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Schorndorf Von einem, der nicht erst fliehen muss

Schorndorf. Seit fünf Jahren engagiert sich Barbara Mallinckrodt für Flüchtlinge. Als Sprachhelferin hat sie anfangs zweimal die Woche im Jugendhaus Altlache Deutsch unterrichtet, heute unterstützt die 77-Jährige noch eine syrische Familie vor allem bei Behördengängen – und kann eine schöne Geschichte erzählen: von einem geglückten Ankommen in Deutschland und einem Existenzgründer in Algerien, der gar nicht erst nach Europa fliehen muss.

Willkommenskultur war gestern: Algerier haben – seit der Silvesternacht in Köln – unter Flüchtlingen nicht den besten Ruf und kommen, so der Vorwurf, ohnehin aus einem sicheren Herkunftsland. Negativschlagzeilen gibt es zuhauf. Doch Barbara Mallinckrodt hat eine positive Geschichte zu erzählen: Von einem Algerier, den sie vor fünf Jahren, zu Beginn der Flüchtlingskrise, in der Wiesenstraße kennengelernt hat.

Im Video: Sprachhelferin Barbara Mallinckrodt hat eine positive Flüchtlingsgeschichte zu erzählen.

Dort saß die pensionierte Grundschullehrerin, die sich als Sprachhelferin für die Integration von Flüchtlingen engagierte, auf einer Bank vor dem Asylbewerberheim, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Nett waren sie alle, besonders nett aber fand sie den heute 34-jährigen Anis.

Ausbildung in einem Familienbetrieb in Stetten-Beinstein

Mit einem Visum nach Frankreich eingereist, kam er vor sieben Jahren als Asylbewerber über die grüne Grenze nach Deutschland. Drei Jahre hat er im Flüchtlingsheim an der Wiesenstraße gewohnt, hat bei Burger-King gearbeitet, sich durchgekämpft. Mittlerweile ist er mit einer deutschen Frau verheiratet, hat eine Aufenthaltgenehmigung und macht in einem Familienbetrieb in Stetten-Beinstein eine Ausbildung zum Industriemechaniker.

Er ist in Deutschland angekommen – und mit einem deutschen Ausbildungszeugnis könnte er auch irgendwann in Algerien einen eigenen Betrieb eröffnen. Das wäre ihm mit dem Maschinenbaustudium, das er in Algerien begonnen hatte, vermutlich nicht gelungen.

„Dein Land würde mich auch mal interessieren“

Diese Geschichte würde vermutlich nicht erzählt werden, hätte Barbara Mallinckrodt nicht eines Tages gesagt: „Dein Land würde mich auch mal interessieren.“ Damit war die Einladung ausgesprochen: 2014 besorgte sie sich ein Visum und reiste alleine in das Dorf, in dem Anis als Jüngstes von elf Kindern aufgewachsen war.

Acht seiner Brüder und zwei Schwestern leben mit der Mutter noch dort, auf 850 Meter Höhe in der Großen Kabylei. Eine Familie, die die Schorndorferin mittlerweile schon zum vierten Mal mit großer Gastfreundschaft und Herzlichkeit aufgenommen hat. Die aber auch den jüngsten Sohn nach Europa geschickt hat mit den Worten: „Sauve-toi, rette dich.“

Denn die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ist auch für Barbara Mallinckrodt bei ihren Besuchen mit Händen zu greifen: Es gibt drei Akademiker in der Familie – aber keine Arbeit. Von Anis Brüdern hat keiner eine feste Stelle: Einer arbeitet ab und zu auf dem Bau, einer hat immer mal als Schreiner zu tun, einer ist Imker und hat ein paar Bienen.

Überleben können sie nur als Selbstversorger: Die Familie besitzt Oliven- und Feigenbäume und einen Gemüsegarten. Doch der Klimawandel ist brutal: Nachdem es dieses Jahr sechs Monate nicht geregnet hat und die Wasserquelle auf dem Grundstück zu versiegen droht, ist die Existenzgrundlage der Familie gefährdet.

Stundenweise wird geholfen

Wäre da nicht Ali, der sich einen Traum verwirklicht und sich mit der Herstellung von Töpferwaren selbstständig gemacht hat. Dort, wo in seinem Haus die Schafe lebten, produziert er seit einem Jahr mit einer selbst entwickelten Maschine große Tonschalen, die in jedem algerischen Haushalt zur Couscous-Zubereitung gebraucht werden.

Mittlerweile hat er nicht nur genug Abnehmer für seine Tonschalen gefunden, endlich hat auch die ganze Familie Arbeit: Stundenweise helfen die Schwägerinnen, die Nichten und Neffen mit, treten mit den Füßen die Luftblasen aus dem Ton, malen die gebrannten Schalen mit Erdfarbe an.

„Er erhofft sich, auf eigenen Füßen stehen zu können“, sagt Barbara Mallinckrodt und sieht den positiven Nebeneffekt: „Das ist ein Mensch, der nicht auf die Idee kommt, nach Europa zu fliehen.“ Und nur so, ist die Sprachhelferin überzeugt, ließen sich auch tatsächlich Fluchtursachen bekämpfen – „und nicht mit dem Blabla von Merkel“.

Barbara Mallinckrodt fühlt sich verbunden

Für die 77-Jährige ist der Kontakt mit der algerischen Familie, die Reisen, die Abgeschiedenheit der kabylischen Berge „ein Geschenk“. Dort erlebt sie Bescheidenheit und Gottergebenheit, die in schrillem Kontrast zur deutschen Konsumgesellschaft stehen: „Ich brauche jedes Mal wochenlang, um mich an das Leben hier wieder zu gewöhnen.“

Nachdem sie 2014 zweimal nach Algerien gereist ist, im vergangenen und in diesem Jahr noch mal, dort eigentlich nichts anderes tut, als den Alltag einer Familie am Rande der Armutsgrenze mitzuleben, fühlt sie sich verbunden – auch, weil sie mit ihren Französischkenntnissen ins Gespräch kommen an: „Ich kenn’ das ganze Dorf.


Unterstützung

  • Um eine zweite Maschine – zur Herstellung von Tonkrügen – entwickeln zu können, braucht Ali Geld. Wer die Familie in Algerien unterstützen möchte, kann dies über Barbara Mallinckrodt tun: Spendenkonto: DE64602500100005020016. Weitere Infos unter ) 0 71 81/6 17 62.
     
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