Schwäbisch Gmünd Familienstreit als Auslöser für Mord an Bruder?

Symbolbild. Foto: pixabay.com, Lizenz: Public Domain CC0

Schwäbisch Gmünd. Hat er seinen Bruder erschossen und kam seine Schwester nur deshalb mit dem Leben davon, weil in diesem Moment die Pistole nicht auslöste? Zu diesen Vorwürfen, die ihm Staatsanwalt Carsten Horn am Montag machte, wollte der 49-jährige H. an diesem ersten Verhandlungstag vor dem Schwurgericht des Ellwanger Landgerichts keine Stellung nehmen.

Doch als er am Nachmittag Ausführungen zu seinem persönlichen Werdegang machte, deutete er an, dass hinter den als Mord und Mordversuch angeklagten Taten, die sich im September im Gmünder Wohnviertel Kiesäcker ereigneten, ein tiefer Familienstreit stecken könnte. „Jemand“ sei schuld daran, dass er nun wohl ins Gefängnis müsse. H. sagte aber auch: „Ich bin zerstört, ich bin sehr traurig, ich bereue es auch.“

Ein Neffe hatte den Vater des Angeklagten ermordet

Das hatte H. gesagt, als der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg ihn nach seinem persönlichen Werdegang fragte. Der begann bei den Eltern, die 1977 nach Deutschland gekommen waren. H. folgte 1981, damals war er elf Jahre. 2013 musste er zurück nach Istanbul, nachdem sein Vater dort umgebracht worden war. H. habe ihn rächen wollen. Er habe die beiden Schuldigen auch aufgespürt – zwei Neffen seiner Mutter. Und, auch das sagte er freimütig, er habe sie töten wollen. Einen der beiden verletzte er. Der sei auch wegen der Tötung des Vaters verurteilt worden, doch auch H. habe für seine Racheaktion eine mehrmonatige Haftstrafe bekommen.

„Die Sache“ sei dann in Deutschland weitergegangen und sie sei mit der Familie verbunden. Damit bestätigte er, was Richter Ilg ihn fragte, auch wenn er weiterhin zur Tat in den Kiesäckern nichts sagte. „Die wollten meinen Vater weghaben“, sagte H. über dessen Ermordung.

Angeklagter lebte im gleichen Haus wie sein Bruder

Dass innerhalb der Familie große Spannungen herrschen, zeigte sich an der angespannten Stimmung im Gerichtssaal. Als Vorsorge hatte das Gericht eine Sicherheitsschleuse aufgestellt, durch die die Besucher der Verhandlungen gehen mussten. Vereinzelt kam es zu aggressiven Wortwechseln, immer wieder mussten die Wachtmeister beruhigend auf Besucher einwirken. „Wir dulden hier keine lauten Unmutsäußerungen oder sonstigen Störungen“, stellte Gerhard Ilg schon kurz nach Verhandlungsbeginn klar.

Staatsanwalt Carsten Horn hatte die Taten, die er H. zur Last legte, als „heimtückisch“ eingestuft – ein juristisches Merkmal für Mord und Mordversuch. Auffällig dabei: Der Angeklagte lebte im gleichen Haus, nur eine Etage über seinem Bruder, den er erschossen haben soll.

Schuss wurde aus 20 bis 35 Zentimeter Entfernung abgegeben

Der Bruder habe noch versucht, seine Arme schützend vors Gesicht zu halten, meinte der gerichtsmedizinische Gutachter, der am Montag seine Resultate vorstellte. Deshalb habe die Kugel den rechten Unterarm durchschlagen und den linken Unterarm verletzt, bevor sie durch die Stirn in den Kopf eindrang. Die Schmauchspuren-Spezialistin des Landeskriminalamtes konnte ergänzen, dass der Schuss aus 20 bis 35 Zentimeter Entfernung abgegeben wurde. Der Angeklagte habe zwar Schmauchspuren an der Hand gehabt, aber nur wenige. Dies könne allerdings daran liegen, dass die Proben erst ein paar Stunden nach der Tat gesichert wurden. Wenn man in dieser Zeit zum Beispiel die Hände in die Tasche steckt, könnte Schmauch abgewischt werden.

Uneinigkeit ums Haus könnte ein Grund für die Tat gewesen sein

Warum die Waffe beim Versuch, auch die Schwester zu erschießen, versagte, konnte der LKA-Waffensachverständige Dr. Uwe Reiter nicht sagen. In seinen Versuchen habe die Pistole nie versagt. Das Modell gelte als sehr zuverlässig, die Waffe sei auch in einem guten Zustand.

Möglicherweise hat die Tat auch mit dem Haus, vor dessen Eingang sie sich abspielte, zu tun. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Gerhard Ilg bestätigte der Angeklagte, dass mehrere Familienmitglieder Eigentumsanteile an diesem Haus haben – und dass man sich nicht einig sei, wie es weitergehen soll. Dem Vernehmen nach gab es schon in den Tagen vor der Tat Streitigkeiten.

Die Verhandlung wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Dann sollen unter anderem die drei Nebenklägerinnen – die Mutter, die Schwester sowie die Witwe des Getöteten – und andere Angehörige als Zeugen angehört werden.


Die Tatwaffe stammt von einem Pfarrer

Die Pistole, die bei dieser Tat verwendet wurde, stammt aus Schweizer Armeebeständen. Das sagte Dr. Uwe Reiter, Schusswaffensachverständiger beim Landeskriminalamt.

Der Experte zum Hintergrund: In der Schweiz bekommt jeder, der zum Wehrdienst verpflichtet wird, ein Gewehr und eine Pistole der Marke SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft). Diese Waffen habe jeder – zumindest früher – nach Ende der Wehrpflicht auch verkaufen dürfen.

Eine Gravur auf der wohl rund 60 Jahre alten Pistole zeige aber, wem die Waffe seinerzeit ausgehändigt worden sei. Es war, so Reiter, ein Schweizer Pfarrer.

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