Schorndorf/Stuttgart Das Leiden der S-Bahn-Pendler

Die Pünktlichkeit der S-Bahn ist gut – außer, wenn’s drauf ankommt. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf/Stuttgart. Unsere S-Bahnen sind leider oft nur dann recht pünktlich, wenn wenige Leute mitfahren – in den Hauptstoßzeiten aber, wenn die Pendlerströme anschwellen, schaukeln sich Verspätungen auf. Das hat gestern der Verkehrsclub Deutschland bei einer Stuttgarter Pressekonferenz statistisch belegt.

Manchmal fragt sich S-2-Pendler Max Mustermann aus Schorndorf bang, ob er an einer krankhaften Fehlwahrnehmung leidet: Er hat nämlich das Gefühl, dass er morgens bei der Fahrt zur Arbeit und abends auf dem Nachhauseweg verdammt oft unter Verspätungen zu leiden hat – die offizielle DB-Pünktlichkeitsstatistik widerspricht dem aber radikal. Ihr zufolge waren im Jahr 2013 gut 86 Prozent aller S-Bahnen pünktlich oder höchstens drei Minuten verspätet; räumt man eine Kulanz von sechs Minuten ein, blieben gar fast 96 Prozent im Limit. Die Bahn zuckelt damit zwar deutlich den Zielwerten hinterher, die sie mit dem Verband Region Stuttgart vereinbart hat (94,5 Prozent bei der Drei-Minuten-, 98 Prozent bei der Sechs-Minuten-Pünktlichkeit) – aber sooo schlimm klingen 96 und 86 nun auch wieder nicht. Pendler Mustermann sinniert: Habe ich nicht mehr alle Tassen im Schrank? Bilde ich mir das alles bloß ein? Oder stimmt was nicht mit der Statistik?

Der Verkehrsclub Deutschland und seine Mitstreiter von der Internet-Seite www.s-bahn-chaos.de haben diese Frage gestern eindrucksvoll beantwortet. Kernbotschaft: Herr Mustermann muss nicht zum Arzt.

Die Zahlen der Bahn hingegen sind zwar nicht falsch – aber auch ein Beispiel, wie man „mit statistischen Methoden Dinge schöner darstellen kann, als sie tatsächlich sind“, sagt VCD-Landeschef Matthias Lieb.

Die DB bezieht in ihre Pünktlichkeitsrechnung nämlich jede fahrende S-Bahn ein und gewichtet alle gleich. Einfaches Beispiel: Angenommen, eine S 2 fährt um fünf Uhr morgens und ist pünktlich – eine weitere fährt um 8 Uhr und ist unpünktlich. Nach der Logik der Bahn bedeutet das: 50 Prozent der Züge waren pünktlich. Das ist korrekt – aber etwas Entscheidendes wird dabei ausgeblendet: Im 5-Uhr-Zug sind vielleicht 60 Leute gesessen – der 8-Uhr-Zug war mit 1200 Pendlern vollgestopft. In unserem Beispiel haben 95 Prozent der Kunden die S 2 als
unpünktlich erlebt.

Die Pünktlichkeit ist gut – außer, wenn’s drauf ankommt

Unser S-Bahn-System, erklärt Lieb, funktioniert regelmäßig stabil, wenn nicht viel los ist – und geht in den Hauptverkehrszeiten in die Knie. Morgens nehmen die Züge kurz nach vier Uhr zuverlässig den Betrieb auf. Sobald aber der Takt dichter und die Pendlerströme breiter werden, schaukeln sich Verspätungen auf und pflanzen sich fort durchs Netz. Gegen zehn Uhr entspannt sich die Lage wieder – und zwischen 16 und 19 Uhr wiederholt sich das Spektakel vom Vormittag, bevor gegen 20 Uhr der Druck aus dem Kessel weicht.

Der VCD hat unsere S 2 einmal näher unter die Lupe genommen. Betrachtungszeitraum: das Vierteljahr von Anfang November 2013 bis Ende Januar 2014. Betrachtungstage: alle Freitage im gewählten Quartal. Betrachtungsuhrzeit: jeweils die morgendliche Pendler-Stoßzeit von 6 bis 9 Uhr. Betrachtungsergebnis: Etwa jede dritte S 2 schlich dem Fahrplan mehr als drei, fast jede fünfte trödelte dem Soll-Termin gar mehr als sechs Minuten hinterher.

Mit anderen Worten: Unsere S-Bahnen sind meist recht pünktlich – nur nicht dann, wenn sie wirklich gebraucht werden. Der VCD kann statistisch belegen, dass manchmal in der Spitzenstunde nur noch etwa jede dritte S-Bahn einigermaßen pünktlich ist (siehe Grafik). Trost für Pendler: Wenigstens leidet ihr nicht an Realitätsverlust.

Lieb nennt mehrere Gründe für das Verspätungsproblem: Es gibt viele Baustellen wegen Stuttgart 21; das ganze Netz manövriert an der Kapazitätsgrenze, die Taktfolge ist so dicht, dass Verspätungen bereits entstehen, wenn Pendlermassen nicht schnell genug ein- oder aussteigen; und die Bahn habe seit Jahren „die Infrastruktur vernachlässigt“ – Lieb berichtet von Signal-, Weichen-, Fahrzeug-, Tür-, Oberleitungs- und Stellwerkstörungen.

Er folgert: Der Verband Region Stuttgart, der die DB mit dem S-Bahn-Betrieb beauftragt hat, müsste gemeinsam mit dem Land oder auch dem Bund – und warum nicht auch Landräten und Bürgermeistern? – Druck machen. In Österreich bekommen Stammkunden fünf bis zehn Prozent des Jahreskartenpreises zurückerstattet, wenn die Bahn vereinbarte Pünktlichkeits-Ziele verfehlt. Sinnvoll wäre auch eine Veränderung der statistischen Perspektive: Statt bloß zu fragen, wie viele Prozent der Züge unpünktlich fuhren, könnte man auch ermitteln, wie viele Prozent der Kunden wie stark davon betroffen waren. Auch dafür gibt es ein Vorbild: die Schweiz.

Aber ist die Region überhaupt mächtig genug, um der Bahn glaubwürdig die Folterwerkzeuge zeigen zu können? Matthias Lieb, philosophisch: „Wenn man schon nicht will, kann man auch nicht können.“

Und solange sich da nichts tut, bleibt ihm und seinen Mitstreitern nichts übrig, als weiterhin die Laus im Pelz zu spielen: Statistiken sammeln, im Internet stehende Rohdaten der Bahn auswerten, Gegenrechnungen aufmachen. Das geschieht Tag für Tag – Näheres auf www.s-bahn-chaos.de.

Was die Gattin sagt

Wenn eine S-Bahn komplett ausfällt, also überhaupt nicht fährt, wird sie in die offizielle Bahn-Statistik nicht eingepflegt. Es ist, als hätte es sie nie gegeben, die Pünktlichkeits-Bilanz wird davon nicht getrübt – ein statistischer Treppenwitz. Denn für den Pendler stellt sich das ganz anders dar: Er muss auf die nächste Bahn warten. Und wenn sie erst in 15 Minuten kommt, wird die Gattin am Abend sagen: „Du hast eine Viertelstunde Verspätung.“ Die Frau hat recht.
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