Schorndorf und Umgebung „Dies war nicht Gottes Wille“

Gunter Demnig verlegt vor der Urbacher Kirche den „Stolperstein“ für die ermordete Helene Krötz, die neben der Kirche wohnte. Bild: Schneider Foto: ZVW

In Urbach erinnert ein „Stolperstein“ an die Ermordung der jungen Helene Krötz

Urbach. Er ist seinerzeit vertuscht worden, der Mord an Helene Krötz. Und das Verdrängen geht weiter. Gestern aber setzten 60 Leute ein Zeichen: Vor der Urbacher Afrakirche wurde ein „Stolperstein“ in den Boden eingelassen, eine Erinnerung an jene junge Frau, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen war.

Helene Krötz wurde 1919 in Urbach geboren und wuchs dort auf. Durch eine Hirnhautentzündung wurde sie in ihrer Gesundheit beeinträchtigt. Sie kam zunächst in die Anstalt Stetten im Remstal und 1940 mit den berüchtigten grauen Bussen ins berüchtigte Lager Grafeneck, wo sie – wie über 10 000 andere Behinderte – umgebracht wurde.

Die Nachforschungen waren ein schmerzhafter Prozess

Renate Seibold Völker hat die Geschichte ihrer Tante erforscht (wir berichteten ausführlich auf unserer Seite Rems-Murr-Rundschau) und sprach gestern bei der Verlegung des „Stolpersteines“ vor der Urbacher Kirche. Diese Erinnerungsarbeit, so Renate Seibold-Völker, sei „ein schmerzhafter Prozess“ gewesen, „den ich unterschätzt habe“. Unterschwellig habe sie Ressentiments und Abwehr gespürt. Es habe Meinungsäußerungen gegeben wie „Endlich aufhören mit dieser Vergangenheitsaufarbeitung“ oder „Die heutige Generation kann dieses doch nicht beurteilen“. In der Verwandtschaft habe sie nicht bei allen Verständnis und Akzeptanz für ihr Ansinnen angetroffen, dass dieses barbarische Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten dürfe, dass man den vielen Opfern eine Geschichte und einen Namen geben müsse, um das Schicksal begreifbarer zu machen.

Genau das Gegenteil dessen habe sie dann erfahren dürfen, als sie im Mai 2010 mit Schülerinnen und Schülern der Urbacher Wittumschule in Grafeneck gewesen sei und in der Schule eine Ausstellung mit erarbeitet habe.

Und eben jene Schülerinnen und Schüler waren auch gestern wieder da. Deutlich war ihnen anzumerken, dass sie sich mit der leidvollen Geschichte der Helene Krötz beschäftigt hatten: In ihren Textbeiträgen sprachen sie die Ermordete mit „Du“ und mit „Liebe Helene“ an – ein Zeichen engen Vertrauens – und betonten, dass Behinderte die gleichen Rechte hätten wie alle anderen Menschen auch, nämlich insbesondere das Recht auf Leben.

Bürgermeister Hetzinger hob hervor, dass in einer Zeit, in der es kaum mehr Zeitzeugen gebe, besonders wichtig sei, die Lehren aus der Geschichte wachzuhalten. Hetzinger: „Wir haben heute mehr denn je die Pflicht, genau hinzuschauen und aufmerksam zu machen auf das, was damals geschah und was nie wieder geschehen darf. Wir brauchen Stolpersteine wie die des Künstlers Gunter Demnig, damit wir daran erinnert werden.“

Rose Endriß sprach für die Kirchen – und kritisierte eben diese Kirchen. Man habe um die Morde an den Behinderten gewusst oder sie zumindest geahnt – und dazu geschwiegen. Rose Endriß: „Das Sterben von Helene Krötz, das war nicht Gottes Wille.“

 

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