Schorndorf Skurrile türkische Geld- und Heiratsgeschäfte

Symbolbild. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf. Sie suchte via Anzeige in der türkischen Zeitung Hürriyet einen Mann, er versprach ihr am Telefon – möglicherweise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – die Ehe. Zu der ist’s nicht gekommen, aber zu Geldgeschäften, die jetzt vor dem Schorndorfer Amtsgericht als Betrug verhandelt wurden. Verurteilt wurde niemand, weil sich der Angeklagte verpflichtete, 2953 Euro an die Geschädigte zurückzuzahlen.

Diese Summe hatte 2013 eine heute 44-jährige und damals in Geradstetten lebende Türkin innerhalb weniger Tage in elf Tranchen ganz unterschiedlicher Größenordnungen zwischen 120 und 711 Euro an einen heute 59-jährigen Landsmann überwiesen, der auf ihre Heiratsannonce reagiert und sich, wenn man den Angaben der Frau und der sich darauf beziehenden Anklageschrift glauben darf, als an der Uniklinik Mainz angestellter Chirurg ausgegeben hatte. Wobei nicht nur diese Berufsbezeichnung, sondern auch der Name, unter dem er sich telefonisch vorgestellt hat, falsch gewesen sein soll. Sie habe die falschen Angaben und Daten sogar noch auf ihrem Handy, nur leider habe sie das nicht dabei, sagte die 44-Jährige auf Nachfrage von Richterin Petra Freier.

Gleichwohl: Die arbeitslose Frau, die aus einer (Schein?)ehe mit einem mittlerweile verstorbenen Deutschen einen sehr geläufigen deutschen Nachnamen hat, vertraute dem vermeintlichen Heiratskandidaten und überwies ihm nach und nach die annähernd 3000 Euro – auf Leihbasis und um ihm die Einrichtung einer eigenen Praxis zu ermöglichen, und im Vertrauen auf das Versprechen des ihr bis zur Gerichtsverhandlung unbekannten Mannes, den sie jetzt als Betrüger und Heiratsschwindler beschimpfte, sie bekomme das Geld bald wieder zurück. Allein: Weder der Ehemann in spe, der von seiner Verehrerin zuletzt sogar am Flughafen erwartet wurde und nachdem sie zuvor sogar an der Uni-Klinik in Mainz gefahndet hatte, noch das Geld, das die Frau angeblich von ihren in der Türkei lebenden Eltern bekommen hatte, um die Fahrschule machen zu können, tauchten wieder auf.

„Ich schwöre auf den Koran“

Konnte es auch nicht, wenn man der ganz anderslautenden Version des mitsamt Anwältin aus Hessen angereisten 59-Jährigen Glauben schenken würde. Er schäme sich, dass er solchen Beschuldigungen ausgesetzt sei, sagte der derzeit geringfügig beschäftigte und von seiner Freundin ausgehaltene Angeklagte, der sich 2010 nach mehr als 30-jähriger Ehe von seiner Frau getrennt hatte und mittlerweile geschieden ist, allerdings noch nicht nach türkischem Recht. Das habe er auch der Frau, auf deren Annonce er sich gemeldet und mit der er daraufhin in ständigem Kontakt gewesen sei, gesagt. Und auch, dass es ihm finanziell derzeit nicht so gut gehe, dass er die etwa 1200 Euro für die Scheidung in der Türkei aufbringen könne. Kein Problem, habe die Frau gesagt; sie könne ihm Geld überweisen, habe die Frau angeboten, und er habe im Gegenzug mit einem Grundstück gebürgt, das er in der Türkei habe verkaufen wollen. Tatsächlich, erzählte der Angeklagte vor Gericht, sei er kurz darauf in die Türkei geflogen und sei in diesem Zusammenhang von seiner neuen Telefonbekanntschaft mit dem Auftrag betraut worden, in der Türkei einen Mann ausfindig zu machen und ihm 2700 Euro zu übergeben, die ihm die Remshaldenerin angeblich noch schuldete. Angeblich deshalb, weil dem Gericht zwar einerseits eine schriftliche und von mehreren Türken unterzeichnete Bestätigung vorlag, dass die 2700 Euro übergeben worden sind, weil aber andererseits die 44-Jährige Richterin Petra Freier gegenüber hoch und heilig beteuerte, sie kenne besagten Schuldner in der Türkei nicht und habe auch nicht, wie vom Angeklagten behauptet, eine Liebesbeziehung zu diesem Mann (gehabt). „Ich schwöre auf den Koran“, sagte die Frau. „Ich schwöre auf den Koran“, sagte daraufhin auch der Angeklagte, der die Angelegenheiten in der Türkei teilweise mit dem Geld der Geschädigten, teilweise mit dem Erlös aus dem Grundstücksverkauf geregelt haben will.

Warten auf den Führerschein

Richterin Petra Freier hatte genug gehört und sie bat die Verteidigerin und die Vertreterin der Staatsanwaltschaft zum Gespräch unter sechs Augen. Herausgekommen ist ein Vergleich, der so aussieht, dass das Verfahren gegen den 59-Jährigen eingestellt wird, wenn er der 44-Jährigen, die auf seine Anweisung hin sogar schon auf dem Standesamt gewesen sein will, um die Formalitäten für die Hochzeit vorzubesprechen, die 2953 Euro zurückzahlt. Was der Angeklagte – wiederum hoch und heilig – versprach, wobei er sich ausbedungen hat, dass er dieser Verpflichtung zunächst einmal in Raten in Höhe von 225 Euro nachkommt, weil er derzeit nicht besonders flüssig ist. Das könne sich ändern, wenn er in sechs Monaten Rente bekomme, stellte er der Geschädigten in Aussicht, die beklagte, dass es ihr auf dieser Basis schwerfalle, endlich ihren Führerschein zu machen.

„Ich bin eine attraktive Frau“

Blieb noch die Frage, welchen Aufenthaltsstatus die jetzt in Bad Cannstatt lebende 44-Jährige derzeit hat und ob es ihr bei der angestrebten Heirat womöglich in erster Linie darum gegangen ist, einen Mann zu finden, der es ihr ermöglicht, auf Dauer in Deutschland bleiben zu können. Zunächst einmal brauchte es mehrere Nachfragen von Seiten der Richterin und der Verteidigerin, bis die im Zeugenstand sitzende Frau einräumte, sie habe derzeit nur eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis. Umso energischer bestritt sie anschließend, dass es bei ihrer Heiratsanzeige auch nur im Entferntesten darum gegangen sei, diesen Status zu verändern. „Ich bin eine attraktive Frau, und wenn ich das gewollt hätte, hätte ich schon lange einen deutschen Mann gefunden“, betonte sie.

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