„Serotonin“ von Michel Houellebecq Die letzten Tage des großen Ekels

Manche sehen in Michel Houellebecq einen notorischen Zündler, andere den wichtigsten Autor unserer Zeit. Foto: AFP

Stuttgart - Was musste man nicht alles erwarten, nachdem der Skandalen äußerst zugewandte französische Autor Michel Houellebecq mit kruden Thesen und einer politischen Liebeserklärung an Donald Trump das Erscheinen seines neuen Werkes vorbereitet hat: Eine belletristische Briefbombe gegen den linksliberalen common sense; das in Romanform gefasste antieuropäische Pamphlet eines notorischen Zündlers, der fahrlässig seinen Weltekel in die schwelenden sozialen und ideologischen Brandherde unserer Zeit bläst, um endlich das große reinigende Feuer zu entfachen.

Erschienen ist stattdessen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre, Hauptfigur – der Begriff Held erscheint bei Houellebecq eher unangemessen – des neuen Romans „Serotonin“, und entgegen des glückshormonellen Titels vom Leben so gebeutelt wie nur je eine der traurigen Ausgeburten dieses Autors. Und vielleicht ist das die erste gute Nachricht an seine Leser: allen komischen Auftritten und Sympathiekundgebungen zum Trotz entwickelt sich sein Schreiben weitaus weniger disruptiv, wie die von ihm bevorzugten, alle irgendwie auf einen großen Knall ausgerichteten gesellschaftlichen Diagnosen, die man heute gerne mit diesem Adjektiv belegt.

Es bleibt also alles beim Vertrauten. Es geht kontinuierlich bergab, privat und überhaupt. Das ist deshalb beruhigend, weil niemand auf so spezielle Art davon erzählen kann. Und wenn dieser Roman seinen Vorgängern etwas voraus hat, dann weniger apokalyptischen Eifer, als die zerzauste Gelassenheit, mit der er seine weltanschaulichen Fixierungen und Konstanten entwickelt.

Kochsendungen haben das Sexprogramm abgelöst

Florent-Claude Labrouste, dessen Vornamen das einzige ist, was er seinen Eltern vorzuwerfen hat, ist vollgepumpt mit Antidepressiva in einem Zustand, „in dem das alternde, sterbende und sich vom Tod erfasst fühlende Tier ein Lager sucht, um sein Leben zu beschließen“. Wohlgemerkt mit 46 Jahren. In einem anonymen Pariser Hochhaus in unmittelbarer Nachbarschaft des Nichts hat er gefunden, was er braucht. Ein Appartement, ein Müllschlucker und der Lebensmittellieferdienst von Amazon versetzen ihn, nachdem seine Libido medikamentenbedingt ihren Dienst quittiert hat, für die letzte Frist seines Daseins in eine Art buddhistischer Unabhängigkeit. Hinter verschlossenen Rollläden sinnt er darüber nach, wie seine private Misere mit Globalisierung, Welthandel und Europas Niedergang zusammenhängt, und seine persönliche Impotenz mit dem allgemeinen Libidoverlust des Abendlandes, das auf eine orale Phase regrediert, in der Kochsendungen das Sexprogramm im Fernsehen abgelöst haben.

Als Mitarbeiter des französischen Landwirtschaftsministeriums war er einmal damit betraut, die Interessen der Landwirte zu vertreten. Ja auch er hatte einmal Ideale, die ihn freilich nicht daran gehindert haben, bei dem umstrittenen Saatgutgiganten Monsanto anzuheuern. Widersprüche pflastern seinen Weg. Und dieser führt ihn vorbei an verzweifelten Aprikosenerzeugern aus dem Roussillon, die der Konkurrenz aus Argentinien nicht standhalten können. Ausländische Investoren, Belgier, Holländer kaufen das Land auf. Und als Brüssel die Milchquote aufhebt, und damit tausende Milchviehhalter ins Elend stürzt, kommt es zum Aufstand.

Noch bevor in Frankreich die Gelbwesten das Menetekel der Revolte auf die Straße gezeichnet haben, nimmt dieser Roman (bereits im September letzten Jahres lag das Manuskript vor), den Protest in seinen spezifischen Formen vorweg. Bei einer Straßensperre wütender Bauern in der Normandie kommt es zu einem blutigen Zwischenfall. Bisher hat noch jedes Buch Houellebecqs die Katastrophe beschworen, die kurz darauf tatsächlich folgt, was dem Autor den Ruf orakelhafter Hellsichtigkeit eingetragen hat.

Seine Romanfigur allerdings plaudert im Dämmer von Alkohol und Psychopharmaka immer wieder den Faden verlierend vor sich hin, der aufmerksame Leser muss einspringen, wenn ihm vorübergehend der Name einer früheren Liebschaft entfallen ist. Im Großen wird das Glück in Brüssel von Lobbyisten, Handelsketten und Konzernen verspielt, im Privaten in der Kampfzone der Liebe. Zum Beispiel weil man die Frau seines Lebens mit einer hinreißenden kleinen schwarzen Eurokratin „mit einem hübschen kleinen schwarzen Hintern“ betrogen hat. Und spätestens mit solchen Formulierungen wird deutlich, dass dieser Florent-Claude nur sehr begrenzt zur Identifikation taugt. Zumindest wenn man Frauen nicht generell für Schlampen hält.

Misanthropischer Kotzbrocken

Um es kurz zu machen, dieser Erzähler ist insgesamt eher ein misanthropischer Kotzbrocken, mit starker Familienähnlichkeit zu jenen anderen um ihre Erektion besorgten larmoyanten Weltschmerzexzentrikern des Houellebecq’schen Roman-Kosmos. Zugutehalten kann man ihm einzig, dass er nicht so ist, wie er gerne wäre. Andernfalls hätte er seine japanische Gespielin, ihrer sexuellen Extremsporteskapaden wegen vermutlich kurzerhand aus dem Fenster geschmissen, und den kleinen Sohn seiner angebeteten Ex mit einem österreichischen Präzisionsgewehr kaltblütig erschossen, um sich ödipaler Hindernisse auf dem Weg zur Wiedervereinigung ein für alle Mal zu entledigen.

Nein, mit diesem Typen will man nichts gemein haben. Woher aber nur die unwiderstehliche Lust und das geheime Vergnügen, mit dem man trotz bizarrer Zumutungen seiner bei allem Pessimismus bisweilen umwerfend komischen Lebensbeichte folgt? Was, wenn ausgerechnet dieses infantile Ekel das Sprachrohr des höchst individuellen Unbewussten unserer Tage wäre? Nicht seiner Wünsche und Begierden, sondern seiner Beschädigungen? Und was, wenn die verblüffende vorauseilende Übereinstimmung fiktionaler Szenarien mit dem Gang der Dinge genau darin ihren eigentlichen Grund hätte: in dem ungeschminkten Aussprechen dessen, was sich hinter den beschwichtigenden Verabredungen unserer Lebensweise an Uneingelöstem verbirgt? In einer Welt, in der so vieles falsch läuft, gibt es am Ende keine Korrektheit mehr.

Was Michel Houellebecq ausbreitet, bei aller innewohnender Erlösungssehnsucht, ist jedenfalls viel zu wild und unversöhnlich, um von welcher Bewegung auch immer vereinnahmt zu werden. Der Autor taugt nicht für Mobilmachungen aller Art – anders als der schwadronierende Intellektuelle, bei dem dies nicht immer auszuschließen ist. Die Schöpfung eines Romanciers kann klüger sein als er selbst und seine Helden. Man muss nur wissen, damit umzugehen.

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