Schorndorf Spektakuläres Ende im Geldwäsche-Prozess

Drei der Angeklagten (Gesichter unkenntlich gemacht) mit einem Vollzugsbediensteten, Anwälten und Dolmetscher. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Schorndorf.
Es mag ein großes Wort sein, aber in diesem Falle ist es angemessen – am Donnerstag wurde im Landgericht Stuttgart Rechtsgeschichte geschrieben: Drogengeldwäsche gilt als schwer nachweisbares Verbrechen, das meist ungeahndet bleibt – an einem Beispiel aber hat der Rechtsstaat nun bewiesen, dass er, wenn seine Institutionen nur genug Geduld und detektivisches Kombinationsvermögen aufbringen, in der Lage ist, selbst engmaschigste Tarngespinste zu zerreißen, selbst über mehrere Länder hinweg ausgelegte Trugspuren zu entlarven.

Ergebnis: jeweils neuneinhalb Jahre Haft für die beiden Drahtzieher, einen türkischen Staatsbürger, 45, aus Schorndorf und einen Pakistani, 51, aus Dubai; vier Jahre und neun Monate für die Gattin des Schorndorfers, 44, die sich um die Buchhaltung kümmerte; drei Jahre und neun Monate für einen 34-jährigen Geldkurier.

Richterin spielte die Schlüsselrolle

Manuela Haußmann hat in diesem epischen Prozess, der sich seit Juli über 26 Verhandlungstage zog, von Anfang an die Schlüsselrolle gespielt: Wenn die Anwälte zur Charme-Offensive bliesen, antwortete die Richterin mit neckischem Mädchenhumor. Wenn die Herrin des Verfahrens spürte, dass die Verteidiger ihr schleichend die Kontrolle über den Prozessverlauf zu entwinden suchten, kippte ein Schalter: Haußmann widersprach rasiermesserscharf.

Vor allem aber: Immer wieder bewies die Vorsitzende, dass sie sich in den mehreren Regalmetern Prozessakten so gut auskennt wie die Anwälte in ihren Wohnzimmern.

Es sprengt den Rahmen eines Artikels, alle dubiosen Details aufzuzählen, an die Haußmann bei der Urteilsbegründung das Seziermesser legt. Jedenfalls: Die Klinge durchschneidet das kompakte Geldwäsche-Tarnkonstrukt, als sei es warme Butter.

Die Angeklagten haben zwischen Juli 2017 und Januar 2018 insgesamt unfassbare 45 Millionen Euro in bar nach Dubai ausgeführt, offiziell beim Zoll angemeldet als Bezahlung für legale Goldeinkäufe in Dubai. Die Buchhaltung – Quittungen, Rechnungen, Belege – dokumentierte, woher das Geld kam: aus Goldverkäufen, vor allem an eine rumänische Firma namens Goodcash. Alles sauber. Vorderhand. Aber auch wahr?

Um das zu prüfen, musste das Gericht eine „Papierflut“ durchschwimmen, „Unterlagen auswerten, Verknüpfungen herstellen“; und „ein Gesamtbild“ erpuzzeln.

Die Trugspur führt nach Rumänien: Entlarvung, erster Teil

Erste Kernfrage: Wurde tatsächlich Gold nach Rumänien verkauft?

„Definitiv nein, zu keinem Zeitpunkt“. Denn diese Firma Goodcash, die angebliche abermillionenschwere Gold-Deals in bar stemmen konnte, war eine Klitsche. Jahresumsatz 2016: weniger als 30 000 Euro. Geschäftsfeld: Sperrholzplattenbau und anderes. Finanzielle Lage Anfang 2017: Insolvenz angemeldet. Betreiber: ein Mann, der nach Rumänien geflüchtet war, weil er in Deutschland per Haftbefehl gesucht wurde.

Sicher, es gab sowohl bei Noble Glitter in Schorndorf als auch bei Goodcash in Rumänien massenhaft Papierbelege für Geschäftsbeziehungen. Aber die Dokumente strotzten vor teilweise hanebüchenen Ungereimtheiten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Goodcash-Firmenstempel-Abdruck auf den in Rumänien lagernden Papieren war: rund. Der Goodcash-Firmenstempel auf den in Schorndorf lagernden Papieren war: eckig. Und siehe: Bei Wohnungsdurchsuchungen fanden die Ermittler einen eckigen Goodcash-Stempel – in Schorndorf. Haußmann: „Ups. Überall, wo wir hingegriffen haben, taten sich Abgründe auf.“

Auch eine britische Firma, die millionenschwere Goldgeschäfte mit Noble Glitter betrieben haben soll, entpuppte sich nach Recherchen in England als „Nullnummer“ mit 435 Pfund Kapital.

Ein riesiges Verschleierungsgewebe über mehrere Länder aufzuspannen – „das ist eine kriminelle Energie, die wir selten erleben“. Nun aber, so weit das Zwischenfazit, liegt es in fingernagelkleinen Fetzen.

Die wahre Spur führt nach Holland: Entlarvung, zweiter Teil

Zweite Kernfrage: Wenn das Geld nicht aus Goldhandel kam – woher kam es dann?

„Nicht aus Ladendiebstahl“, so viel steht allein schon aufgrund der Unsummen fest, die da im Wochentakt über ein halbes Jahr hinweg bei 36 Flugreisen im Handgepäck-Koffer nach Dubai verschoben wurden, mal bloß 580 000 Euro, mal 1,8 Millionen in bar auf einen Schlag. Dass das kein legales Geld sein kann, ergibt sich auch schlagend aus der Tatsache, dass die Angeklagten ein Tarnlabyrinth darum herum bauten.

Bei 22 der 36 Transportflüge aber lässt sich glasklar nachweisen, dass jemand von Noble Glitter just am Tag davor in ... Holland war! Tankbelege, Hotelrechnungen, Bußgeldbescheide wegen Tempo-Verstößen zeugen verräterisch davon.

In Holland also wurde das Geld geholt – und in einem Fall lässt sich das auch zweifelsfrei beweisen: Im Januar 2018 fing eine deutsch-holländische Grenzstreife den Kurier ab; er hatte 1,5 Millionen Euro im Kofferraum, versteckt in der Reserveradmulde.

„Die Kirsche auf der Sahne“: Bei einem abgehörten Telefonat erzählte der Schorndorfer Drahtzieher selber, dass es um Drogengeld gehe.

Dieser Fall ist dem Beobachter bisweilen vorgekommen wie ein unentwirrbares Garn-Knäuel. Nun ist es säuberlich entknotet und ausgerollt: zu einem roten Faden.

All das aufzuklären, sagt Haußmann, wäre unmöglich gewesen, wenn die Ermittlungsgruppe Golden Eye vom Zollfahndungsamt Stuttgart nicht so „hervorragende Arbeit“ geleistet, mit „Fleiß, Akribie und Ruhe“ Dokumente angehäuft, international recherchiert und schließlich ein Muster erkannt hätte. Und der Leiter des Teams habe auch „im Zeugenstand brilliert“: Über drei Vernehmungstage hinweg sei er ruhig und präzise geblieben, selbst wenn die Anwälte versucht hätten, ihn „mit allen rhetorischen Mitteln kleinzukriegen. Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“


Eine Sternstunde der Aufklärung

Kommentar von Peter Schwarz

Ein Fall wie dieser landet normalerweise gar nicht vor Gericht. Denn wenn Zollfahnder wittern, dass da was zum Himmel stinkt, ist das ja nur der Anfang. Nun gilt es, die erste Ahnung bis zu einer Verdachtsreife weiterzuverfolgen, die überhaupt eine Anklageerhebung ermöglicht. Es gilt, Spuren über mehrere Ländergrenzen hinweg zu folgen. Es gilt, Unmassen von Mosaiksteinen zusammenzutragen und all die winzigen Scherben zu einem großen Bild zu verfugen. Es ist uferlos. Und deshalb endet so ein Fall – normalerweise – mit der resignierten Erkenntnis: Da ist doch garantiert was faul, nur reicht, was wir herausgefunden haben, leider einfach nicht, um einen Gerichtsprozess auch nur zu beginnen.

Aber in diesem Fall war nichts normal. Die Stuttgarter Zollfahnder gründeten die Ermittlungsgruppe „Golden Eye“. Dass sie sich nach einem James-Bond-Film benannten, verrät viel über die Ambition, die Entschlossenheit des Teams. Man will gar nicht wissen, wie viele Überstunden diese Leute geschrubbt haben bei Observationen, Telefonüberwachungen und der Durchsteigung von Papiergebirgen. Hinzu kamen ein Oberstaatsanwalt, der diesen Schwung bestärkte, und eine Landgerichtskammer, die der irren Komplexität des Falles souverän gewachsen war. Am Ende lag das mächtige Tarngebäude der Geldwäscher kleingebröselt in Schutt und Asche.

All das: nicht normal. Insofern haben die Angeklagten „einfach Pech“ gehabt, wie Richterin Haußmann in ihrer Urteilsbegründung sagte. Für den Rechtsstaat aber war es ein Glück.


Unsere gesamte Berichterstattung zum Nachlesen:

16.10.2018: 50-Millionen-Geschäfte: Geldwäsche-Ring hochgenommen

11.07.2019: 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

20.07.2019: Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

23.07.2019: Geldwäsche-Ring: Der 45-Millionen-Fall schleppt sich

07.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

09.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Spur führt nach Rumänien

15.08.2019: Spur nach Holland im 45-Millionen-Fall

17.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlestein-Suche durch Europa

24.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Wende im 45-Millionen-Fall

17.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

21.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

26.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Afghanistans Vizepräsident als Zeuge?

28.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong

14.10.2019: Der 45-Millionen-Fall: Rätsel um Riesensummen

24.10.2019: Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen Richterin

19.11.2019: Geldwäsche-Prozess um 45 Millionen nimmt kein Ende

29.11.2019: Der 45-Millionen-Fall: 800 000 Euro im Hocker-Polster

06.12.2019: Geldwäsche-Prozess: Kleinkrieg um Riesensummen

21.12.2019: Geldwäsche-Prozess: Der sensationelle Entlastungszeuge

14.01.2020: Geldwäsche-Prozess: Das Ende naht

15.01.2020: Geldwäsche-Prozess: Donnerschlag im 45-Millionen-Fall

21.01.2020: Geldwäsche-Prozess: Verteidigung fordert Freispruch

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