Selbstheilung Verantwortung für die Gesundheit übernehmen

Gesundheit kostet Geld. 2012 haben die Gesundheitskosten in Deutschland die 300-Milliarden-Grenze überschritten. 1992 waren es noch 158 Millionen. Höchste Zeit, selbst wieder mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, finden Wolfgang Gayer, Heilpraktiker aus Schorndorf, und der Waiblinger Arzt Michael Kehrle. Und sich mit seinen Selbstheilungskräften zu befassen.

Wenn wir den Arzt aufsuchen und geheilt werden möchten, gehen wir davon aus: Das macht der Arzt. Aber stimmt das? Oder gibt er uns nur ein Medikament, das auf chemischem Weg im Körper wieder Abläufe ermöglicht, die zur Heilung führen? Schneidet er womöglich nur kranke Teile heraus oder setzt Ersatzteile ein und baut darauf, dass der Körper den Rest selbst erledigt?

„Nicht der Arzt heilt, sondern der Körper“, sagt Wolfgang Gayer (72). Oder wie es der griechische Arzt Hippokrates ausdrückte: „Der Arzt behandelt, die Natur heilt.“ Die moderne Form gibt die Bundesärztekammer im Ärzteblatt 2012 wieder: „Niemand kann einen anderen Menschen gesund machen. Jede Heilung ist immer und grundsätzlich Selbstheilung.“

Die meisten (Alternativ-)Mediziner sind davon überzeugt, dass der Arzt dem Körper lediglich helfen kann, sich selbst zu heilen, denn die Fähigkeit zur Selbstheilung ist im Körper angelegt. In der Osteopathie heißt es zum Beispiel: „Der Körper besitzt die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, Störungen und Krankheiten zu erkennen und zu bekämpfen. Verliert der Körper diese Fähigkeiten, muss er wieder dazu gebracht werden, seine Selbstheilungskräfte einzusetzen.“

Sogar auf der kleinsten Ebene sind selbstständige Reparaturmaßnahmen des Körpers nachgewiesen. Die Fotoreparatur (oder DNA-Reparatur) beschreibt einen Vorgang, bei dem die Zelle Veränderungen ihrer DNA-Struktur beseitigt. Das Immunsystem bereinigt sekündlich Fehlentwicklungen oder bekämpft Eindringlinge.

Es ist also nur sinnvoll, die körpereigenen Heilkräfte zu stärken. Die Schulmedizin ist zwar unglaublich erfolgreich, sie stößt aber auch an Grenzen, beispielsweise bei chronisch Kranken. Die kommen dann in die Praxis von Wolfgang Gayer oder seiner Kollegen in der Alternativmedizin.

Bei uns herrsche, so Gayer, das Denken: Ich zahle meinen Kassenbeitrag und du, Arzt, richtest das dann schon wieder; zusammen mit der Pharmaindustrie. „Den Menschen wurde die Eigenverantwortung abgenommen“, sagt Gayer. Die gelte es zurückzugewinnen. „Es muss ein Umdenken passieren.“

Jede Art von Freude ist gut für die Selbstheilungskräfte

Gayer ist kein Esoteriker. Seine Basis ist die Naturwissenschaft. Mit modernsten Methoden analysiert er beispielsweise das Blutbild seiner Patienten und orientiert daran seine Behandlung. Aber er geht auch darüber hinaus. „Wir haben eine untrennbare Einheit von Körper, Geist und Seele. Das wird heute auch kein Wissenschaftler mehr bezweifeln“, sagt er. Wer einmal seelische und psychische Pein erlebt hat, weiß, wie dann auch der Körper leidet. Umgekehrt gilt das genauso. „Jede Art von Freude ist gut für die Selbstheilungskräfte“, sagt Gayer. „Jede Form von Angst, Missmut, Verkrampfung bringt das System durcheinander.“

Viel Kraft misst Gayer Affirmationen zu, positiven Verstärkungen, wie er sie sich selbst „seit 25 Jahren“ jeden Morgen vorsagt. „Unsere stärkste Kraft ist die Vorstellungskraft“, sagt Gayer. Wer glücklich ist, produziert mehr Killerzellen im Immunsystem. Und dazu reicht es schon, an eine glückliche Situation zu denken.

Schauspieler haben das in einer Untersuchungsreihe der amerikanischen Psychologin Ann Futterman gemacht: Sie spielten eine glückliche Situation, freuten sich – die Abwehrzellen des Immunsystems wurden deutlich aktiver. Nach traurigen Szenen verringerte sich dagegen die Aktivität der Abwehrzellen, das Immunsystem war geschwächt.

Wie aber kann jeder seine Selbstheilungskräfte stärken, um bei Krankheiten gewappnet zu sein oder sie bestenfalls zu verhindern? „Mit guter Ernährung, Bewegung, viel trinken und meditieren.“ Die Ernährung sieht er als einen der Hauptpunkte. „Es ist heute schwierig, sich einigermaßen gesund zu ernähren, aber es ist möglich. Wichtig: sich vielseitig ernähren. Saisonal, natürlich, regional. Und lange kauen.“

Gayer wie auch der Waiblinger Arzt Michael Kehrle (58) plädieren dafür, dass weniger Wert auf die Pathogenese gelegt werden soll (Was ist krank und wie repariere ich das?) als vielmehr auf die Salutogenese (Wie entsteht Gesundheit?). Für Kehrle gibt es darauf vor allem eine Antwort: Sinnhaftigkeit. Wer im Leben keinen Sinn sieht, wird schneller krank.

Die Krankheit wiederum habe allerdings auch ihren Sinn. Nämlich den, diesen Menschen auf etwas hinzuweisen. „Manchmal braucht man auch ‘ne Krankheit.“ Sie gebe den Anstoß, den Körper wieder in Balance zu bekommen oder ihn in seiner Entwicklung auf eine neue Ebene zu hieven. So ist für Kehrle vor allem die Zeit direkt nach der Krankheit wichtig: „In dieser Phase, der Erholungsphase, kann sich das Neue aufbauen.“

Einen Sinn im Leben zu finden, hält der Arzt für zentral. Untersuchungen des amerikanischen Psychiaters Harold Koenig haben beispielsweise ergeben, dass das Sterberisiko religiöser Menschen ein Drittel niedriger ist als das nichtgläubiger. Michael Kehrle jedoch geht es nicht um Religion. Eltern sollten bei ihren Kindern darauf achten, dass die generell „Interesse an etwas finden, dranbleiben, nicht nur drüberhuschen. Wenn ich an nichts Interesse habe, finde ich auch keinen Sinn im Leben.“

Auch für Kehrle gilt, dass die Menschen die Verantwortung für ihre Gesundheit wieder stärker selbst übernehmen müssen. „Nicht denken, es gibt Fachleute, die mir sagen, was gut ist.“ Es gelte außerdem, ehrlicher zu sich selbst zu sein. „Was brauche ich für mich?“

Nur dann könne der Körper die sensible Arbeit leisten, alles in Balance zu halten. Und genau diese Arbeit bedeutet für ihn Selbstheilung. Sie läuft beständig ab, nicht nur in Krisensituationen.

Gesundheitskosten

Die Gesundheitsausgaben in Deutschland betrugen 1992 158 Millionen Euro. 2012 waren es 300 Millionen; pro Einwohner 1970 Euro (1992) beziehungsweise 3740 (2012).

Die Ausgaben für die gesetzliche Krankenkasse steigen. Der Arbeitnehmerbeitrag liegt aktuell bei 14,6 Prozent. 1970 waren es 8,2 Prozent, 1992 13,4 Prozent. Jeder Einzelne zahlt mehr, der Leistungsumfang jedoch ist gesunken. Ärzte sind kontingentiert.

Quelle: Statistisches Bundesamt.

Hilft die Homöopathie?

(gni). Die Homöopathie ist, seit sie der deutsche Arzt Samuel Hahnemann 1796 entwickelt hat, umstritten. Extrem verdünnte Tropfen oder Globuli, in denen manchmal nichts mehr vom ursprünglichen Heilmittel übrig ist, heilen. Entscheidend sei die Information, die im Heilmittel auch bei extremster Verdünnung noch enthalten ist. Bestätigt wird diese Sicht durch die Quantenphysik: Jedes Atom trägt Information in sich. Anton Zeilinger, einer der profiliertesten Quantenphysiker weltweit, sagt: „Wirklichkeit und Information sind dasselbe.“

Zur Homöopathie gehört aber auch, dass sie extrem individuell auf den Patienten eingeht. Dass sie wirkt, ist für Michael Kehrle keine Frage. Er ist nicht nur Arzt, sondern auch Homöopath. Die Homöopathie jedoch wird gerne auf ihre Kügelchen und Tropfen reduziert, in denen durch die Verdünnung kaum noch ein – oft gar kein – Molekül des Wirkstoffs mehr vorhanden ist. Doch die Homöopathie behandle, so Kehrle, auch nicht ein Symptom, sondern das Gesamtsystem Mensch. Sie frage sich: Was braucht der, um sich selbst heilen zu können? Wie werden die Selbstheilungskräfte am sinnvollsten angeregt?

Dass selbst hohe Verdünnungen helfen, hat Michael Kehrle oft erlebt. Einmal habe er einen Anruf bekommen, ein Junge stehe wegen einer Allergie kurz vor dem Erstickungstod. Er habe den Eltern gesagt, sie sollen dem Sohn Tropfen in der Auflösung C 30 geben. Es reiche, ihm das Fläschchen unter die Nase zu halten. „Kurz danach habe ich am Telefon gehört, wie der Junge sagte: ,Ah, jetzt krieg ich wieder Luft.’ Die Medizin, in der eigentlich kein Molekül des Wirkstoffs mehr enthalten ist, hat ihm das Leben gerettet.“

Der Notarzt, der Sekunden später eintraf, habe sich schnell wieder verabschiedet mit den Worten: „War ja doch nicht so schlimm.“

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