Schorndorf Zu viele Auflagen für Vereine auf Weihnachtsmarkt

Am Awo-Stand schöpft Max Wieler Gaisburger Marsch – oder irakische Linsensuppe aus der Tafelladen-Küche. Zum Nachtisch gibt’s hausgemachten Kuchen und Kaffee. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Schorndorf.
Der Aufwand für die Vereine ist enorm, die Unterstützung von der Stadt könnte besser sein. Aus diesem Grund haben die Landfrauen aus Schorndorf und auch aus Oberberken die Teilnahme am Weihnachtsmarkt der Vereine abgesagt – nach „kontroverser Diskussion“, wie Helga Knauß-Auwärter verrät. In einem Leserbrief hatte sie erst am Samstag öffentlich beklagt, dass der Weihnachtsmarkt keinen Stellenwert mehr hat, abgedrängt ist und ein Schattendasein führt. Wenn er im kommenden Jahr rund ums Burgschloss stattfinden kann, wollen die Schorndorfer Landfrauen, die auf dem Weihnachtsmarkt schmerzlich vermisst wurden, wieder dabei sein.
Am Sonntag war die Landfrauen-Vorsitzende schon etwas besänftigt: Immerhin hat es die Stadt dieses Mal geschafft, mit Aufstellern auf der Johann-Philipp-Palm-Straße für den Weihnachtsmarkt der Vereine zu werben.

Doch es sind nicht nur die Landfrauen, die ihre Teilnahme abgesagt haben. Von den 45 von der Stadt Schorndorf angeschriebenen Vereinen waren nur 26 dabei – und damit zehn weniger als im Jahr 2018. Ein Grund mag auch das barsche Auftreten der Lebensmittelüberwachung des Landratsamts im vergangenen Jahr gewesen sein. Mit Schrecken denken auch die Vereine, die sich wieder zur Teilnahme entschlossen haben, daran zurück.

Eine Umstellung: Warmes Wasser, Flüssigseife, Einmalhandtücher

Bianca Sigel von den christlichen Pfadfindern, die schon seit mehr als 20 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt dabei sind und die Einnahmen für die Pfadi-Kasse gut gebrauchen können, findet die Kontrollen schlecht für die Stimmung und den Aufwand enorm: „Wir mussten uns ziemlich umstellen“. Warmes Wasser aus dem Thermobehälter, Flüssigseife, Einmalhandtücher, Listen mit Zusatzstoffen und Allergenen – mit all dem können sie mittlerweile dienen. Ein Glück auch, dass sie nachweisen konnten, dass sie ihre Schoko-Früchte in Schokolade getaucht haben – „sonst hätten wir Fettglasur-Bananen schreiben müssen“.

Die Auflagen für die Vereine hält auch Daniela Fritz vom CVJM für „Wahnsinn“. Konnten sie sich früher einfach auf den Verkauf von selbst gemachten Waffeln, Punsch, Glühwein und spanischen Orangen, von Adventskränzen und gestrickten Socken konzentrieren, müssen sie jetzt einen „unheimlichen Aufwand“ betreiben, um den Auflagen und Hygienevorschriften, die für den gerade mal sieben Stunden dauernden und von Ehrenamtlichen gestemmten Markt gelten, zu genügen. Doch eine Absage steht für den CVJM nicht zur Debatte: „Wir brauchen die Publicity“, sagt Fritz – und die Einnahmen vor allem für die Finanzierung des Jugendreferenten.

Der Weihnachtsmarkt ist auch eine Werbeveranstaltung 

Auch für die Awo ist die Teilnahme eine Selbstverständlichkeit – trotz Mehraufwand: „Darüber muss man nicht diskutieren“, sagt Michael Kreitmayr als stellvertretender Ortsvereins-Vorsitzender. Gab’s voriges Jahr, als Zutaten- und Allergenlisten erstmals konsequent verlangt wurden, deutlich weniger selbst gebackene Kuchen von den Eltern des Kinderhauses am Schloss, hat sich die Aufregung mittlerweile gelegt. Im Kindergarten müssen Hygienevorschriften ja auch eingehalten werden: „Wir haben regelmäßige Schulungen“, sagt Kreitmayr und nimmt den Aufwand in Kauf: „Es ist wichtig, dass sich die Awo, die in Schorndorf mit zwei Kindergärten und einer Sozialstation vertreten ist, zeigt.“ Eine Werbeveranstaltung ist der Weihnachtsmarkt auch für den Stimmwerk-Chor, der dringend männliche Sänger sucht – und die Inhaltsstoffe von selbst gemachten Gutsle und Gsälz direkt auf die Etiketten gedruckt hat. Und mag’s ein Mehraufwand sein, „den Spaß“, sagen Birgit Beier und Ingrid Herbst, „lassen wir uns nicht verderben“.

Noch gelassener sehen Gruppen und Vereine, die SchoWo-Erfahrung haben, einer Kontrolle durch die Lebensmittelüberwachung entgegen: „Wir kennen uns bestens aus“, sagt Francesco Tino vom deutsch-italienischen Kulturverein A.C.I.T., wo es Salsiccia und Arancini gibt. Simone Dobler von der Heilig-Geist-Gemeinde, ist froh, von der Erfahrung der Kolping-Familie profitieren zu können, auch wenn es an ihrem Stand gar kein warmes Mittagessen gibt. Die Zutaten auf die Zimtwaffeln-Tütchen zu drucken, „das war kein großer Aufwand“. Und dem Spülzwang wird hier ganz pragmatisch begegnet: Sind die 225 Gläser für den heißen Hugo verbraucht, „gibt’s keinen mehr“.

Ein enormer Aufwand – bei schlechter Infrastruktur

Auch der Lions-Club ist vorbildlich aufgestellt: mit Spuckschutz, Zusatzstoffen- und Allergenlisten und einem professionellen Spülbecken. Damit können die Lions aber auch nur dienen, weil sie mit Metzger Thomas Kurz einen Lebensmittel-Profi in ihren Reihen haben. So richtig reingehängt in die Vorschriften und Auflagen hat sich Patrick Frey vom Kindergarten Spatzennest. Ohne dieses Engagement, sagt Kindergartenleiterin Luzia Schlotz, wäre eine Teilnahme gar nicht möglich gewesen. Frey hat sich nicht nur um einen attraktiven Standplatz auf dem Archivplatz gekümmert, sondern auch eine eigene Wasserleitung zu einem Haus in der Nachbarschaft verlegt, bei den Motorradfreunden Haubersbronn eine Spüle organisiert und einen mannshohen Spritzschutz für den Gulasch-Kessel gebaut.

Ein enormer Aufwand – bei schlechter Infrastruktur: Bis auf den Strom müssen die Vereine sich um alles selbst kümmern. Dabei beklagen sie Umsatzeinbußen, seitdem ihr Weihnachtsmarkt nicht mehr auf dem Marktplatz, sondern in Konkurrenz zur Weihnachtswelt auf dem Archivplatz oder rund ums Burgschloss stattfindet. Darum gibt es, sagt Patrick Frey, auch die Idee, den Weihnachtsmarkt der Vereine bereits am Wochenende vor dem ersten Advent stattfinden zu lassen – und zwar wieder auf dem Marktplatz mit deutlich besseren Rahmenbedingungen.

  • Bewertung
    16
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!