Schorndorf Zweikampf um Planung Wiesenstraße

Das Areal Wiesenstraße im Bestand: Mittel- und langfristig soll das ganze Areal, das in Teilen der Remstalbaugenossenschaft und zum anderen Teil der Stadtbau Schorndorf gehört, neu bebaut werden, weshalb jetzt auch eine Gesamtplanung erarbeitet wird. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf. Experiment contra Tradition: Auf diesen kurzen Nenner haben die beiden Architekten Kaiser und Borchers die beiden gänzlich verschiedenen Entwürfe für die Bebauung des Areals Wiesenstraße gebracht, die sich nach einer Planungskonkurrenz mit insgesamt drei Büros im ersten Bewertungsdurchgang durchgesetzt haben und sich jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Sieg in diesem Wettbewerb liefern. Die Entscheidung fällt am 24. September, bis dahin müssen beide Bewerber noch Hausaufgaben erledigen.

Wie berichtet, will die Remstalbaugenossenschaft das nicht mehr benötigte Flüchtlingswohnheim und eine benachbarte Gebäudereihe abbrechen und in einem ersten Bauabschnitt den ihr gehörenden mittleren Teil des Areals neu bebauen.

Einheitliche Entwicklung

Nachdem andere Teile des Areals und des Gebäudebestandes im Besitz der Stadtbau Schorndorf sind, haben sich die Stadt, die Remstalbaugenossenschaft und die von ihr mit der „Geschäftsbesorgung“ betraute Kreisbau darauf verständigt, eine Planung für den gesamten Bereich Wiesenstraße zu machen, damit das Quartier – wenn auch teilweise erst auf sehr lange Sicht – einheitlich entwickelt wird.

Wobei es, so der Vorstandsvorsitzende Jörg Hetzinger, Ziel der Remstalbaugenossenschaft ist, auf der ihr gehörenden Fläche „preiswerte Mietwohnungen in Kombination mit städtebaulicher Qualität“ zu schaffen, was ihr deswegen möglich ist, weil es ein neues Wohnbauförderprogramm des Landes gibt, wodurch gewährleistet ist, dass öffentlich geförderte Wohnungen – und das gilt laut Kreisbau-Geschäftsführer Johannes Berner für 80 Prozent der geplanten Wohnungen – für die Dauer von 30 Jahren um 33 Prozent unter den laut Mietspiegel üblichen Werten liegen.

Im Übrigen sollen, wie Hetzinger und Berner sagen, nicht alle Gebäude gleichzeitig abgerissen werden, sodass die jetzt dort lebenden Mieter erst in ihren Wohnungen verbleiben und dann in die an Stelle der seitherigen Flüchtlingsunterkunft erstellten neuen Gebäude umziehen können.

„Es wäre natürlich toll, wenn Schorndorf so etwas bekäme“

Was nun die beiden Siegerentwürfe angeht, so attestierte ihnen der Sindelfinger Architekt Wilfried Borchers, der mit der Verfahrensbetreuung und der Vorprüfung betraut war, dass sie einerseits durchaus noch kleinere Mängel aufweisen, dass sie es andererseits aber auf jeden Fall wert seien, weiterbearbeitet zu werden und im Wettbewerb zu verbleiben.

Wobei die beiden Entwürfe, wie der Vorsitzende des Bewertungsgremiums, Prof. Dipl.-Ing. Hans-Dieter Kaiser, bei der Präsentation im Schorndorfer Rathaus deutlich machte, unterschiedlicher und gegensätzlicher nicht sein könnten. Hier die eher traditionelle Lösung mit eher langgezogenen und teils winkelförmigen Gebäuden, die um drei Höfe gruppiert sind, dort ein, wie es in der schriftlichen Beurteilung heißt, „engverwobener Teppich aus winkelförmigen Punkthäusern“, die – konzipiert überwiegend als mehrgeschossige abgetreppte „Vierspänner“, also als Gebäude, in denen von einer Treppenhausebene aus jeweils vier Wohnungen erschlossen werden – in ihrer Anmutung eher untypisch für das sind, was man hierzulande als sozialen Wohnungsbau kennt.

Gleichwohl macht Kaiser aus seiner Sympathie für diese unkonventionelle und fast schon experimentelle Art der Bebauung – auch wenn sie die Orientierung im Quartier nicht ganz einfach macht – keinen Hehl: „Es wäre natürlich toll, wenn Schorndorf so etwas bekäme“, sagt er und vermutet, dass der Ansatz sein Vorbild „im Webmuster japanischer Städtebautypologien“ hat.

Beiden Entwürfen zu eigen ist aus Sicht der Experten, dass sie „vernünftige“ Wohnungsgrundrisse haben, was es ermöglichen würde, dass allein im geplanten ersten Bauabschnitt jeweils knapp 140 neue Wohnungen entstehen könnten, davon jeweils etwa zur Hälfte Ein- und Zwei- sowie Drei- und Vierzimmerwohnungen. Aufs gesamte Areal bezogen, würde sich die Anzahl der Wohnungen, je nachdem, welche Planung umgesetzt wird, unterschiedlich entwickeln: Käme der eher konservative Entwurf zum Zuge, könnten auf lange Sicht 284 neue Wohnungen entstehen, im anderen Fall wären es „nur“ 250. Derzeit gibt es auf dem gesamten Areal insgesamt nur 150 Wohnungen.

Nachbesserung bei Abständen und Feuerwehrzufahrten

Zunächst einmal freilich müssen sich beide Planungsbüros daranmachen, die von der Bewertungskommission erkannten und benannten Mängel zu korrigieren. Beim Entwurf mit den Punkthäusern habe sich die Kritik vor allem auf technische Dinge konzentriert, sagt der Jury-Vorsitzende Hans-Dieter Kaiser und macht dies am Beispiel der bislang noch ungelösten Problematik der Feuerwehrzufahrten deutlich.

Diese sicherzustellen, „ohne dass die schönen Zwischenräume zwischen den einzelnen Gebäuden zerstört werden“, sei eine der Herausforderungen, denen sich das Planungsbüro stellen müsse, sagt Kaiser. Im anderen Fall geht es nicht zuletzt darum, dass mit der geplanten Bebauung an einer Ecke zu nah an ein zunächst weiterhin bestehendes Gebäude herangerückt worden ist, was eine Verschiebung innerhalb des gesamten ersten Bauabschnitts erforderlich macht und auch Auswirkungen auf die geplante Organisation der Tiefgaragen haben könnte. Im Bewertungsprotokoll wird außerdem moniert, dass die Fassaden „nicht ganz das hohe Niveau des Städtebaus und der Grundrisse erreicht“.

Aber natürlich spielen bei der Entscheidung, welche der beiden Planungen letztendlich umgesetzt wird, auch die zu erwartenden Baukosten eine Rolle – zumal dann, wenn sie gravierend voneinander abweichen würden. Einerseits, so Hans-Dieter Kaiser, dürfte die Realisierung der Punkthäuser etwas aufwendiger sein, weil sie über mehr Außenflächen verfügten, andererseits, so Jörg Hetzinger, könnten sich diese Mehrkosten wieder relativieren durch weniger interne Erschließungsflächen.

Der Reiz der Moderne

„Es macht den Reiz der Moderne aus, dass städtebaulich ein ganz neuer Akzent gesetzt werden könnte“, deutete in diesem Zusammenhang auch der Vorstandsvorsitzende der Remstalbaugenossenschaft eine gewisse Präferenz für den nach allgemeiner Einschätzung weniger konventionellen und spannenderen Entwurf an.

Der dunkler eingefärbte Planausschnitt in der Bildmitte zeigt es: Die Planer dieses Entwurfs ordnen die Gebäude auf dem Areal Wiesenstraße in Form von Wohnhöfen an, die, so heißt es in der Bewertung in Architektensprache, „von offenen Blockrändern gefasst“ sind.


Zwei Entwürfe

Der nebenstehende Entwurf „Grüne Höfe“ stammt von der ARP Architekten Partnerschaft Stuttgart GbR (Dipl.-Ing. Freier Architekt Michael Wenderoth), der oben im Modell gezeigte Entwurf kommt von der Project GmbH Planungsgesellschaft für Städtebau, Architektur und Freianlagen (Dipl.-Ing. Freier Architekt Ulrich Neumann).

Dass die beiden Entwürfe zunächst einmal als gleichrangig einzustufen sind, wurde, wie aus dem Protokoll hervorgeht, in der Sitzung des Beurteilungsgremiums mit 8:5 Stimmen getroffen.

Für die Überarbeitung der Entwürfe werden den Verfassern noch einmal je 5 000 Euro netto Bearbeitungshonorar und jeweils bis zu 2 000 Euro netto Modellbaukosten gegen Nachweis zur Verfügung gestellt.

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