Schwaikheim Hanf-Startup: Schwaikheimer vertreibt CBD-Produkte

Gatterer versichert, er garantiere, dass in keiner seiner Angebote der zulässige THC-Grenzwert von 0,2 Prozent erreicht wird. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schwaikheim.
Nutzhanf sei aktuell in aller Munde, er wolle diese „zu Unrecht verurteilte“ Heilpflanze „modern aufleben lassen“, sagt Benjamin Gatterer. Der 25-jährige Schwaikheimer hat das Unternehmen „Beflora“ („Sei wie die Pflanze“) gegründet, das Cannabidiol-Produkte (CBD) vertreibt. Anlass dafür sind eigene Erfahrungen mit CBD, ausschließlich gute, betont Gatterer.

Er hatte in Kombination mit dem Abi eine Ausbildung zum physikalisch-technischen Assistenten gemacht, anschließend eine Weltreise, war in Australien, Neuseeland, auf den Fidschi-Inseln, studierte anschließend Elektrotechnik, ging dann in Richtung erneuerbare Energien, schreibt derzeit in Reutlingen die Abschlussprüfungen im Masterstudiengang „Dezentrale Energiesysteme und Energieeffizienz“. Während des Studiums bereiste er Südamerika, nach dem Bachelorabschluss Asien, demnächst bricht er nach Südafrika auf.

CBD half ihm mit Schlafstörungen und starken Kopfschmerzen

Gatterer hatte während des Bachelor-Studiums aufgrund von Leistungsdruck und Stress Schlafstörungen und starke Kopfschmerzen. Auf der Suche nach alternativen Schmerzmitteln stieß er auf den Wirkstoff CBD der Hanfpflanze. In Österreich, woher sein Vater stammt, ist Nutzhanf seit längerem legal, der Einsatz als Heilpflanze freigegeben. Als er darauf aufmerksam wurde, hat er CBD selbst ausprobiert. Von Anfang an sei es daraufhin mit seinen Beschwerden besser geworden, versichert Gatterer, aber während des Masterstudiengangs seien die Probleme zurückgekehrt, wohl wieder stressbedingt.

Er vertiefte sich weiter in das Thema, zumal er kein Freund traditioneller Pharmaka sei, ohnehin zur Naturmedizin neige, sprach mit Medizinern, ging auf Messen, kontaktierte Händler, war (und ist) schließlich überzeugt, dass CBD bei vielen gesundheitlichen Problemen helfen könne, sah ein großes Marktpotenzial in Deutschland, hat sich deshalb vor einem Jahr selbstständig gemacht und einen Geschäftspartner gefunden, eben in Österreich, wobei Gatterer allerdings eine eigene Marke vertreibt.

THC-Gehalt muss niedrig sein

Nutzhanf, ein sehr altes Saatgut, werde bei ihnen von zertifizierten Biobauern angebaut. Das CBD wird aus der Pflanze extrahiert, der THC-(Tetrahydrocannabinol)-Wert muss in Deutschland unter 0,2 Prozent liegen. Die Wissenschaft habe gerade erst begonnen, die potenziellen Wirkungen von CBD-Hanfprodukten zu erforschen, so Gatterer. Aber positive Effekte bei Schlafstörungen, Nikotin-Entwöhnungen, Entzündungsprozessen im Körper wie Rheuma oder Multipler Sklerose, bei Epilepsie, der Linderung von Nebenwirkungen in der Krebstherapie und bei Angststörungen seien beschrieben. Noch erforscht werde die Wirkung bei chronischen Schmerzen, Krämpfen, Migräneanfällen, Arthritis.

Warum die Bandbreite positiver Effekte so groß zu sein scheint, liege daran, dass der menschliche Organismus selbst ein körpereigenes Endocannabinoid-System und entsprechende Rezeptoren habe, die auf CBD ansprängen, so unter anderem die Ausschüttung von Adrenalin und Stressmormonen verhinderten, so Gatterer weiter. Der Körper schütte also Stoffe aus, die den Cannabinoiden aus der Hanfpflanze ähnlich seien, sogenannte Botenstoffe, die, wenn sie an einen Rezeptor „andocken“, zu einer Reaktion des Nervensystems führen, beim Empfinden zum Schmerz etwa, beim Funktionieren des Immunsystems oder bei dem, wie tief beziehungsweise gut man schläft.

Möglicherweise lasse sich auch Morbus Crohn, eine entzündliche Darmerkrankung, mit CBD behandeln, darauf ließen zumindest Erfahrungsberichte schließen, wobei offiziell anerkannte Studien dazu noch ausstünden. Das Gleiche gelte bei Asthma und weiteren Allergien, als Folgen eines geschwächten Immunsystems. CBD-Öl wirke nicht nur anti-entzündlich, sondern stärke auch das Immunsystem. Allerdings gebe es zu Therapien mit CBD noch keine klinischen Langzeitstudien, räumt Gatterer ein. Bisher seien aber immerhin keine toxischen oder andere negative Wirkungen auf den Organismus festgestellt worden.

Pharmaindustrie sei von der Konkurrenz nicht begeistert

Gatterer kennt natürlich die Vorbehalte gegenüber dem „illegalen Bruder“ von CBD, dem THC. Er verweist auf den geringen Gehalt an THC in seinen CBD-Produkten, darauf, dass CBD im Gegensatz zum hochkonzentrierten Marihuana oder Haschisch eben nicht berauschend, sondern entgegengesetzt, nicht psychoaktiv wirke.

Gatterer hält den Aussagen der Verbraucherzentrale entgegen, dass die Weltgesundheitsorganisation Studien veranlasst habe, mit dem Ergebnis, dass CBD unbedenklich sei sowie sehr wohl positive Wirkungen erforscht und nachgewiesen seien. Er verweist außerdem auf Rückmeldungen von Kunden, auch chronisch Kranken. „Die sagen, sie sind auf einmal schmerzfrei, nachdem sie vorher über die viele Jahre Medikamente ohne Linderung ihrer Beschwerden genommen haben.“ Es sei aber auch klar, dass die Pharmaindustrie nicht begeistert von dieser neuen Konkurrenz sei, ihre Lobbymacht im Kampf dagegen einsetze.

Zur aktuellen Pressemitteilung der Verbraucherzentrale merkt Gatterer an, das Problem liege beim THC-Wert, da oftmals Produkte die Grenzwerte überschreiten würden. Seine Produkte seien aber alle analysiert und sicher. Er verweist auf entsprechende Ergebnisse von Laboruntersuchungen und Siegel. Alle ihre Chargen würden kontrolliert.

In den USA schwörten Profisportler auf seine Wirkung

In den USA werde CBD zur Schmerzregulation bei Krebspatienten eingesetzt. Profisportler dort schwörten auf seine Wirkung, viele NFL-Stars verkauften nach der Karriere selbst eigene CBD-Produkte, so Gatterer weiter. Das Problem sei, dass der Markt derzeit regelrecht von Produkten und Anbietern überschwemmt werde. Er sieht eine Parallele „zur Avocado-Welle vor drei Jahren“. In Tschechien, China werde in riesigen Mengen produziert. „Aber wer kontrolliert dort? Wir können reine Produkte, mit einem THC-Wert unter 0,2 Prozent garantieren, weil es uns nicht um die Gewinnspanne geht.“


Verbraucherzentrale ist skeptisch

  • Die Verbraucherzentrale berichtet in einer aktuellen Pressemitteilung, dass nicht nur Lebensmittel mit Hanf im Trend lägen. Auch um CBD entwickle sich ein regelrechter Hype. Auch in Drogerien, Supermärkten und Onlineshops seien Kapseln, Öle und Kaugummis mit CBD erhältlich.
  • Die Vermarktung von Lebensmitteln mit bestimmten Teilen der Hanfpflanze (Samen oder Blätter) ist zwar legal, Samen, Öl oder Mehl daraus sind traditionelle Zutaten und dürfen daher unter bestimmten Bedingungen verwendet werden, wobei bei Tee auch die Verwendung von Hanfblättern zulässig ist.
  • Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit fordere jedoch für CBD-haltige Erzeugnisse, also auch Nahrungsergänzungsmittel, bevor sie verkauft werden, entweder einen Antrag auf Zulassung eines Arzneimittels oder einen Antrag auf Zulassung als „neuartiges“ Lebensmittel. Entsprechende Zulassungen lägen aber bislang nicht vor, so die Verbraucherzentrale.
  • In der Pressemitteilung zitiert sie ihre Ernährungsexpertin Christiane Manthey mit der Aussage, dass diese Produkte also eigentlich gar nicht verkauft werden dürften. Solange deren Sicherheit nicht hinreichend belegt sei, rate sie vom Verzehr ab.
  • In einer früheren Pressemitteilung vom Juli vergangenen Jahres hatte die Verbraucherzentrale erklärt, eine Wirksamkeit von CBD sei bisher nur bei einigen Erkrankungen beziehungsweise Krankheitssymptomen und für einige wenige CBD-haltige Medikamente nachgewiesen. Derzeit werde CBD in klinischen Studien für verschiedene Indikationen wie Epilepsie, Angstzustände und entzündliche Prozesse untersucht, um eventuell weitere Medikamente zu entwickeln.
  • Allerdings gebe es ein zunehmendes Angebot an CBD-Ölen, die mit entsprechend niedrigerem Extrakt-Gehalt als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden, auch im Sortiment von Drogerien. Blogger und Influencer schrieben in Erfahrungsberichten diesen Produkten entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Wirkungen zu.
  • Die Verbraucherzentrale berichtet, es seien aber auch negative Wirkungen berichtet worden, etwa Schläfrigkeit oder im Gegenteil Schlaflosigkeit, Benommenheit, Unwohlsein, Durchfall, Appetitlosigkeit oder Hautausschläge. Möglicherweise steige die Infekthäufigkeit nach Verwendung von CBD. In dieser Pressemitteilung hatte die Verbraucherzentrale deshalb vom Kauf solcher Produkte abgeraten.
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