Sie wog nur noch 30 Kilo Winnenderin spricht über ihre Magersucht

, aktualisiert am 02.02.2019 - 15:55 Uhr
Sabrina im Sommer - trotz ihres viel zu dünnen Körpers empfand sie sich noch immer als zu dick. Foto: Sabrina

Winnenden. „Die Ärzte haben mir das Leben gerettet“, sagt die 26-jährige Sabrina heute über die Behandlung in einer Klinik. Sie ist magersüchtig und hungerte, bis sie über eine Magensonde ernährt werden musste.

Hat eine Gurke weniger Kalorien als eine Tomate? Hat Margarine oder Butter den höheren Fettanteil? Wie kann ich verhindern, dass jemand merkt, dass ich überhaupt nichts esse? Fragen wie diese stellte sich Sabrina lange Zeit. Die 26-Jährige leidet unter Magersucht, einer in Deutschland weit verbreiteten Essstörung. Im Frühjahr 2018 wog Sabrina nur noch 30 Kilo und musste über eine Magensonde mit Flüssignahrung ernährt werden. „Die Ärzte haben mir das Leben gerettet“, erzählt die Winnenderin heute.

Die Komplimente motivierten sie, weiter abzunehmen

Noch im vergangenen Jahr leitete Sabrina eine Kindertagesstätte, machte viele Überstunden und war oft sehr gestresst. Zum Essen kam sie kaum noch und verlor den Überblick darüber, wie wenig sie tatsächlich zu sich nahm. Sie bekam für ihren schlanken Körper damals viele Komplimente, das motivierte sie weiter abzunehmen, sie empfand sich ohnehin als zu dick, erzählt die junge Frau. Sie wurde nicht nur immer dünner, sondern auch schwächer. Die Diagnose vor etwa einem Jahr schließlich: Burnout.

Sabrina bekam eine Bewegungssucht

Zusätzlich entwickelte sich in Folge der Krankheit bei ihr auch eine Bewegungssucht, und sie nahm schließlich weiter ab. Sie ging jeden Tag joggen, lief stundenlang umher und versuchte, so viele Schritte wie möglich zurückzulegen. Ihr Freund, mit dem sie zusammenlebt, und ihre Familie machten sich große Sorgen und sagten ihr immer wieder, sie müsse mehr essen. Doch das kam bei Sabrina nicht mehr an.

Ihre Mutter brachte sie in eine Klinik

Ihre Mutter zog irgendwann die Reißleine, setzte sie ins Auto und fuhr ihre Tochter in eine psychosomatische Klinik nach Bad Cannstatt. Doch entgegen der Hoffnung ihrer Mutter wurde sie dort nicht direkt aufgenommen, sondern erst mal auf eine Warteliste gesetzt. Im Frühjahr wurde die junge Frau in Bad Cannstatt mit einem Gewicht von 32 Kilogramm aufgenommen. „Dort sollte ich dann von 0 auf 100 mit dem Essen anfangen, das funktionierte überhaupt nicht“, erzählt Sabrina von ihrem Aufenthalt. Schließlich sank ihr Gewicht nochmals um zwei Kilogramm und sie bekam eine Magensonde, über die sie mit Flüssignahrung ernährt wurde.

Sabrina wollte Kontrolle

Doch warum hörte sie überhaupt auf zu essen? „Ich wollte die Kontrolle über mich und meinen Körper haben“, sagt sie. An die Zeit von Mai bis Juli hat sie „kaum Erinnerungen“, erzählt sie. Mit dem Nahrungsverzicht nimmt die Leistung des Gehirns ab. Wer zu lange hungert, kann sogar Hirnschäden von der Essstörung davontragen, sagt Sabrina. Soweit kam es bei ihr glücklicherweise nicht.

„Ich sah mich selbst als ein fettes Walross“, sagt sie

Nach ihrem Aufenthalt in Bad Cannstatt kam sie im September in eine auf Essstörungen spezialisierte Klinik nach Prien am Chiemsee, in der Nähe von Rosenheim. Dort lernen die Patientinnen und Patienten wieder, normal zu essen und werden währenddessen beaufsichtigt. Eine bestimmte Richtmenge musste sie jeden Tag zu sich nehmen, zum Frühstück gab es beispielsweise immer zwei belegte Brötchen. Sabrina sagt, dass es für sie „sehr schlimm“ war, dass darauf auch Butter war – ein Lebensmittel, das sie lange Zeit kompromisslos gemieden hatte. Nach und nach aß Sabrina auch andere Sachen wieder. Die Essstörung ist nicht ihr einziges Problem, die Erzieherin hat auch eine Körperschemastörung. „Ich nahm andere als schlanker wahr, als sie eigentlich sind und mich selbst als ein fettes Walross“, erklärt sie.

Frauenbild in den Medien sieht sie heute kritischer

Inzwischen sieht sie sehr kritisch, welches Frauen- und Körperbild in vielen Medien ständig reproduziert wird. Die makellosen Bilder, die etwa auch auf der Bildplattform Instagram veröffentlicht werden, spornten sie dazu an, wie ein superschlankes Model auszusehen. Besonders viele Gedanken hat sie sich um ihren Bauch gemacht. „Der hat mich immer gestört“, erzählt Sabrina, die jedoch nie übergewichtig war. Von dem vielen Hungern blähte sich ihr Bauch sogar irgendwann auf.

Gefahr durch Ernährungstrends

Auch Ernährungstrends wie „Low-Carb“ (Ernährung mit wenigen Kohlenhydraten) oder „Low-Fat“ (Ernährung mit wenig Fett) findet sie im Nachhinein sehr gefährlich. Sabrina aß irgendwann überhaupt keine Kohlenhydrate und Fette mehr. Diäten sieht die junge Frau heute viel kritischer als früher.

Die Winnenderin nahm zu und hat seit kurzem wieder Normalgewicht, sagt sie von sich selbst. Bald geht sie wieder nach Prien in die Klinik, derzeit nimmt sie eine „Therapiepause“. Heute fällt es ihr manchmal noch immer schwer, die Richtmengen aus der Klinik auch mal zu überschreiten, etwa wenn sie mit der Familie essen geht.

Sie will ihren Körper akzeptieren

Sie hofft, dass sie in Zukunft ganz frei entscheiden kann, was sie essen möchte und ein Leben ohne „Nährwertkontrolle“ führen kann. Sie ist stolz darauf, dass sie es vor kurzem geschafft hat, eine Sucuk (eine türkische Wurst) zu essen, die ihr immer sehr gut geschmeckt hat. Inzwischen versucht sie, ihren eigenen Körper zu akzeptieren.

Veröffentlichung ihrer Krankheitsgeschichte auf Facebook

Auf Facebook schreibt Sabrina über ihre Essstörung, es hilft ihr, ihre Geschichte festzuhalten. Außerdem möchte sie auf diesem Weg andere junge Frauen vor extremen Diäten warnen. Ihren Nachnamen möchte Sabrina nicht angeben.


Hilfe und Informationen

  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt, dass laut Experten von 1000 Personen etwa 30 bis 50 an einer Essstörung leiden.
  • Etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter von elf bis 17 Jahren zeigt Symptome für eine Essstörung.
  • Mädchen und Frauen sind von Essstörungen deutlich häufiger als Jungs und Männer betroffen.
  • Die Bundeszentrale bietet ein Info-Telefon an. Unter 0221 892031 sind Beraterinnen und Berater montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr erreichbar und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.
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