Schorndorf/Schwäbisch Gmünd Als Ärztin im Frauengefängnis

Die Schorndorferin Ulrike Seibold, Ärztin in der Justizvollzugsanstalt Gotteszell (links), und die Leiterin der Krankenabteilung, Jeanette Feil, sind ein eingespieltes und vertrauensvoll zusammenarbeitendes Team. Foto: Büttner / ZVW

Schorndorf/Schwäbisch Gmünd. Wenn sich Ulrike Seibolds Kinder, 15 und 18 Jahre alt, einen Spaß machen wollten, dann haben sie auf die Frage, wo denn ihre Mutter sei, geantwortet, die sei im Gefängnis und vorläufig nicht zu erreichen. Was deshalb als Spaß durchgehen kann, weil Ulrike Seibold in der Justizvollzugsanstalt Gotteszell in Schwäbisch Gmünd nicht etwa einsitzt, sondern dort seit rund zwei Jahren als Anstaltsärztin arbeitet. Wir haben sie an ihrem Arbeitsplatz besucht.

Die Schorndorferin, von Haus aus Fachärztin für Neurologie und vor ihrer Anstellung im Frauengefängnis als Gutachterin für den medizinischen Dienst einer Krankenversicherung tätig, erklärt ihren Wechsel in die Justizvollzugsanstalt damit, dass sie wieder mehr mit Menschen zu tun haben wollte – und das in möglichst vielschichtiger Weise. „Man muss halt nur gewillt sein, sich Patientinnen zu stellen, denen man sonst nicht begegnen würde“, sagt Ulrike Seibold. Sie teilt sich die Stelle in Schwäbisch Gmünd mit einer Kollegin und wird von externen Fachärzten – Psychiater, Frauenarzt, Zahnarzt, Hautarzt – unterstützt, die regelmäßig Sprechstunden in Gotteszell abhalten. Und auch mit Sozialarbeitern und Psychologen gibt es eine enge Kooperation.

Die Frauen in Gotteszell sind alle nicht krankenversichert

Im Prinzip arbeitet Dr. Ulrike Seibold wie in einer hausärztlichen Praxis. Mit dem Unterschied, dass an ihre Praxis eine Krankenabteilung mit zehn Betten angegliedert ist, die schon seit vielen Jahren von Jeanette Feil geleitet wird, die wie die meisten ihrer Mitarbeiterinnen eine Doppelausbildung als Vollzugsbeamtin und Krankenschwester hat und mit der Ulrike Seibold vertrauensvoll zusammenarbeitet. Und mit dem weiteren Unterschied, dass ein normaler Hausarzt von 350 Patienten nicht lange leben könnte. Und noch einen gravierenden Unterschied gibt es: Die Frauen, die in Gotteszell zur Ärztin gehen, sind alle nicht krankenversichert. Ihre Behandlung wird vom zuständigen Ministerium finanziert.

Keine freie Arztwahl im Gefängnis

Nicht an ein Krankenkassensystem gebunden sein, das erleichtere auch manches, meint Ulrike Seibold. Wenn’s zum Beispiel eine Hebamme braucht, dann ist die schneller zur Stelle als draußen. Und für die Versorgung nach einem Schlaganfall gilt genau dasselbe. Gleichwohl gilt grundsätzlich natürlich auch in der Justizvollzugsanstalt, bei der medizinischen Versorgung die richtige Balance zu finden zwischen dem, was medizinisch notwendig und wirtschaftlich vertretbar ist. Was es im Gefängnis natürlich nicht gibt, ist die freie Arztwahl. Und – in aller Regel – auch nicht die freie Verfügbarkeit über Medikamente.

Ziel: Die Frauen in einem besseren gesundheitlichen Zustand entlassen

„Man muss eine Begeisterung mitbringen für Medizin, aber auch gerne mit Menschen arbeiten“, lautet der Anspruch, den Ulrike Seibold und Jeanette Feil an sich selber und an ihre Arbeit haben. Und zu ihrem Anspruch gehört es auch, dass ihre Patienten die Justizvollzugsanstalt in einem guten gesundheitlichen Zustand verlassen – was in nicht wenigen Fällen bedeutet: In einem besseren gesundheitlichen Zustand als der, in dem sie angekommen sind. Was in aller Regel nicht so schwer ist, weil viele der eingewiesenen Frauen schon lange keinen Arzt mehr gesehen und gleichzeitig mit ihrer Gesundheit Raubbau betrieben haben. Weil sie Drogen genommen, auf der Straße oder in sonstigen chaotischen Verhältnissen gelebt haben, und weil sie zu dieser Zeit die erforderliche Zeit und Kraft nicht aufgebracht haben. Oder weil sie sich den Arztbesuch schlichtweg nicht leisten konnten, was vor allem zu der Zeit ein Thema war, als es noch die Praxisgebühr gab.

Jede Frau muss zu verpflichtender Eingangsuntersuchung

Mindestens einmal bekommen Ulrike Seibold und ihre Kollegin jede der Frauen zu Gesicht, weil es eine verpflichtende Eingangsuntersuchung vor allem gegen Tuberkulose gibt. Alles Weitere liegt dann im Ermessen der Frauen selbst, soweit sie nicht wirklich erkennbar psychisch oder körperlich krank sind oder sich einer Entzugsbehandlung unterziehen müssen. Es komme aber, sagt Ulrike Seibold, durchaus auch vor, dass bei Frauen Brust- oder Gebärmutterkrebserkrankungen entdeckt werden, die ohne Gefängnisaufenthalt wohl nicht oder zumindest nicht rechtzeitig erkannt worden wären. Und so gibt es im Alltag der Gefängnis-Praxis und der Krankenstation beides: Frauen, die mit einem sehr ausgeprägten Misstrauen kommen und dann die Zeit bei der Ärztin oder auf der Krankenstation als wohltuenden Rückzugs- und Schonraum empfinden. Und die, die genaue Vorstellungen haben, was ihnen fehlt und wie ihnen geholfen werden könnte, und die dann enttäuscht sind, wenn sie nicht das bekommen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass manche Frauen Gotteszell zwar in einem gesundheitlich guten Zustand verlassen, dass sich der aber wieder deutlich verschlechtert hat, wenn sie erneut straffällig geworden sind und die nächste Haftstrafe in Schwäbisch Gmünd absitzen müssen.

Ärztin ist noch nie ernsthaft bedroht oder angegriffen worden

Natürlich sind sich Dr. Ulrike Seibold und Jeanette Feil und ihre Kolleginnen immer bewusst, dass sie es zumindest teilweise mit gewalttätigen und auch gewaltbereiten Frauen zu tun haben. „Ich habe ganz selten ein banges Gefühl, aber wenn, dann ist’s auch berechtigt“, sagt die Ärztin, die in solchen Fällen froh ist, dass eine Vollzugsbeamtin oder ein Vollzugsbeamter – ja, es arbeiten auch Männer im Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd – vor der Tür stehen, um notfalls eingreifen zu können. Ernsthaft bedroht oder gar angegriffen worden ist Ulrike Seibold noch nie. „Einmal ist ein Stuhl geflogen, aber der war aus Plastik“, erzählt sie lachend und fügt hinzu: „Wir versuchen, deeskalierend zu wirken, und das gelingt uns auch meistens.“

„Wir sind bemüht, die Stimmung heiter zu halten“

Dazu trägt auch bei, dass ein freundlicher Umgang gepflegt wird – sowohl innerhalb des Teams als auch zwischen medizinischem Personal und Patientinnen. „Wir sind bemüht, die Stimmung heiter zu halten“, sagt die Ärztin. Was aber natürlich Aggressionen und Auseinandersetzungen in den verschiedenen Gefangenentrakten nicht verhindert. Aber auch da halten sich dank der Erfahrungen der Vollzugsbeamten, die viele Konflikte schon im Keim ersticken, die negativen Erfahrungen der Schorndorfer Ärztin in Grenzen: „Schlimmeres als Kratzspuren und und blaue Flecken habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen.“ Manchmal bringe halt schon eine unglückliche Unterbringungssituation das Fass zum Überlaufen – „und in einer solchen Konstellation können 48 Stunden eine lange Zeit sein“. Auch Multikulti spiele in diesem Zusammenhang eine Rolle, aber längst nicht in dem Maße, wie das in den meisten Justizvollzugsanstalten für Männer der Fall sei.

„Ich fühle mit einer Patientin, aber ich fühle nicht ihre Gefühle“

Ulrike Seibold und Jeanette Feil sind sich einig, dass das Allerwichtigste an ihren Jobs eine hohe Professionalität ist – vor allem auch, um im eigenen Interesse immer den notwendigen Abstand wahren zu können. „Ich fühle mit einer Patientin, aber ich fühle nicht ihre Gefühle“, zieht Ulrike Seibold einen klaren Trennungsstrich – auch weil sie weiß, dass sie auch der nächsten Patientin wieder mit derselben Empathie und Aufmerksamkeit zur Verfügung stehen muss. Und auch wenn sie feststellt, dass sie keine Strafrechtsexpertin, sondern nur dazu da ist, „die medizinischen Belange der Frauen und diese gegebenenfalls auch gegenüber anderen zu vertreten“, so weiß sie doch auch zumindest in Einzelfällen, welche Schicksale und sozialen Probleme über die Straftat hinaus, die sie nach Gotteszell gebracht hat, auf den Schultern der jeweiligen Frauen lasten: zerbrochene familiäre Beziehungen, Kinder bei den Pflegeeltern, Schulden, Verlust von Arbeit und Wohnung.

Seibold schätzt die intensive Teamarbeit

Auf der anderen Seite macht es dann aber auch wieder viel Hoffnung, zu sehen, wenn jung straffällig gewordene Mädchen sich in der Schule oder in der Ausbildung, die es in Gotteszell auch gibt, richtig reinhängen – teilweise auch in Ermangelung von Alternativen wie etwa einem Handy - und richtig gute Abschlüsse hinlegen. Und manche lernen erst im Gefängnis, dass es ja auch noch die Möglichkeit gibt, ein richtiges Buch oder eine Zeitung zu lesen und Briefe zu schreiben.

„Ich verspüre eine hohe Zufriedenheit“, sagt Ulrike Seibold über ihre Arbeit, an der sie vor allem „die ganz intensive Teamarbeit“ schätzt – und „dass sie so vielschichtig ist ohne die ganz große Belastung“. Denn wenn sie abends nach Hause geht, dann tut sie das mit dem guten Gefühl, dass sie sich die Nacht über auf die Mitarbeiterinnen der Krankenstation voll und ganz verlassen kann. Wobei die im Notfall einen Telemediziner kontaktieren können.


Gotteszell

Die Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd befindet sich im ehemaligen Kloster Gotteszell. Als Gefängnis – damals noch für Männer und Frauen – genutzt wird das einstige Kloster bereits seit 1809.

Derzeit ist das Gefängnis mit rund 350 Frauen voll belegt. Zum Zeitpunkt, da das Gespräch mit Ulrike Seibold und Jeanette Feil geführt wurde, war die jüngste Insassin 14 und die älteste 80 Jahre alt. Und auch, was die Art der Straftaten angeht, ist so ziemlich die ganze Bandbreite dessen vertreten, was das Strafgesetzbuch hergibt.

Eine Mutter-Kind-Abteilung ermöglicht es, die Trennung von bis zu drei Jahre alten Kindern von ihren Müttern zu vermeiden.

Regelmäßig betreut werden müssen auch schwangere Frauen. In der Regel so zwischen sechs bis acht, sagt Jeanette Feil.

Dass Gotteszell das einzige Frauengefängnis in Baden-Württemberg ist, hat zur Folge, dass die inhaftierten Frauen – im Gegensatz zu den Männern, für die es mehrere Haftanstalten gibt, – oft sehr weit weg von ihrer Familie untergebracht sind, was für viele eine zusätzliche Belastung darstellt.

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