Schwaikheim Bürger protestieren gegen geplantes Wohngebiet

Auf der Unterschriftenliste tragen sich an Ort und Stelle noch weitere Unterstützer ein. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Schwaikheim.
Rund 40 Leute kommen, am frühen Nachmittag unter der Woche, um ihren Unmut kundzutun. Einige setzen noch an Ort und Stelle ihren Namen unter eine Protestunterschriftenliste. Der Gemeinderat hat beschlossen, dass das nächste Wohngebiet, nach „Heiße Klinge“, im Gewann Leimtelle entstehen soll. Das liegt in der Verlängerung der Leintelstraße, Richtung Bittenfeld am nordwestlichen Rand von Schwaikheim.

Einer der Protestierer weist darauf hin, dass vor einiger Zeit dort bereits ein Biotop (Feldhecke) gerodet wurde, er zeigt dazu entsprechende Vorher-Seither-Fotos. Außerdem nisteten Rotmilane dort, auch Falken seien beobachtet worden. Ein Landwirt, der dort Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben anbaut, kritisiert, dass mehrere Hektar Anbaufläche mit bestem Ackerboden verloren zu gehen drohten.

Dass das Gebiet so wie geplant komme, sei aber ohnehin unwahrscheinlich, da ist er sich ziemlich sicher. Er verweist auf das Abstandsgebot zu seinem Hof, der Bestandsschutz habe.

Gemeinde soll Druck machen auf Eigentümer, die nicht bauen

Eine Frau, die ebenfalls unterschrieben hat, kritisiert, dass neuer Wohnraum erneut dadurch entstehen soll, dass Schwaikheim sich nach außen vergrößert. Sie kenne eine Reihe von seit Jahren unbebauten Grundstücken im Ort. Es fehle an Druck seitens der Gemeinde auf die Eigentümer, klagt sie. Es sind auch Leute gekommen, die nicht direkt betroffen wären, etwa als künftige Nachbarn oder Anwohner der Zu- und Abfahrt aus dem Gebiet, zum Beispiel Lothar Albrecht, der Vorsitzende des Natur- und Umweltschutzvereins.

Vier der Protestierer erläutern die Gründe für ihren Unmut in einer anschließenden Gesprächsrunde: Petra Rommel, die Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins, die an der nahen Ziegelstraße wohnt, ist die Initiatorin der Unterschriftenaktion, die vor Weihnachten startete und die mittlerweile rund 100 Unterstützer hat. Darunter Ernst Dilger, Tanja Haag und Gerd Laible, allesamt Anwohner der Leintelstraße.

Warum sind Sie gegen ein neues Wohngebiet an dieser Stelle?

Rommel: Wir haben hier mit die besten Ackerflächen von ganz Schwaikheim, tiefgründiger Lößboden mit einer Bodengüte von 85 und mehr. Darauf wird auch im Flächennutzungsplan hingewiesen. Wir brauchen diese Flächen für die Nahrungsmittelproduktion.

Haben Sie denn wirklich den Eindruck, dass uns das Essen ausgehen könnte, es gibt doch von allem riesige Überproduktion?

Rommel: Ja, aber die intensive Landwirtschaft, aus der die kommt, die wird es in Zukunft so nicht mehr geben können. Haag: Die Leute legen immer mehr Wert auf regional erzeugte Nahrungsmittel.

Was sagen Sie, wenn man Ihnen aber entgegenhält, Ihr Protest sei egoistisch, weil Sie dort oder in der Nähe wohnen?

Rommel: Zum einen, dass es in diesem Gebiet mehrere Schutzgebiete gibt, zum andern, dass es uns um den Erhalt dieser wertvollen Böden geht.

Aber es ist doch unbestritten, dass Wohnraum fehlt, und zwar in erheblichem Ausmaß. Gibt es denn überhaupt Alternativen dazu, dem Mangel mit der Ausweisung und Erschließung von Gebieten zu begegnen?

Laible: Ja, erst mal innerörtliche Baulücken schließen, es zumindest versuchen, auch wenn ich weiß, dass das schwierig ist.

Haag: Ich habe mich selbst mal umgeschaut und dabei in kurzer Zeit 16 brachliegende Grundstücke ausgemacht und bin dabei noch nicht mal in ganz Schwaikheim herumgekommen. Außerdem stehen im Ort seit Jahren Wohnungen leer, die nicht vermietet werden. Bis das Gebiet Leimtelle bebaut werden kann, werden noch mindestens fünf, sechs Jahre vergehen. Neuen Wohnraum braucht es aber jetzt.

Laible: Es geht übrigens auch um das Kleinklima hier, um die Durchlüftung, die Frischluftzufuhr von Westen her. Wenn dort vor allem oder nur Mehrfamilienhäuser, mehrstöckige Wohnblocks gebaut werden, wird man das hier im angrenzenden Quartier, aber auch in der Ortsmitte deutlich spüren, da bin ich sicher.

Rommel: Die Gemeinde behauptet doch selbst, dass die Innenentwicklung Vorrang haben soll. Es gibt aber keinen Druck auf die Eigentümer, die nicht bauen, aber auch nicht verkaufen wollen, damit dort gebaut werden kann. Es gibt ja sogar noch Bauplätze im Gebiet Kürräcker.

Laible: Überhaupt wäre aus meiner Sicht ein Moratorium, so wie es die Grünen vorschlagen, der überlegtere Weg. Also erst die Infrastruktur anpassen und nicht auf Biegen und Brechen neue Wohnungen bauen.

Die Alternative wäre das Gebiet Steige. Der Gemeinderat hat sich laut Bürgermeister Häuser in einer nichtöffentlichen Klausurtagung für Leimtelle entschieden, weil dieses Gebiet sich schneller entwickeln lasse, und er hat einen Grundsatzbeschluss für Leimtelle gefasst. Was sagen Sie denn den Anwohnern der Steige, wenn Sie verlangen, dass Leimtelle nicht bebaut werden soll?

Laible: Es geht uns doch nicht darum, dass statt Leimtelle als Nächstes Steige dran sein soll. Man muss doch die ganze Entwicklung im Auge haben. Ich habe eine Firma hier vor Ort, in Deutschland zeichnet sich mittlerweile deutlich eine Rezession ab, die Anzeichen dafür mehren sich und hier sollen Wohnungen auf Vorrat gebaut werden! Es ist doch sehr fraglich, ob diese Mengen an Wohnungen in Zukunft überhaupt benötigt werden. Wird das Gebiet erschlossen, bedeutet das zusätzliche Leute, die über bestehende Straßen, die dafür gar nicht ausgelegt sind und wo es jetzt schon mehr als eng zugeht, zu- und abfahren. Ein weiterer Aspekt, von dem bislang noch gar nicht die Rede war: das zusätzliche Oberflächenwasser durch die Versiegelung. Die Kanäle und Überläufe dort sind jetzt schon an der Grenze.

Haag: In dem Punkt haben die Grünen doch auch recht: Das Gebiet ist am weitesten weg vom Bahnhof. Wenn die Bewohner überhaupt mit dem Zug fahren, dann fahren sie durch den Ort mit dem Auto dorthin. Bei Leimtelle wird es übrigens sicher auch noch um das Thema Artenschutz gehen.

Rommel: Ein Moratorium hätte auch aus meiner Sicht Sinn. Ein Gebiet nach dem andern entwickeln, indem man einfach den Flächennutzungsplan abarbeitet, das ist doch alte Politik. Seitdem der aufgestellt wurde, hat sich so viel getan. Das müsste doch alles neu bewertet werden.

Dilger: Zum Thema Anfahrt von Leimtelle zum Bahnhof: Da wird sicher behauptet, die Leute könnten und sollten mit dem Bus dorthin fahren. Aber wer wird das machen? Zum Flächennutzungsplan: Schwaikheim hat doch schon jetzt eine sehr hohe Einwohnerdichte, ohne Heiße Klinge und ohne Leimtelle.


Teil des „Korngäus“

Petra Rommel verweist auch auf den Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland bezogen auf die Gesamtfläche, außerdem auf eine gemeinsame Resolution von 18 Oberbürgermeistern, die „,mehr Nachhaltigkeit der Bauland- und Bodenpolitik“ fordern. Naturnahe Landschaften und Agrarflächen zu versiegeln, gehe zulasten zukünftiger Generationen in Städten und ländlichem Raum, heißt es dort, verbunden mit der Forderung, Innenentwicklung müsse vor Außenentwicklung gehen. Dort wird auch ein „Zugriffsrecht“ der Kommunen auf Grundstücke gefordert, die, obwohl baureif, seit Jahren ungenutzt bleiben.

Sie verweist auch auf den Landschaftsplan (mit Eingriffs- und Ausgleichsbilanz) für das Gebiet des Gemeindeverwaltungsverbandes, der 2002/2003 erstellt wurde. Dort ist von drei großen Landschaftseinheiten in diesem Gebiet die Rede, eine davon das „Korngäu“ (Schwaikheim, Leutenbach mit alle drei Teilorten und Hertmannsweiler). Zu Leimtelle sind gute Bodengüten und die Bedeutung als „Frischluftentstehungsfläche“. Eine Wohnbebauung dort würde einen „erheblichen Eingriff“ (mittel bis schwer, zwei bis drei auf einer dreistufigen Skala) bedeuten (sowohl bei Steige und Beinsteiner Weg als auch bei Kürräcker Stufe zwei).

In dieser Untersuchung damals auch noch von den beiden möglichen Ortsumgehung im Westen von Schwaikheim, also von der Landesstraße aus Richtung Remseck, ausgegangen und, aus landschaftsplanerischer Sicht noch kritischer die Nordwesttrasse, der Anschluss an die Kreisstraße Richtung Weiler zum Stein gesehen, vor allem wegen der „problematischen Querung des Zipfelbachs und der Aussiedlerhöfe in diesem Bereich. Dort befinde sich die „wichtigste landwirtschaftliche Vorrangflur von Schwaikheim“.

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