Schüler in Alterssimulationsanzügen Urbach: Kreative Personalsuche für die Pflege

Symbolbild. Foto: pixabay (CC0 Public Domain)

Urbach. Das Alexander-Stift in Urbach steckt Schüler in Alterssimulationsanzüge, schickt sie auf Rollator-Parcours und zeigt ihnen mittels einer App, wie sie in 30 Jahren aussehen könnten: Mit dieser Art Nachwuchswerbung hatte die Pflege-Einrichtung großen Erfolg. Ulrich Lilie, der Präsident der Diakonie Deutschland, reiste nun extra nach Urbach, um der Einrichtung Respekt zu zollen – und um zuzuhören.

Gina Herold zum Beispiel hat was zu erzählen. Die 21-Jährige lernt Altenpflegerin im zweiten Jahr, und für diese Ausbildung hat sie ihr Lehramtsstudium geschmissen. „Es war die einzig richtige Entscheidung“, verkündet die junge Frau. Der in getragenem Ton vorgebrachte Frage, wie sie denn mit dem Sterben der Bewohner umgehe, begegnet Gina Herold mit der geballten Fröhlichkeit und Zuversicht ihrer Jugend und ihrer Liebe zu den alten Menschen: Es ist nicht immer nur furchtbar, das Sterben. Es kann schön sein, einen Menschen die letzten Wochen und Tage zu begleiten. Wenn der Mensch nicht leidet, wenn er in Einklang mit sich und den anderen sein Leben abschließt – dann ist das nichts, was Gina Herold schrecken könnte.

Fachkräfte in der Altenpflege: Dringendst gesucht

Es müsste viel mehr Gina Herolds geben in dieser Welt. Das Alexander-Stift hat beschlossen, auf die Suche nach ihnen zu gehen statt zu warten, bis sie an die Tür klopfen. Nein, Altenpfleger(in) zählt nicht zu den zehn beliebtesten Ausbildungsberufen, und nein, zu den bestbezahlten schon gleich gar nicht. Altenpfleger(innen) sind aber dringend, nein äußerst dringend gesuchte Leute, denn die Menschen werden immer älter und ihre Familien sind begrenzt belastbar.

Gina Herold schräg gegenüber sitzt der 40 Jahre ältere Ulrich Lilie und hört zu. Er ist schwer beeindruckt vom Konzept der Urbacher für einen Aktionstag zur Nachwuchsgewinnung. Das Alexander-Stift ist dafür ausgezeichnet worden, und deshalb ist Ulrich Lilie nach Urbach gekommen. Annette Kober vom Alexander-Stift zeigt Image-Filme, die sie für den Aktionstag gedreht haben und die jetzt sogar im Kino laufen vor dem Hauptfilm. Sie erzählt, wie das Team mittels einer Talkrunde, Sitztanz und einer Info-Rallye an der Maria-Merian-Schule in Waiblingen, an der Anna-Haag-Schule in Backnang und im Rudersberger Gemeindehaus den Beruf mal auf ganz andere Weise vorgestellt hat.

Die Suche nach guten Nachwuchskräften bezeichnet Carmen Klump, die stellvertretende Geschäftsführerin des Alexander-Stifts, als eins der Themen, welche die Einrichtungen aktuell am meisten umtreiben. Punkt zwei ist die Landesheimbauverordnung, welche Einzelzimmer in Pflegeheimen zum Pflicht-Standard erklärt. Als „Tanz auf dem Seil“ empfindet Ulrich Lilie die Verordnung, zumal Plätze in Pflegeheimen dringend benötigt würden.

Der Pflegenotstand hat viele Gesichter. Carmen Klump würde liebend gern Springer einstellen – aber für diese Jobs finde sich einfach niemand. Das hat zur Folge, dass die Pflegedienstleitungen Beschäftigte aus der Freizeit herbeibitten müssen, wenn jemand sich krank meldet und eine Schicht anders nicht zu besetzen ist. Dass man sich auf Dienstpläne nicht verlassen kann, nennt Annette Kober als Hauptgrund für Unzufriedenheit.

Eine App für Mitfahrgelegenheiten

Noch ein Punkt ist, dass Pflegeeinrichtungen im ländlichen Raum etwa am Wochenende oder zur Früh- oder Nachtschicht ohne Auto eventuell gar nicht zu erreichen sind, wie Pfarrer Rainer Hinzen, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten, zu bedenken gibt. Ulrich Lilie erzählt – wohl wissend, dass sich das nicht einfach eins zu eins überall umsetzen lässt – von einer App, die in Hessen im Einsatz ist. Man setzt sich auf eine Bank, Autofahrer sehen via App, jemand braucht eine Fahrgelegenheit – und lassen Mitfahrer einsteigen.

Immer wieder kommen die Gesprächsteilnehmer in Urbach auf die zentrale Frage zurück: den Personalmangel in der Pflege. Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen hält Ulrich Lilie zwar nicht für falsch – „aber das allein wird es nicht regeln“ : Es brauche viel mehr Wertschätzung für den Beruf, es brauche Verbesserungen in der Struktur der Pflegeorganisation insgesamt.

Tausende freie Jobs

Wer in der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit in die Suchfelder „Altenpfleger“ und „Baden-Württemberg“ eingibt, erhält momentan circa 5060 Treffer.

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