Schorndorf Stadt testet Schlaglöcher-App

Carol Kolb richtet die Kamera im Wagen aus, Kennzeichen und Personen macht das Gerät unkenntlich. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. Früher waren Straßenbefahrungen aufwendig und wurden nur selten durchgeführt. Heute können Kommunen einfach ein Smartphone ins Auto hängen und eine künstliche Intelligenz auswerten lassen, wie es um die Straße steht. Die Stadt Schorndorf hat die App des Stuttgarter Start-ups Vialytics getestet.

„Klick, klick, klick“, macht das Smartphone in der Windschutzscheibe des Wagens. Alle vier Meter schießt es ein Foto von der Straße, auf der Carol Kolb, Mitarbeiterin der Zentralen Dienste, mit dem Auto unterwegs ist. Sie testet für die Stadt Schorndorf die App Vialytics von dem gleichnamigen Unternehmen.

Mit nur 25 Kilometern pro Stunde fährt sie auf der Straße, denn die Bilder sollen scharf und nicht verwackelt werden. Damit sich die anderen Verkehrsteilnehmer nicht über das langsame Tempo wundern, hat sie eine orangefarbene Warnleuchte auf dem Autodach angeschaltet. Neben den Bildern, zeichnet das Smartphone auch die Bewegungen mit auf. Durch die Erschütterungen weiß es genau, wie massiv ein Schlagloch ist.

Nach der Tour mit dem Auto verschickt Kolb die Bilder und Daten an das Unternehmen in Stuttgart, dort werden sie mit Hilfe von Algorithmen ausgewertet. Ein paar Tage später schickt Vialytics eine Bewertung zurück.

Wilhelm-Maybach-Straße bekommt schlechteste Note

Am Computer rufen Kolb und Mischa Allgaier, der stellvertretende Infrastruktur-Fachbereichsleiter der Stadt, diese Informationen auf. Auf einer einfachen Karte sehen die beiden auf den ersten Blick, welche Straßen im Rahmen des Tests bereits analysiert wurden und in welchem Zustand sie sind. Jede Stelle, an der das Smartphone ein Bild schoss, ist mit einem Punkt markiert, der sich entsprechend aufrufen lässt.

Wenn Allgaier einen der Punkte anklickt, erscheint das entsprechende Foto mit Bewertung. In der Karte sind die Punkte grün, gelb und rot markiert und mit einer entsprechenden Note versehen. „Die ist knallrot“, kommentiert Kolb mit Blick auf den unteren Teil der Wilhelm-Maybach-Straße. Sie hat mit „Fünf“ die schlechteste Note bekommen. Grün hingegen ist der Bereich auf der Arnoldbrücke, dort gibt es kaum Schäden. Allgaier und Kolb sind ganz angetan von dem System, aus ihrem Alltag in der Verwaltung seien sie viel kompliziertere gewohnt.

„Das ist Future“, sagt Allgaier über die neue Technik

Allgaier schwärmt von den neuen Möglichkeiten, die künstliche Intelligenz, Algorithmen und vieles mehr bieten. „Abgefahren“ nennt er, was damit alles möglich sei, und spricht vom „Neckar Valley“, in Anspielung auf das amerikanische Silicon Valley. Im Zusammenhang mit der neuen Technik verwendet er viele Anglizismen und sagt Sätze wie: „Das ist Future“ (engl. Zukunft).

Der stellvertretende Fachbereichsleiter und kaufmännische Geschäftsführer des Wasserverbandes Rems lobt die „Stuttgarter Jungs“, meint damit aber nicht die Spieler des VfB, sondern die Gründer und Entwickler bei Vialytics (mehr über das Start-up unter „Das Unternehmen“).

Noch ist nicht klar, ob Schorndorf das System in Zukunft nutzen wird

Allgaier vergleicht die künstliche Intelligenz mit dem neuronalen Netz des menschlichen Gehirns. „Mit jeder Information, die dazukommt, lernt sie dazu“, erklärt er. Im Fall von Vialytics hat die Technik gelernt, wie bestimmte Straßenschäden aussehen und wie sie zu bewerten sind.

Noch ist nicht klar, ob Schorndorf das System in Zukunft nutzen wird. Doch die Stadt hat bereits Zuschüsse des Landes dafür beantragt. Allgaier ist optimistisch und hat bereits noch weitere Bereiche im Sinn, in denen solche modernen Systeme genutzt werden könnten. Unter anderem spricht er über Straßenlaternen, die aus- und angehen, wenn jemand kommt, Emissionen ermitteln und ein WLAN zur Verfügung stellen. In der Vergangenheit testete er mit den Zentralen Diensten bereits digitale Mülleimer, die ihren Füllstand melden. Doch auch ob diese kommen, ist noch offen.

Nicht alle Mitarbeiter seien so begeistert von der neuen Technik

Carol Kolb und Mischa Allgaier sind von Vialytics auch deswegen angetan, da so eine objektive Betrachtung der Straßen stattfinden kann. Transparent können sie die Prioritäten setzen und den Bürgerinnen und Bürgern ihr Vorgehen vermitteln. Schließlich sorgten gerade solche Themen für Diskussionen in der Kommune.

Als Kolb auf einem Feldweg am Rande Schorndorfs unterwegs ist, kommt sie allerdings auch auf die problematischen Punkte zu sprechen. Nicht alle Mitarbeiter seien so begeistert von der neuen Technik wie sie. Einige der Kollegen befürchten, mit dem System überwacht werden zu können, schließlich weiß das Gerät, wann und wo man sich zu welchem Zeitpunkt befindet. Auch deshalb ist sie bislang die Einzige, die das Gerät testet.

Mischa Allgaier schaut mit seinem Team neugierig in die Zukunft

Bislang hat die Stadt nur alle fünf bis zehn Jahre eine aufwendige punktuelle Befahrung von einem dafür zuständigen Unternehmen machen lassen. Mit der neuen Technik könnten die Befahrungen häufiger stattfinden. In der Verwaltung hätte man aktuellere und genauere Daten. Die Kosten für Vialytics seien aber vergleichbar hoch.

Carol Kolb denkt effizient: Wenn sie ohnehin mit dem Auto unterwegs sei, könne sie das Gerät mitnehmen und die Strecke aufzeichnen lassen. So ließen sich zwei Dinge gleichzeitig erledigen.

Mit künstlicher Intelligenz und Algorithmen werden allzu oft die großen internationalen Player wie Google, Amazon oder Tesla in Verbindung gebracht. Doch tatsächlich lässt sich künstliche Intelligenz auch direkt vor der Haustür in kommunaler Anwendung nutzen. Mischa Allgaier schaut mit seinem Team neugierig in die Zukunft und darauf, was noch kommen wird.


Das Unternehmen

Im Jahr 2018 ging das Start-up mit Vialytics an den Markt.

Gegründet haben das Unternehmen mit Sitz in Stuttgart Patrick Glaser, Achim Hoth und Danilo Jovicic.

Unter anderem die EnBW investierte in das junge Unternehmen.

Insgesamt hat das Unternehmen bisher 40 Kunden, die meisten davon sind Kommunen und Landkreise in Baden-Württemberg.

Das System soll in Zukunft noch weiterentwickelt werden, etwa im Bereich der Verkehrssicherung.

  • Bewertung
    11
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!