Schorndorfer auf dem Jakobsweg 4073 Kilometer alleine mit seinen Gedanken

Schorndorf. Hundertausende machen sich jedes Jahr auf den Jakobsweg, den Pilgerweg ins spanische Santiago de Compostela. Die wenigsten meistern ihn komplett, viele gehen ihn in jährlichen Etappen. Ralph Burger startete von seinem Haus in Weiler, lief bis Santiago und gleich weiter nach Lissabon. 4073 Kilometer in sechs Monaten – und unter Tausenden Mitwanderern alleine mit sich und seinen Gedanken.

Ein halbes Jahr alleine auf sich gestellt zu sein, nicht zu wissen, was der nächste Tag bringt, ob sich eine Unterkunft findet oder eine Nacht unter freiem Himmel bevorsteht, dazu braucht es Mut. Ralph Burger indes hat es „nie so empfunden“. Für ihn waren die sechs Monate ein großartiges Erlebnis. Nicht nur der Speicher seines Laptops ist voll mit Bildern. „Ich kann den Weg jedem nur empfehlen.“ Und wenn möglich, sollte man ihn alleine gehen.

Warum aber macht man sich auf den Weg, auf den Camino?

Manchmal braucht man Abstand 

Ralph Burger ist ein Mann der Zahlen, Leiter Finanz- und Rechnungswesen und Zentraleinkauf. Dazu Vater von zwei Söhnen und einer Tochter. Er joggt, spielt ein wenig Fußball, ist ein ruhiger Mensch. „Ich kann auch mal die Klappe halten.“ Das ist ihm zugutegekommen unterwegs. Aber warum ist er überhaupt losgelaufen? „Du kommst irgendwann in deinem Leben auch mal an einen Punkt, an dem du Abstand zu manchen Dingen brauchst.“ Und Zeit, darüber nachzudenken.

Religiöse Gründe spielen keine Rolle bei seiner Entscheidung, eine spirituelle Komponente durchaus. Es reizt ihn aber einfach auch herauszufinden, „ob ich das körperlich und mental schaffe“. Etwa drei Monate lang macht er sich Gedanken, dann steht der Entschluss fest. „Viele verschieben so was auf die Rente, das wollte ich nicht.“

Burger entscheidet sich für den weniger genutzten Camino del Norte, bekommt unbezahlten Urlaub und verlässt am 13. April, Gründonnerstag, sein Haus in Weiler, schlägt den Weg nach Endersbach ein, nach Stetten und schließlich nach Esslingen. Dort ist die erste Übernachtung geplant. Danach führt der Weg „ins Leere“, ins Abenteuer: Was bringt der nächste Tag?

Es findet sich immer eine Lösung

Ein Zelt hat Burger nicht dabei, in seinem 17 Kilogramm schweren Rucksack schleppt er lediglich einen Biwaksack mit. Doch weil der April noch einmal Schnee bringt, muss er sich nach Unterkünften umschauen, „auf die Leute aktiv zugehen und fragen“, ob womöglich in der Garage noch Platz zum Schlafen ist.

Er findet immer etwas, wird nie abgewiesen. „Wenn man die Leute mit einem Lächeln anspricht, dann wird einem immer geholfen. Das ist schon eine erstaunliche Erfahrung. Über Ländergrenzen hinweg.“ Jetzt hilft ihm seine gute Vorbereitung, er hat unter anderem ein wenig Spanisch und Portugiesisch gelernt. „Das ist auch eine spirituelle Erfahrung“, sagt Burger. „Man muss sich meistens keinen Kopf machen, es findet sich immer eine Lösung.“ Und für ihn selbst ist das „ein Wachstumsprozess, offener zu werden“. Es ist nicht der einzige.

70 Prozent des Weges ist er allein

Zu viel Kopf, zu wenig Gefühl. So beschreibt sich Burger in seinem Blog „Sechs Monate Jakobsweg“. Er schreibt das, bevor er sich auf den Weg macht. Doch der Weg verändert den Pilger.

Im Schnitt läuft Burger sechs Stunden am Tag, 30 Kilometer, einmal sind es sogar 51 Kilometer. Er trifft andere, geht manche Strecke zu zweit oder in kleinen Gruppen, 70 Prozent des Weges aber ist er allein mit sich und seinen Gedanken. Anfangs hat er Schmerzen an der Ferse, doch die vergehen. Nach wenigen Tagen fragt er sich allerdings: „Was tust du hier eigentlich, so völlig bescheuert?“ Der Zweifel verfliegt schnell, bald gibt es nur noch „viel Spaß und Glück, es ist einfach nur cool“.

Dabei ist Burger anfangs auch im Gefühls-Auf- und -Ab. „Es schießen einem viele Gedanken durch den Kopf. Man hat ja nicht viel zu tun, man läuft ja bloß.“ So versucht er täglich zu erahnen, was der nächste Tag wohl bringen mag. Er sieht einen Hügel weit voraus und ist sicher: Morgen laufe ich dort. Doch jedes Mal liegt er falsch. Immer kommt es ganz anders. „Was man sich auch für Gedanken macht, es ist umsonst – meistens.“ Und genau das lässt sich eins zu eins auf das Leben übertragen.

Wenn alle Gedanken weg sind

Die Gedanken aber kreisen auch um all die Probleme, die mit zum Entschluss geführt haben, auf Pilgerreise zu gehen. Zwei Monate lang. Dann hat er „an alles einen Haken gekriegt“, ist leer. „Dann läuft man bloß noch, denkt nichts mehr. Das ist ein großartiges Gefühl, sich mal mit gar nicht beschäftigen zu müssen.“ Und das Gefühl hält an; tagelang, wochenlang. Er kann „alles genießen, weil nichts mehr im Kopf ist. Die ganzen Probleme sind weg.“

Er hört auf, Nachrichten zu verfolgen. „Die meisten sind negativ. Mir geht’s ohne sie besser.“ Er genießt die Landschaft, vor allem als nach 2000 Kilometern die Pyrenäen aus dem Nebel vor ihm auftauchen. Er genießt genauso die Gespräche mit Menschen aus aller Welt, von denen sich manche völlig öffnen, ihm ihr Leben „bis ins letzte Detail“ erzählen – und „Dinge, die sie ihren besten Freunden nicht anvertraut haben“. Auch er wird seine Geschichten los.

Es ist nie zu spät für neue Pläne

Am 21. Oktober steht Ralph Burger wieder vor seinem Haus in Weiler. Mit langem Bart, aber das ist nicht die einzige Veränderung. „Ich bin offener geworden, ein gutes Stück entspannter. Dinge, die einem unglaublich wichtig erscheinen, sind’s in der Regel nicht.“ Die Rückkehr fällt ihm leicht. In Lissabon bereits hat er loslassen können, drei Wochen Urlaub angefügt.

Wird er den Weg noch einmal gehen? Vielleicht. Aber es gibt noch andere Herausforderungen. Und eines hat ihn der Camino de Santiago auch gelehrt: „Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen.“
 


Der Jakobsweg

Der Jakobsweg (Camino de Santiago) ist der bekannteste Pilgerweg der Welt. Seit über 1000 Jahren wandern Pilger zum Grab des Apostels Jakobus im spanischen Santiago de Compostela.

Genau genommen gibt es viele Jakobswege. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich einige wichtige Routen mit eigenen Namen gebildet, die schon vor Jahrhunderten wegen ihrer Infrastruktur von den Pilgern bevorzugt wurden.

In erster Linie wird darunter der Camino Francés verstanden, jene hochmittelalterliche Hauptverkehrsachse Nordspaniens, die von den Pyrenäen zum Jakobsgrab führt und die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León miteinander verbindet. Diese Route entstand in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts.

Den Weg gehen in jedem Jahr Tausende, Tendenz steigend. 2016 waren es, laut Domkapitel der Kathedrale in Santiago, 278 041.

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