert sich als Baby-Klappbüchle samt klingenden Glöckchen.

Dolce Vita, Nagellack-Phase, Blumenstöffchen

Die 2003 erscheint wie in den Rosteimer gefallen, 2004 dann die erste Obstkisten-Spielerei. Es folgt eine mit Kordeln verbundene Zahlenreihe, die nächste hat Busse aus den Resten eines bemalten Paravents gesägt – und Bohrmaschinenspuren hinterlassen. 2007 fühlte sie offenbar italienisch – Dolce Vita mit Cinema, Wäsche auf der Leine und Gemüsehändler. Die nächste Jahreszahl hat sie in einer Obstschale versteckt. Ach ja, und 2009 war die Nagellack-Phase. Für 2010 hat Renate Busse kunterbunte Holzreste zusammengetackert. Die 2011 hat sie auf einen chinesischen Pappdeckel gezeichnet – und im Ornament-Dschungel die Widmung „Für das Kino Kleine Fluchten“ versteckt. 2012 spiegelt sich und 2013 kommt in gefüttertem Blumenstöffchen daher: Das Kleid, von Hannah Dittrich genäht und von Busse bemalt, trägt die Künstlerin zur Feier ihres Jubiläums gerade mal wieder öfter. Die aufwendigste Zahl ist aber sicher die 2014: aus Obstkisten-Ecken in Tangram-Manier zusammengefügt – und zuvor die Klötzchen alle auf gleiche Größe gebracht. Die fruchtige 2015 findet Busse selbst „zum Reinbeißen“. Und die 2016 ist einfach nur putzig: mit Holzperlen an der Schnur – und offenem Boden. Dafür hat sie sich Anfang des Jahres extra ein dickes Brett gekauft. In Bordeaux-Rot gestrichen und mit orientalischen Ornamenten bemalt, ist die aktuelle Jahreszahl für die Künstlerin tatsächlich Ausdruck ihres aktuellen Lebensgefühls: „Alles offen.“

Renate Busse

Renate Busse wurde am 24. Juli 1941 als viertes Kind von Lotte und Otto Sigel in Würzbach/Calw geboren. Kurz nach der Geburt fiel ihr Vater im Krieg. Renate Busse wuchs in Stuttgart auf, besuchte das Königin-Charlotte-Gymnasium und wurde 1959 in die Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart aufgenommen, wo sie vor allem bei Prof. Manfred Henninger studierte. Mit ihren drei Kindern zog sie zuerst nach Winterbach und 1978 nach Schorndorf.

Es folgten zahlreiche Wohnorte, Reisen und Ausstellungen im In- und Ausland (Tulle, Thessaloniki, New York): 1995 zog die Schorndorfer Künstlerin in das städtische Atelierhaus Hammerschlag 8 und teilte sich eine Wohnung mit der Bildhauerin Annette Mürdter und dem Saxofonisten Jochen Feucht. In diese Zeit fiel auch die Gründung ihrer legendären „Südfrucht-GgO – Gesellschaft für gemaltes Obst“. Von 2000 bis 2005 war Renate Busse Betreiberin der Schorndorfer „Galerie Zitrone“ in der Vorstadtstraße. Heute arbeitet sie im „Atelier im Bahnhof“.

Renate Busses Jahreszahlen von 1996 bis 2016 sind noch bis zur Schorndorfer Kunstnacht am Samstag, 17. September, an der Bilderwand im ersten Stock der Manufaktur zu sehen.

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