Schorndorf/Stuttgart Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

Das Stuttgarter Landgericht. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Schorndorf/Stuttgart. Es gibt da nicht den einen klaren Beweis, den rauchenden Colt – nur allerlei Ungereimtheiten: Haben ein Schorndorfer Geschäftsmann und seine Mitangeklagten 45 Millionen Euro aus Drogengeschäften gewaschen? Oder ganz legalen Goldhandel betrieben? An Tag vier im Stuttgarter Landgerichtsprozess sagte ein Zollfahnder aus.


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Dass dieser Fall filmreif anmutet mit seiner Fülle an Schauplätzen von Europa bis Arabien, das muss auch den Beamten des Zollfahndungsamtes Stuttgart, die sich seit 2017 damit befassten, früh klar gewesen sein – die Ermittlungsgruppe jedenfalls hieß intern: „Golden Eye“; wie ein James-Bond-Film mit Pierce Brosnan.

Ein Schorndorfer Goldhändler und drei Mitangeklagte schickten zwischen September 2017 und Januar 2018 exorbitante Mengen an Bargeld in die Vereinigten Arabischen Emirate, insgesamt 45 Millionen Euro, verteilt auf 39 Tranchen – und zwar ganz offiziell; die Schorndorfer Firma Noble Glitter (Name geändert) meldete jedes Mal vorher beim Zollamt Winnenden eine Cash-Ausfuhr an, danach setzte sich ein Kurier mit Geldkoffer in den Flieger gen Dubai. Alles legal, sagt die Verteidigung: Die Summen hätten als Bezahlung für Goldbarren gedient, die im Gegenzug aus Dubai nach Schorndorf gekommen seien.

Von wegen, glaubt die Staatsanwaltschaft: Die vorgeblichen Transaktionen – Scheine gegen Edelmetall – seien nur Tarngeschäfte gewesen. Noble Glitter habe regelmäßig Drogengeld aus Holland nach Dubai geschafft – der angebliche Goldhandel habe dem Ganzen einen seriösen Anstrich geben sollen. In Wahrheit habe das Gold gar nicht wirklich den Besitzer gewechselt, sondern sei von Dubai über Schorndorf und England zurück nach Dubai gewandert.

„Golden Eye“ berichtet

An Tag vier des Prozesses sagt ein Zollfahnder von der „Golden Eye“-Gruppe aus. Der Mann hatte die Aufgabe, die Buchhaltung von Noble Glitter zu durchforsten unter der Leitfrage: Lässt sich aus Aufzeichnungen, Quittungen, Belegen rekonstruieren, woher das Geld stammte, das dann nach Dubai floss? Aus legalen Einkommensquellen? Oder aus einem nebulösen Nirgendwo?

Er suchte – und fand. Regelmäßig kurz vor einem Cash-Transport nach Dubai stellte Noble Glitter einer Firma Goodcash (Name geändert) in Rumänien Goldlieferungen in Rechnung und erhielt – zumindest laut Unterlagen – auch Geld dafür. Demnach kamen die Summen, die in die Emirate wanderten, nicht aus der holländischen Drogenszene, sondern von einem rumänischen Goldkunden: reguläre Einnahmen. Nur: „Ich hab’s nicht geschafft“, sagt der Fahnder, all die angeblichen oder tatsächlichen Geld- und Goldbewegungen zu einem runden Bild zu ordnen – es passte allenfalls ungefähr, „nicht eins zu eins. Wenn ich Geschäfte betreibe im Millionenbereich – warum besteht keine schlüssige, nachvollziehbare Buchführung?“

Gold und Gold-Überzug

Dem Ermittler fiel auch auf, dass zumindest zwei der sogenannten „Gold“-Lieferungen aus Dubai dubios waren – zweimal nämlich hatten deutsche Grenzkontrolleure Pakete mit ankommenden Barren näher untersucht: Im einen Fall bestand ein Teil der Ware aus Silber, im anderen aus „geringwertigerem Metall“, mit Gold überzogen. Attrappen quasi? So ließe sich spekulieren.

Noch eine Seltsamkeit: Laut den Unterlagen hatte Noble Glitter an einem bestimmten Tag Gold in bestimmter Menge mit einem bestimmten Gewicht zu einem bestimmten Preis nach Rumänien an die Firma Goodcash verkauft. Ein Rechtshilfeersuchen bei der rumänischen Steuerbehörde aber ergab: Goodcash wiederum hatte an demselben Tag Gold in derselben Menge mit demselben Gewicht zum selben Preis ebenfalls verkauft – an Noble Glitter! Geschäft und Gegengeschäft hoben einander haargenau auf – was soll das?

Als die Fahnder später die Wohnung des Schorndorfer Goldhändlers durchsuchten, fanden sie einen Stempel zum Datieren von Geschäftsunterlagen: Es war kein Stempel von Noble Glitter; sondern von Goodcash.

Was der Zollbeamte sich ebenfalls „schwer erklären konnte“: Dieser Händler, der regelmäßig mit Millionen in bar und mit 20, 30, 50 Kilogramm Goldbarren hantierte, betrieb in Schorndorf ein Schmuck-Lädchen, das sich „in keinster Weise rechnete“ – es warf monatlich einen Umsatz von „3000 bis 5000 Euro“ ab, während allein die Ladenmiete 1600 Euro betrug, von anderen Unkosten zu schweigen.

Fragen über Fragen

Dieser Fall ist ein monumentales Puzzlespiel: Werden sich am Ende die vielen Teile, die Staatsanwaltschaft und Zollfahndung zusammengetragen haben, sauber zusammensetzen lassen zu einem Gesamtbild? Oder ist all das nur ein unverfugbares Sammelsurium zusammenhangloser Einzelstücke? Sind die Ungereimtheiten in den Unterlagen von Noble Glitter Indizien für kriminelle Geldwäsche? Oder nur Belege für stinknormale Schlamperei oder buchhalterische Inkompetenz?

Bis zum Urteil werden noch viele Wochen vergehen in diesem hoch komplizierten Prozess. Fortsetzung am Donnerstag

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