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Schorndorf/Rudersberg Das Auto bewusst als Waffe eingesetzt

Symbolbild. Foto: Schneider / ZVW

Schorndorf/Rudersberg. Für einen 23-jährigen Audifahrer war’s das Ende einer wilden Verfolgungsjagd. Die drei Motorradfahrer, die von ihm am Kreisel beim Rudersberger Schulzentrum angefahren wurden, sind sich keiner Schuld bewusst – und haben letztlich recht bekommen: Amtsgerichtsdirektorin Doris Greiner verurteilte den Autofahrer wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und kassierte seinen Führerschein.

So unschuldig, wie sich die Motorradfahrer in der Verhandlung geben, waren sie an diesem Sonntagnachmittag im März sicher nicht. Mit stark überhöhter Geschwindigkeit, das jedenfalls sagte ein als Zeuge geladener pensionierter Polizeibeamter in der Verhandlung aus, sind zwei von ihnen, dicht am Audi dran, durch Rudersberg gerast. „Da möchten zwei nicht heimkommen“, ist dem Polizisten noch durch den Kopf gegangen. Wenig später sei ein Dritter ebenfalls mit 70 Sachen durch den Ort gefegt. So schnell seien sie gewesen, dass der 56-Jährige, der mit seiner Ehefrau im Auto gesessen hatte und bei freier Fahrt eigentlich von der Falken- auf die Wieslauftalstraße hätte einbiegen können, lieber noch gewartet hat. Ihm war die Situation zu gefährlich. Und er sah sich wenig später bestätigt: Am Kreisel beim Schulzentrum sah er die Motorräder auf der Straße liegen und ging vom Ende einer wilden Jagd aus. „Ich dachte, sie sind ineinander reingefahren.“

Autofahrer fühlte sich wohl von den Bikern bedroht

Dass dem nicht so war, erfuhr er an der Unfallstelle. Und tatsächlich hat die Auseinandersetzung mit dem 23-jährigen Audifahrer, der im Übrigen noch vom Vortag bekifft war, offenbar schon auf der Strecke von Althütte den Wald hinunter begonnen. Dort, so die Version des Autofahrers, fühlte er sich von den Bikern, die ihn knapp überholten, bedroht. Weil er gehupt hatte, habe ihn einer der Motorradfahrer am Bahnübergang in Oberndorf ausgebremst, um ihn zur Rede zu stellen. Er habe Panik bekommen, sei über den Gehweg ausgewichen, davongefahren und habe sich plötzlich von zwei Motorradfahrern verfolgt gesehen, einer habe ihm sogar mit dem rechten Fuß gegen die Fahrertür getreten. Beim Kreisverkehr fuhr der Welzheimer dann, weil er ständig in den Rückspiegel schaute, „aus Versehen“ auf einen der Biker auf, der mit seiner zwölfjährigen Tochter als Sozia am Fußgängerüberweg angehalten hatte. Als der Motorradfahrer, den er bis in den Kreisverkehr hineingeschoben habe, nach dem Sturz auf ihn zugekommen sei, sei er von der Situation überfordert gewesen, habe Angst bekommen und schnell zurückgesetzt. Dabei sei er auf das hinter ihm stehende Motorrad aufgefahren und habe beim Davonfahren auch noch den dritten Biker gestreift. Warum er denn überhaupt davongefahren sei, wollte die Richterin wissen. Antwort: „Ich wollte nicht von drei Leuten eins auf die Schnauze bekommen.“

Motorradfahrer: "Wir wussten ja gar nicht, was passiert ist"

Die drei Motorradfahrer, die als Zeugen geladen waren, schilderten den Vorfall im Anschluss ganz anders: Von Althütte nach Klaffenbach unterwegs, konnten zwei den Audifahrer überholen, beim dritten sei dieser immer wieder nach links rübergezogen, um den Motorradfahrer nicht vorbeizulassen. „Das war“, sagte dieser, „sehr brenzlig und sehr knapp.“ In Klaffenbach, wo die beiden auf ihren Kumpel gewartet haben, wollte der den Autofahrer zur Rede stellen. Bedroht, versichern die beiden Wartenden, hätten sie den Audifahrer nicht – „wir wussten ja gar nicht, was passiert ist“. Eine Verfolgungsjagd mit dem 23-Jährigen hätten sie sich nicht geliefert: „Ich hatte meine zwölfjährige Tochter hintendrauf.“ Und ein Autofahrer, der am Kreisel stand und Zeuge des Unfalls war, bestätigt: „Die Motorradfahrer haben sich normal verhalten.“

Acht Meter weitergeschoben

So muss der Schlag von hinten wie aus dem Nichts gekommen sein. Acht Meter habe der Audifahrer das Motorrad, auf dem der 44-Jährige mit seiner zwölfjährigen Tochter noch saß, in den Kreisel hineingeschoben. Als der Audi dann zurücksetzte, konnte der hintere Biker gerade noch von seinem Fahrzeug abspringen. Der dritte Motorradfahrer, der mittlerweile ebenfalls den Kreisel erreicht hatte, sei vom Audi gestreift worden. Prellungen und Schürfwunden haben sich die hinteren Motorradfahrer zugezogen, beim vorderen ist der Innenmeniskus am Knie angerissen; er musste operiert werden und acht Wochen an Krücken gehen. Die Zwölfjährige erlitt einen Schock. An allen drei Motorrädern entstand erheblicher Sachschaden. Hätten sie, wie geplant, in Rudersberg nach links Richtung Welzheim fahren können, das Ganze wäre aus ihrer Sicht gar nicht erst passiert – „aber die Straße war gesperrt“.

Bewährungsstrafe und zwei Jahr Führerschein-Entzug

Dass es auf beiden Seiten Verkehrsverstöße gab und zu schnelles Fahren, das wollte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer schließlich gar nicht in Abrede stellen. Doch er sieht im Vorfall am Kreisel den „Kern der Sache“: Und hier habe der Angeklagte sein Fahrzeug bewusst eingesetzt, um Schaden anzurichten. Wegen dieses vorsätzlichen, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und der gefährlichen Körperverletzung plädierte der Staatsanwalt für eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Eine Einschätzung, der das Schöffengericht in seinem Urteil letztlich auch folgte – allerdings mit geringerem Strafmaß: Der 23-Jährige wurde zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt und muss den Führerschein für zwei Jahre abgeben. Aus Sicht des Verteidigers eine zu hoch gegriffene Strafe: Er sieht eine Straßenverkehrsgefährdung bei seinem Mandanten – und eine deutliche Mitschuld bei den Motorradfahrern . Dass sein Mandant sein Auto als Waffe eingesetzt hat – „das glaube ich nicht“.

Mehr Glück als Verstand

Doch Amtsgerichtsdirektorin Doris Greiner wurde in der Urteilsbegründung noch einmal deutlich: Der 23-Jährige habe mehr Glück als Verstand gehabt. Beim Schieben des Fahrzeuges hätte Schlimmeres passieren können – „und dann würden Sie nicht hier sitzen, sondern vor dem Landgericht“.

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