Schorndorf S-Bahn-Inspektion mit Sebastian

Schorndorf. Gestern um 16.03 Uhr fuhr in Schorndorf die neue S-Bahn los, der 430er, das Nachfolgemodell des 420ers, unterwegs auf Probetour unter Alltagsbedingungen. Mit dabei war einer der wohl jüngsten, aber garantiert kompetentesten Bahnverkehrsexperten, die der Rems-Murr-Kreis je hervorgebracht hat: Sebastian Rausch, zehn Jahre alt.

Eigentlich, so hatten wir von der Zeitung das geplant, sollte diese Geschichte vom Politikum S-Bahn handeln, da gibt’s ja immer was zum Aufregen. Ärger um die Trittstufen thematisieren. Verspätungsstatistik zitieren. Vielleicht noch ein bisschen Stuttgart 21 mit reinpacken. Bringen die neuen 430er was? Oder wird das mit der Unpünktlichkeit so weitergehen wie bei der Vorgängergeneration? Das war unser Plan, als wir uns nach Schorndorf aufmachten.

Aber dann kam Sebastian dazwischen.

Denn um 16.03 Uhr soll der 430er in Schorndorf gen Stuttgart abfahren, und um 15.40 Uhr steht da am Gleis schon dieser Junge und drückt sich die Nase platt an der Scheibe des noch verschlossenen Zuges.

Äh, hallo, wie heißt du? Sebastian, aha – weißt du, dass das ein nigelnagelneuer Zug ist? Zu diesem Zeitpunkt ahnt der Reporter noch nicht, dass er genauso gut Cristiano Ronaldo fragen könnte, wie das runde Ding heißt, das ins Tor fliegt, wenn man mit dem Fuß dagegentritt.

Sebastian antwortet: „Fast jeden Tag guck ich schon, ob ein ganz Neuer fährt.“ Und dann habe er in der Zeitung gelesen: Heute um 16.03 Uhr ist es so weit.

Sebastian, fährst du nachher mit diesem Zug? Natürlich, sagt Sebastian – oder was würde Ronaldo machen, wenn er den Keeper schon umspielt hätte und das leere Tor zwei Meter entfernt stünde?

Um 15.45 Uhr öffnet sich mit leisem Pffft die Tür, und „jaaaa“, hörst du’s neben dir beseelt seufzen, während du dir grade was in den Schreibblock notierst. Du schaust auf und denkst: Wo ist Sebastian?

Ach so, er guckt bereits von innen raus.

Erste Eindrücke aus dem Zug: Riecht neu. Sieht neu aus. Nicht so wahnsinnig viel anders als die alten. Die Sitzbezüge wie früher mittelblau mit dunkelblauen Vierecken. Was auffällt, sind die fehlenden Trennwände, der Blick reicht vom Zugende
durch einen langen Korridor bis ganz nach vorne – schön! Und keine Graffiti (nun ja, das wird sich ändern; während manche Tiere brunzend ihr Revier markieren, müssen manche Menschen überall ihren Künstlernamen hinsprayen).

Aber das sind nur die Beobachtungen eines journalistischen Bahn-Dilettanten – Sebastian ist derweil schon mitten in der Generalinspektion: Fotografiert per Handy die Decke. Den Fußboden. Die SOS-Sprechstelle. Die Anzeige-Monitore. Kniet auf einen Sitz, um einen besseren Dokumentaristen-Blick in den Fahrerstand mit all den Apparaturen zu haben – „geil!“ Geht in die Hocke, um die elegante Lichtschranke an der Eingangstür zu knipsen – „beim alten war da ein fetter Bewegungsmelder. Hab ich auch Bilder davon.“

Und während der Zeitungsmensch berufsnörglerisch nach Kritikpunkten sucht (also, dieses Staccato aus 30 Piepstönen, das einem ins Ohr fräst, bevor die Tür sich schließt – hätte man das nicht etwas melodiöser gestalten können oder wenigstens kürzer?), kümmert sich der Sachverständige um die wirklich wichtigen Dinge: drückt prüfend auf die Sitze; betastet fachmännisch die Haltegriffe.

Und nun geschieht etwas Wunderbares: Der Zug fährt an! Sebastian schweigt ehrfürchtig – denkt zumindest der Reporter.

In Wahrheit lauscht Sebastian konzentriert. Das wird offenbar, als er kurz darauf befindet: „Der Anfahrtston hört sich gleich an wie beim alten.“

Sag mal, fährst du öfter Zug? „In die Schule sowieso. Aber auch Regiotouren. Erst kürzlich war ich in Geislingen.“ Und du interessierst dich für die S-Bahn oder für Züge allgemein? „Alles eigentlich. Da“, er wischt mit dem Finger durch die Bilderdatei auf seinem Handy, „da hab ich die Zacke.“ Zacke? „Zahnradbahn. Den Wiesel hab ich auch. Und hier die S-Bahn, aber halt eine Generation älter.“

In Winterbach trennen sich die Wege: Der Schreibmensch fährt weiter bis Waiblingen, zurück in die Redaktion, Sebastian steigt aus, er muss gleich zu den Pfadfindern. Auf dem Bahnsteig stellt er schnell noch sein Handy auf „Record“, um den Anfahrtston aufzuzeichnen. Pffft und Pieps, Tür zu – tschau, Sebastian!

Und während einer der kleinsten, nein, größten Zugverkehrsexperten in der Ferne verschwindet, denkst du dir: Okay, das war’s mit einem kritischen Hintergrundbericht über die S-Bahn-Situation, was du grade erleben durftest, war einfach viel besser – Mannomann, dieser Sebastian, der kennt sich vielleicht aus! Einen besseren Botschafter für den Bahnverkehr gibt es nicht. Falls die Welt gerecht ist, muss die DB ihm demnächst mal eine Gratisfahrt im Führerstand spendieren.

Interesse? Mitfahren

Wer sich selbst einen Eindruck von den neuen S-Bahnen machen und heute nach Stuttgart will, hat zwei Möglichkeiten: Der 430er fährt um 6.03 Uhr und dann wieder um 8.33 Uhr von Schorndorf aus über die üblichen Halte bis Stuttgart-Vaihingen.

  • Bewertung
    13
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!