Schorndorfer Adrian Guggemos Der Millionen-Mann auf dem Trial-Motorrad

Auch eine Möglichkeit, mit dem Trial-Motorrad umzugehen. Adrian Guggemos ist ständig auf der Suche nach neuen Tricks. Foto: Red Bull/Christoph Laue

Eigentlich will er nur spielen. Adrian Guggemos aus Schorndorf ist zwar bereits 25 Jahre alt, aber in ihm tobt unverändert diese kindliche Lust, Spaß zu haben und neue Dinge auszuprobieren. So macht er mit seinem Trial-Motorrad Saltos in der Luft, fährt Bäume hoch oder springt damit über seine Freundin. Seine Videos haben im Internet Millionen Aufrufe.

Da sitzt er nun im elterlichen Wohnzimmer und strahlt. Warum er das alles macht? Warum er sich dauernd neue Tricks ausdenkt? „Hmm. Na, weil ich weiß, dass ich’s kann“, sagt er. „Weil ich Lust drauf habe, Dinge zu machen, von denen man denkt, die sind nicht möglich.“ Und weil er’s am Ende genießt, etwas geschafft zu haben, was noch nie zuvor gemacht wurde.

Allein daran zu denken, befeuert seine Begeisterung. 1,80 Meter groß ist Guggemos, 82 Kilogramm geballte Kraft, und doch sieht er jetzt nicht aus wie einer der weltweit besten Trial-Fahrer, sondern wie ein Kind kurz vor der Weihnachtsbescherung. „Ein Kind?“ Guggemos denkt kurz darüber nach. „Ja, voll, das werde ich auch immer bleiben.“

Punktrichter verzweifelten

Denn schon als Schüler sei für ihn klar gewesen: „Ich werde mal Profi.“ Die Mutter sagte: „Mach was G’scheites“, er ging auf den Trialplatz. Und wo immer er neben den Sektionen, die bei den Wettbewerben zu durchfahren waren, einen Kieshügel sah, über dem man springen konnte, war klar: „Da muss ich hin.“

Die Punktrichter verzweifelten, doch vielen gefiel es auch, was der Steppke anstellte. Adrian Guggemos sammelte bald zwar jede Menge Titel in Baden-Württemberg und Süddeutschland, aber wirklich Spaß bereiteten ihm nur die verrückten Tricks.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. So kreiselt er auf dem Vorder- oder Hinterrad, brettert Rampen hoch und runter, macht Rückwärts- und Vorwärtssaltos. Lediglich „zehn, 15 Leute“ auf der Welt können das. Seit diesem Jahr ist er einer von drei Vertragsfahrern bei Red Bull („Der Ritterschlag für jeden Motorsportler“) und tritt für die Österreicher unter anderem im Rahmenprogramm von Formel 1 oder DTM auf.

Daneben hat er auch noch seine eigene Stunt-Show. Eine Berufsausbildung dagegen hat er nicht. Wozu auch? Ihm sei schließlich immer klar gewesen, dass er Trial-Freestyle-Profi werden will. Außerdem: „Ich kann nicht für andere arbeiten, ich habe meinen eigenen Kopf.“

Als Captain America durch ganz Europa

Mit 16 war er bereits in der Szene bekannt geworden, weil er als jüngster Teilnehmer einer inoffiziellen Trial-WM das Finale erreicht hatte. Die Kontakte, die er dabei knüpfte, verschafften ihm den Vertrag bei einem Showteam in Italien. Bis 2015 fuhr er dort, dann meldete sich der amerikanische Comic-Riese Marvel. Für den tourte er als Mitglied einer Stuntshow als Red Skull und Captain America durch ganz Europa, drei Shows am Tag, von Donnerstag bis Sonntag, trat unter anderem vor 20 000 Zuschauern in der O2-Arena in London auf.

„Das war cool und gut bezahlt“, sagt Guggemos. Auch „saugefährlich. Im Dunkeln im vierten Gang Vollgas über die Rampe ins Nichts. Wir haben verrückte Stunts gemacht.“ Aber es war immer dasselbe, die Choreografie bestimmten andere. Also stieg Guggemos aus.

Bis 2016 hatte sich der Schorndorfer in der Szene einen Namen gemacht. Doch dann startete er richtig durch. Ein kleines Video mit seiner Freundin Annika Bergfelder ging auf Instagram durch die Decke. Guggemos recherchierte, suchte, wo das Video überall noch auftauchte, geklickt und geteilt wurde, und kam schließlich auf die Zahl von rund 60 Millionen Aufrufen. Da konnte auch Dieter Bohlen nicht mehr stillhalten.

Ein Rückwärtssalto im Schnee mit Folgen

Guggemos und seine Freundin bekamen eine Einladung zur Show „Das Supertalent“. Also fuhren die beiden mit Anhänger und Ausrüstung nach Bremen, bauten ihre Show auf, bis 45 Minuten vor der Aufnahme klar wurde: Alles muss anders werden als zuvor abgesprochen. Der Auftritt auf rutschigem Kopfsteinpflaster fand ohne jede Probe und „von Anfang bis Ende improvisiert“ statt. Das Paar hatte dennoch Erfolg. Das Finale verpassten sie letztlich aber doch, weil der Ablaufplan der Show kurzfristig geändert wurde.

Schade, aber nicht allzu schlimm. Adrian Guggemos ist auch ohne Fernsehsendung ausreichend beschäftigt. Nicht immer jedoch ist das angenehm. Anfang dieses Jahres war er zu Aufnahmen im Snow Park in Nesselwang. Es war kalt, sehr kalt. Es gab zu wenig Schnee, Guggemos musste endlos warten, bis er loslegen konnte. „Da steht man 'ne halbe Stunde rum und muss dann einen Trick machen, den man so noch nicht gemacht hat.“ Rückwärtssalto mit halber Drehung über eine Skateboardrampe. Die Reifen“ – ohne Spikes im Übrigen – „waren wie gefroren und knüppelhart. Beim ganz normalen Backflip bin ich – vielleicht wegen der Höhenluft – zu langsam gewesen und bei der Drehung aufm Kopf gelandet.“ Der Helm ist gebrochen, „die Zähne waren locker“ und den Daumen hat’s verbogen.

Insgesamt jedoch ist er von Verletzungen, schweren zumindest, bisher verschont geblieben. Weshalb in seinem Kopf noch jede Menge Ideen stecken für Tricks, die vor ihm noch keinem gelungen sind; an die andere gar nicht zu denken wagen. Allein der Gedanke daran lässt ihn schon wieder aussehen wie das Kind kurz vor der Weihnachtsbescherung.


Adrian Guggemos

  • Geboren am 8. Oktober 1993. Seine erste – von vielen – Trial-Meisterschaften gewann er mit acht Jahren.
  • Seine eigene Show besteht aus drei Sportarten: normales Trialfahren (Geschicklichkeit), Freestyle Moto-Cross mit Sprüngen und Saltos und Stunt Riding. Dabei fährt er auf Vorder- und Hinterrad beispielsweise so dicht an seine Freundin heran, dass den Zuschauern der Atem stockt.
  • Für die Show hat er sich selbst einen Anhänger gebaut, um die Ausrüstung transportieren zu können. Auftreten könne er immer und überall, bei jedem Wetter, im Freien, Hallen oder auch kleinen Büros.
  • Zum Üben der nicht ungefährlichen Tricks (Rückwärtssalto mit dem Trial) baut er sich gerade selbst einen Trainingsplatz mit Schaumstoffbecken außerhalb von Schorndorf.
  • Im MSC Schorndorf, in dem er groß geworden ist, trainiert er die Jugend. Einer seiner Schüler, Lukas Häfner, hat in diesem Jahr drei Titel gewonnen.
  • Auf Facebook hat es Adrian Guggemos mittlerweile auf 274 000 Abonnenten gebracht.
  • Bewertung
    4