Schulanfang im Rems-Murr-Kreis Schulen sind „arbeitsfähig“, mehr nicht

Start ins Schulleben: Es werden öfter mal Stunden ausfallen. Foto: Uwe Anspach/dpa

Backnang. Christina Kühnel ist Lehrerin und musste sich nicht mal bewerben. Eine Schule meldete sich bei ihr und bot ihr eine Stelle an. Die Pädagogin ist eine von 169 Lehrerinnen und Lehrern, die das Staatliche Schulamt neu für den Rems-Murr-Kreis gewinnen konnte. Gebraucht würden viel mehr Lehrer, und die Durststrecke wird, wie es am Montag bei einer Pressekonferenz hieß, noch ein bis zwei Jahre andauern.

Christina Kühnel, Marvin Klostermann und Nadine Franzke heben die rechte Hand zum Schwur und geloben, ihr Bestes zu geben im Schuldienst. Es ist ein feierlicher Moment. Das Staatliche Schulamt Backnang hat sich bewusst dafür entschieden, die Vereidigungen in kleinen Gruppen und damit in familiärer Atmosphäre vorzunehmen. Und so wimmelt es an diesem Montagvormittag auf den Fluren des Amtes nur so vor jungen Leuten, die diesen Mittwoch an einer Grund- oder Werkreal-, einer Real- oder Gemeinschaftsschule oder an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum im Rems-Murr-Kreis starten werden.

Sie alle konnten sich weitestgehend aussuchen, welcher Schule sie den Zuschlag geben. Lehrer sind dringendst gesucht (wir haben berichtet). „Ganz, ganz eng und knapp“ sieht’s zum Schuljahresstart mit der Unterrichtsversorgung aus, sagte Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring am Montag vor der Presse in Backnang. Die Schulen seien „arbeitsfähig“; der Pflichtunterricht sei „weitgehend gesichert“.

Keinerlei Reserven für Krankheitsvertretungen

„Weitgehend“ ist ein dehnbarer Begriff. Was definitiv ausfällt, ist beispielsweise der Englischunterricht an Grundschulen in Klassenstufe zwei. Die Schulen behalten allerdings diese Stunden und können sie für zusätzliche Übungen in Deutsch und Mathe nutzen, teilt das Schulamt mit. Ob das wirklich klappt, wird sich zeigen. Denn es gibt keinerlei Reserven für Krankheitsvertretungen.

Weshalb es aktuell an allen Ecken und Enden an Pädagogen fehlt, hat mit der Vielzahl der Reformen im Bildungssystem zu tun. Es gibt viel mehr Ganztagesschulen als früher, an Grundschulen erhalten die Kinder mehr Unterricht als noch vor Jahren – schon allein das führt in der Summe zu einem erheblichen Mehrbedarf an Lehrern. Ganz offensichtlich hat man ferner die Veränderung der Schülerzahlen falsch eingeschätzt. Als Folge wurden zu wenig Lehrer neu ausgebildet – und das wirkt sich jetzt aus. Ein bis zwei Jahre dauert’s in jedem Fall noch, bis die Durststrecke überwunden ist, davon geht Sabine Hagenmüller-Gehring aus.

Ganz mau sieht es in den ländlichen Regionen aus

Bereits Ende 2018 hat das Schulamt begonnen, angehende Pädagogen anzuwerben. Besonders deutlich trete der Lehrkräftemangel im sonderpädagogischen Bereich zutage. Dort habe man verstärkt auf „Nichterfüller“ zurückgegriffen, also Lehrer, die noch keine vollständige Lehrbefähigung erworben haben.

Ganz mau sieht’s in sehr ländlichen Regionen aus. Schulen in Murrhardt, Sulzbach oder im Welzheimer Wald scheinen für Bewerber nicht attraktiv zu sein. Das Schulamt ordnet deshalb an kleine Schulen Lehrer ab, die dann dort zumindest einige Stunden übernehmen.

Frauen sind in der Überzahl

Unter den 169 Neustartern sind nur 23 Männer. Sabine Fröhlich vom Schulamt hatte in jüngster Zeit einige Lehrerinnen an der Strippe, die eine Schwangerschaft bekanntgaben. Oftmals scheiden die Frauen lange vor Beginn der Mutterschutzzeit aus. Für kurzfristige Ausfälle wegen Schwangerschaft hat Sabine Fröhlich den Schulen im Moment keine Lösung anzubieten, räumt sie offen ein. Dasselbe gilt für Elternzeiten der Väter. Für die Familien ist es absolut begrüßenswert, wenn Männer Elternzeit nutzen, betont Sabine Hagenmüller-Gehring. Für die Schule heißt es: Unterricht fällt monatelang aus.

Christina Kühnel, Marvin Klostermann und Nadine Franzke starten diese Woche trotz allem frohgemut in den Schuldienst. „Ich liebe die Arbeit mit Jugendlichen“, sagt Marvin Klostermann, der als ausgebildeter Tanztrainer und Steuerfachangestellter jetzt zu seiner Berufung gefunden hat, wie er sagt. Christina Kühnel, bisher im Privatschulbereich tätig, freut sich riesig über die neue Aufgabe, und Nadine Franzke wusste bereits im Alter von sechs Jahren, was sie werden will: „Lehrerin – das ist mein absoluter Traumberuf.“


Neuerungen zum Schuljahr 2019/20

  • Das Staatliche Schulamt Backnang ist zuständig für die Grundschulen, die Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen im Rems-Murr-Kreis, außerdem für die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren und die Schulkindergärten (nicht für die Gymnasien).
  • Zum Start des Schuljahres 2019/2020 wechseln knapp 23 Prozent der bisherigen Viertklässler an eine Gemeinschaftsschule, rund 36 Prozent an eine Realschule. Nur noch 20 Schülerinnen und Schüler entschieden sich für eine Werkrealschule. Diese Schulart ist im Rems-Murr-Kreis nur noch an drei Standorten vertreten.
  • Von den 169 Lehrkräften, die zum Schuljahr 2019/2020 neu eingestellt worden sind, erhalten laut Schulamt 137 einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Alle anderen übernehmen Vertretungen für kranke Lehrer oder für Lehrkräfte im Sonderurlaub, in Mutterschutz oder Elternzeit.
  • An den Schulen stehen zum neuen Schuljahr einige Veränderungen an. In Klasse sieben wird jetzt Ethik unterrichtet. Erstmals kann man an einer Realschule zum Ende der Klasse zehn auch einen Hauptschulabschluss erwerben.
  • Die Zahl der Schülerinnen und Schüler aus geflüchteten oder zugewanderten Familien ist von 804 auf 747 zurückgegangen.
  • Das Staatliche Schulamt gibt Aufgaben in der Lehrerfortbildung an das neu gegründete Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung ab. Im Gegenzug erhält das Amt mehr Aufgaben im Bereich der Schulaufsicht.
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