Schorndorf Schorndorfer Wunschbuch: Ein Spiegel der Gesellschaft

Für Waldemar Junt ist das Wunschbuch, das er vor fünf Jahren mit dem Rotary-Club initiiert hat, „ein voller Erfolg“. Foto: Habermann/ZVW

Schorndorf. 18 000 Wünsche und bestimmt 70 000 Leser – das ist die Bilanz nach fünf Jahren Schorndorfer Wunschbuch. 2012 von Waldemar Junt und dem Rotary-Club initiiert, ist es zum festen Bestandteil der Weihnachtswelt geworden. Allein im Advent 2017 kamen an die 4000 Wünsche zusammen. Für den Dekan i. R. ein Spiegel der Gesellschaft und überhaupt kein „Poesie-Album wohlerzogener Menschen“.

Als Waldemar Junt die Wunschbuch-Idee vor fünf Jahren von einem Besuch aus Basel mitbrachte, gab es natürlich kritische Stimmen und die Frage: Wozu braucht Schorndorf ein Wunschbuch? Und wer, bitteschön, soll die Wünsche erfüllen? Mittlerweile ist das Wunschbuch in Schorndorf aus der Vorweihnachtszeit nicht mehr wegzudenken – und hat treue Unterstützer:

Der Rotary Club stiftet jedes Jahr das gut 400 Seiten starke Buch. Das Schorndorf-Centro-Team um Ulrich Fink baut das Wunschbuchhaus auf dem Oberen Marktplatz auf und kümmert sich während des Weihnachtsmarkts darum, dass das Buch morgens an seinem Platz liegt und über Nacht sicher verwahrt wird. Oberbürgermeister Matthias Klopfer übernimmt die Schirmherrschaft und darf den ersten Wunsch hineinschreiben. Dass an die 4000 Schorndorfer und Besucher der Stadt seinem Beispiel folgen, macht das Wunschbuch aber erst zu dem, was es ist.

„Im Wunschbuch sieht man, wie die Bevölkerung tickt“

Für Waldemar Junt ist es trotz mancher Jux-Einträge und vieler Kritzeleien vor allem ein Spiegel der Gesellschaft. Dass nur wohlerzogene Menschen sorgsam formulierte Wünsche eintragen, das hat er nie erwartet. Im Gegenteil: „Im Wunschbuch 2017 sieht man wieder, wie die Bevölkerung tickt, was sie auf dem Herzen hat und bewegt.“

Für Junt ist das Wunschbuch 2017 also wieder „ein voller Erfolg“. Und es dokumentiert für ihn, wie multikulturell Schorndorf geworden ist: Auf den Seiten hat er Einträge auf Englisch, Französisch, Italienisch, Arabisch, Türkisch, Vietnamesisch und Chinesisch gefunden.

Private Wünsche und Weltpolitik

Tatsächlich handelt es sich bei gut der Hälfte der Einträge um private Wünsche: Eine größere Wohnung, weniger Streit in der Familie und Mobbing in der Klasse, bessere Noten, Gesundheit, ein Geschwisterchen und dass der VfB besser wird. Gewünscht wurden aber auch Lampen fürs Puppenhaus, ein Lego-Kran und „ein Verlobungsring von meinem Freund“. 

Erstmals, hat Junt erstaunt festgestellt, taucht auch der Wunsch nach der Legalisierung von Drogen auf – womöglich angeregt von der Diskussion in den USA. Doch die Menschen wünschen sich natürlich auch Frieden auf Erden und „dass der Bürgerkrieg in Syrien endlich beendet werden möge“. Dan aus Louisiana/USA wünscht sich „kein President Trump in 2018“ und die achtjährige Paula, „dass es in der Welt nicht mehr so viel Müll gibt“. Und kontrovers diskutiert wird im Wunschbuch – wie könnte es anders sein – die Flüchtlingsproblematik.

Vieles richtet sich direkt an die Stadt 

Doch es gibt auch Wünsche, die sich direkt an die Stadt Schorndorf richten: keine 30er-Zonen, mehr Parkplätze, mehr Sitzgelegenheiten auf dem Marktplatz, freies Parken, saubere Unterführungen und Aufzüge und vernünftige Radwege. Ein Schorndorfer wünscht sich, dass auf dem Parkplatz am Schlosspark nachts endlich Ruhe herrscht, andere hoffen, dass der Schlosspark bei der SchoWo 2018 nicht gesperrt wird. Gewünscht wird eine Lärmschutzwand am Spittlerstift, mehr Mülleimer in der Stadt, ein Computer-Raum für die Schlosswallschule, Spielgeräte für die Gemeinschaftsschule Rainbrunnen, neue Sanitäranlagen für das Max-Planck-Gymnasium – „und nicht vergessen: Papiertücher“.

Zu den Wünschen an die Stadt gehören auch, „weniger Events, die der lokalen Gastronomie schaden“. Und: Gutscheine für haushaltsnahe Dienstleistungen, wie Heilbronn und Aalen sie auf Initiative der Bundesregierung vergeben, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern und Schwarzarbeit zu verhindern. Verpuffen sollen die Anliegen nicht: In den vergangenen Jahren schon wurden sie im Rathaus an die zuständigen Ämter und Ausschüsse weitergeleitet.

Weniger Jux-Einträge und geschmacklose Bemerkungen

Auf den Seiten finden sich aber auch religiöse Wünsche – und ein Wunsch fürs Wunschbuch: „Dass in diesem Buch nicht rumgekritzelt wird.“ Und auch Waldemar Junt hat einen Wunsch: dass das Wunschbuchhaus – wie im Jahr 2016 – ganz zentral neben der Weihnachtskrippe steht. Für ihn ein Platz mit höherer Frequenz, mehr sozialer Kontrolle, weniger Jux-Einträgen und weniger geschmacklosen Bemerkungen.
 


Die Idee

Vom Schweizer Designer Willi Paul Paulussen entwickelt, um einen öffentlichen Dialog zu ermöglichen, liegt in Basel seit 1994 ein Wunschbuch im Rathaus-Innenhof aus. 2012 hat Waldemar Junt, Dekan i. R., die Idee nach Schorndorf gebracht. Seitdem stiftet der Rotary-Club Schorndorf alljährlich das Buch, das anfangs 330 Seiten umfasste, seit 2016 um 100 Seiten erweitert wurde, weil es im Jahr zuvor, als das Wunschbuch bei der Krippe ausgelegt war, schon zur Halbzeit der Weihnachtswelt vollgeschrieben war.

Schirmherr ist OB Matthias Klopfer. Gebaut wurde das Wunschbuchhaus von Schülern aus dem Rainbrunnen.

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