Schwäbisch Gmünd Karl Lagerfelds Gmünder Model

Karl Lagerfeld zeigt sich oft herzlich, etwa mit dieser Karte: „Liebe Martina, es war toll, diese Haute Couture mit Dir zu machen.“ Foto: GT/hoj

Schwäbisch Gmünd/Paris. Eigentlich kam der Tod von Karl Lagerfeld nicht überraschend für sie, sagt Martina Gilg. Geschockt war die 38-Jährige dennoch, als die Nachricht erreichte. Die Gmünderin war sechs Jahre Hausmodel bei Chanel und hat bis heute Kontakt zu Mitarbeitern dort. Ihnen drückte sie per Kurznachricht übers Handy ihr Beileid aus.

Das Team bei Chanel sei wie eine Familie, sagt Martina Gilg. Sie denkt gerne an ihre Zeit in Paris zurück. Jetzt schwelgt sie in Erinnerungen und hat wieder ihre alten Fotos und Zeitschriften ausgepackt.

Ihre Modelkarriere begann im Jahr 1998. Eine Freundin hatte ein Foto von ihr bei einem Fashion-Model-Wettbewerb in Berlin eingeschickt. Prompt meldete sich ein Modelscout. Sie sehe nicht aus wie ein klassisches Katalogmodel, sie passe vielmehr in High-Fashion-Shows, auf die großen Laufstege der Welt. So vermittelte er die damals 18-Jährige an eine Modelagentur, die unter anderem in Paris, New York und Mailand tätig war.

Die Hauptschule in Leinzell hatte sie abgeschlossen und wusste ohnehin nicht so recht, was sie werden wollte, erzählt Martina Gilg. So zog sie zunächst nach Mailand, wurde aber auch für Modeschauen in Tokyo, Mexiko oder Australien gebucht.

Im Jahr 2000 bekam sie nach einem Casting eine Stelle als Fitting-Model bei Dior und zog nach Paris. An ihr wurden nicht nur die Kollektionen passend gemacht, sondern sie war auch bei verschiedenen Modeschauen dabei und ließ sich unter anderem für eine Dior-Parfum-Kampagne ablichten.

2002 stellte sie sich bei Chanel vor. Als Karl Lagerfeld beim Casting dazu kam, sagte Designerin Virginie Viard zu ihm: „Das ist Martina, eine Deutsche.“ „Die bleibt da“, habe er geantwortet. In der Art, wie ihm nie jemand widersprechen würde. So kündigte Martina Gilg bei Dior und wurde Fitting-Model bei Chanel. „My little german girl“ – mein kleines deutsches Mädchen, habe Karl Lagerfeld immer zu ihr gesagt: Wobei sie mit ihren 1,78 Metern definitiv nicht klein ist und genauso groß war wie er. Die meisten deutschen Models seien sehr kühl, habe er gesagt. Ganz im Gegensatz zu ihr. Das müsse daran liegen, dass sie aus Süddeutschland stamme, habe sie geantwortet.

Der absolute Perfektionist

Weil Karl Lagerfeld als absoluter Perfektionist meist bis spät in der Nacht gearbeitet habe, seien Anprobetermine um 23 Uhr keine Seltenheit gewesen. Neben ihrer Arbeit als Fitting-Model war sie auch bei Modeschauen in Dubai oder Indien dabei und posierte als Model für eine Fotomappe der Chanel-Schau. So kam Martina Gilg viel herum.

„Wir hatten jede Menge Spaß“, sagt sie rückblickend. Wenn Karl Lagerfeld der Trubel zu groß war, sei er zu den Models „geflüchtet“. Etwa, als die „High Society“ kurz vor der Präsentation der neuen Kollektion ins Atelier kam. Martina Gilg und ihre Model-Kollegin Amanda Sanchez amüsierten sich prächtig, wenn er über die Gäste nebenan einen Spruch nach dem anderen raushaute.

„Entweder Karl mochte dich oder er mochte dich nicht und wollte nichts mit dir zu tun haben“, sagt Martina Gilg: „Für Karl gab es nur Schwarz und Weiß – nichts dazwischen.“ Doch wenn er einen ins Herz geschlossen hatte, sei er sehr offen und sehr herzlich gewesen. Das Team von Chanel sei seine Ersatzfamilie gewesen. Entsprechend lange seien die Mitarbeiter dabei. Amanda Sanchez etwa arbeitet bis heute für Chanel und hält den Kontakt zu Martina Gilg.

Die Gmünderin beendete ihre Modelkarriere 2008, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war. So zog sie mit ihrer Familie nach Luxemburg und – nach der Trennung von ihrem Mann – mit ihren mittlerweile zwei Söhnen zurück in ihre Heimat nach Schwäbisch Gmünd. Ihren beiden Söhnen habe sie jetzt erzählt, dass ihr früherer Chef gestorben sei.

Unsterblich

Nicht im Alter von 85 Jahren, wie überall zu lesen sei, sagt Marina Gilg. Karl Lagerfeld sei bereits 80 geworden, als sie vor über zehn Jahren für ihn gearbeitet habe. Drei Jahre lang hieß es unter den Models immer im September: „Karl wird wieder 80.“ Der „Running Gag“, sagt Martina Gilg.

Sein wahres Alter habe er nie verraten. Das sei für ihn auch nicht wichtig gewesen. Unsterblich sei er dank seiner Chanel-Familie ohnehin.

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