Slowakei Im Pinguinstil durch Mischkus Reich

Strbske Pleso - Fünfzehn Grad unter Null. Nebel liegt über Strbske Pleso. Irgendwo hinter den Schwaden muss der Krivan in den Himmel ragen, der berühmteste Berg der Slowakei. Einst sandte der Herrgott einen Engel zur Erde, erzählt man sich in der Hohen Tatra, um an ausgewählten Orten himmlische Schönheit auszustreuen. Der Engel sei mit seinem Rucksack am Gipfel dieses 2500 Meter hohen Berges hängen geblieben.

So habe der Krivan, das „Matterhorn der Slowakei“, seine markante Form erhalten - und der Gottesbote seine gesamten Schätze hier ausgeschüttet. Die drei Mittvierziger aus Deutschland können ihn nicht sehen, den slowakischen Zauberberg. Der Blick reicht keine drei Meter weit, an diesem Morgen im Winterkurort Strbske Pleso. Zögerlich stehen sie im harschigen Schnee, die geborgten Langlaufskier unterm Arm. „Los geht’s!“, ruft Tomas, ihr Trainer, und lacht aufmunternd. Tomas ist Anfang dreißig, bestens gelaunt und trägt einen roten Skilehrer-Overall. Jetzt lässt er seine muskulösen Arme wie Propeller kreisen. Das rege die Durchblutung an. Seine Bretter hat er bereits angeschnallt. Seltsam: Ein Ski ist pink, der andere rosa. Die neueste slowakische Mode? „Ursprünglich waren es zwei Paar“, sagt der Trainer und rückt seine Sonnenbrille zurecht. „Ein Ski ist mir im Tiefschnee abgebrochen, ein zweiter beim Schanzenspringen.“

„Dort drüben saßen die Reporter und Moderatoren“

Es scheint sich einiges getan zu haben beim Langlaufsport seit den späten 80er Jahren, als die drei Freunde zum letzten Mal auf solchen Brettern standen. Seit Jahren träumen sie davon, endlich wieder durch eine märchenhafte Winterlandschaft dahinzugleiten: sanfte Bewegungen in frischer Bergluft, aktive Entspannung. Ein Urlaub in der Hohen Tatra, abseits der großen Touristenströme, erschien ihnen wie geschaffen, um ihre Langlaufkenntnisse aufzufrischen. Bei Strbske Pleso finden sich gespurte Loipen ebenso wie Querfeldein-Strecken, die die Nerven kitzeln. Und es ist ein historisch bedeutsamer Ort. Die besten Langläufer der Welt kämpften hier um Medaillen, erzählt Tomas. „Dort drüben saßen die Reporter und Moderatoren“, schwärmt er, als sei es erst gestern gewesen, und deutet auf eine heruntergekommene Holzbaracke. Er spricht von der Nordischen Skiweltmeisterschaft im Jahr 1970. Hüftsteif staksen seine drei Schüler hinter dem Trainer her, als würden sie auf Stelzen laufen. In diesem Moment reißt der Nebel auf - und gibt den Blick auf ein überwältigendes Panorama frei: Direkt vor den Langläufern liegt der purpurn schillernde, vereiste Tschirmer See. Dahinter schlagen sich Felszacken wie Raubtierzähne in den tiefblauen Himmel.

„Das dort drüben ist der Satan“, sagt Tomas und deutet auf einen besonders steilen Gipfel. „Eine Herausforderung für jeden Wintersportler.“ Weiter rechts erkennen die Urlauber den König der slowakischen Berge: den bildschönen Krivan, dessen tief verschneite Hänge aussehen wie mit frischer Schlagsahne garniert. An dessen Spitze soll sich einst der Engel Gottes verheddert haben. Auch einer der Langlaufschüler bleibt kurz darauf hängen. Ein Eisklotz liegt mitten auf der Piste, und irgendwie gerät das Ding zwischen seine Skier. Kopf voran landet er im Tiefschnee. „Die Beine immer ganz durchschwingen“, doziert Tomas, der in der slo­wakischen Jugendnationalmannschaft war. Doch mit 20 Jahren bekam er Knieprobleme und musste den Traum vom Weltmeistertitel begraben. Aus der Bahn geworfen hat ihn der Schicksalsschlag nicht: Heute arbeitet er als Koch, Schreiner, Touristenführer, Kellner, Skilehrer, Chauffeur, Hüttenwirt, Zimmermann - und als Langlauftrainer.

Die Bindung ist viel weniger stabil als bei Alpin-Skiern

„Männer aus der Hohen Tatra“, sagt er und zwinkert den Urlaubern zu, „können einfach alles.“ Die schönste Loipe von Strbske Pleso führt quer über den zugefrorenen See. Tomas hingegen biegt kurz vorher ab. Der Trainer richtet die Spitzen seiner Skier leicht nach außen und kraxelt in winzigen, flinken Pinguinschritten einen Berg hoch. Seine Schüler hecheln hinterher. Viel später stehen sie schweißgebadet neben Tomas vor einer senkrecht abfallenden Felswand. Ihre Herzen hämmern vor Angst. „Hände auf die Knie, Stöcke unter die Arme!“, ruft der Trainer, „und im Notfall einfach zur Seite fallen lassen.“ Dann brettert er voraus in die Schlucht hinab. Im Pflug wagen die Langlaufschüler sich in den Hang hinaus. Die Bindung ist viel weniger stabil als bei Alpin-Skiern.

Hoppla, eine Bodenwelle - die drei Urlauber heben ab, fliegen - und stürzen. Seitwärts rollen sie ins Tal hinab. Haltungsnote: „Fünf minus“. Auch eine Art Lernerfolg. Mittagspause: In einem Berggasthof, etwas abseits der Loipe, verspeisen Tomas und seine Schüler Brimser Nockerln mit Schafskäse. Seine Laune wird noch besser. Luchse und Wölfe gebe es in der Tatra, erzählt er mit leuchtenden Augen. Und einen Braunbären habe er kürzlich näher kennengelernt. Im vergangenen Frühjahr, zur Osterzeit. Tomas kochte ganz in der Nähe, auf der Solisko-Berghütte, gerade Gulasch für Feriengäste, als der Bär plötzlich durchs Fenster blickte. Er war noch jung - und zu früh aus dem Winterschlaf erwacht. Vielleicht wollte er nur spielen? Doch Braunbären sind gefährlich. Mutig schnappte sich Tomas zwei Pfannendeckel aus der Küche, riss die Hüttentür auf und schmetterte die Metalldeckel wie Tschinellen gegeneinander. Der Bär schreckte hoch und rannte davon. Sekunden später saß er wieder vor dem Eingang. „Wir gaben ihm den Namen Mischku“, erzählt Tomas. Bald ließ das Tier sich überhaupt nicht mehr verscheuchen.

Wildhüter mussten Mischku schließlich mit einem Pfeil betäuben und - weit weg von den Bergdörfern und Wintersportzentren - in den Wäldern freilassen. Brimser Nockerln scheinen Wunder zu wirken: In der nächsten Stunde fallen die Urlauber aus Deutschland kaum mehr hin. Im Pflug kämpfen sie sich tapfer bergab und hopsen anschließend im Pinguinstil den Hang hinauf. Die Eleganz ihrer Bewegungen mag noch zu wünschen übriglassen, aber ihr Trainer scheint zufrieden. „Ich sehe Fortschritte“, sagt er, „bald braucht ihr mich nicht mehr.“ Schon am nächsten Tag ist es so weit: Die drei sind allein. Über Nacht hat es geschneit, die Sonne strahlt vom tiefblauen Himmel. Jetzt führt die Loipe durch einen dichten Nadelwald. Wie mit Kristallglas überzogen leuchten die vereisten Zweige der Tannen. Diese Stille. Nur das Sirren ihrer Skier. Seit Stunden sind sie keinem Menschen mehr begegnet. Bei der großen Abfahrt, zurück nach Strbske Pleso hinunter, bremsen die drei nicht mehr.Plötzlich verkannten einem die Skier und überkreuzen sich. Im letzten Moment kann er das rechte Bein in die Höhe reißen - und kriegt die Bretter auseinander. Uff! Noch ein letzter Hügel trennt sie vom Ziel. Plötzlich ein Geräusch. Zwischen den Tannen bewegt sich etwas. Was mag das große Braune da drüben sein? Die Angst kriecht ihnen den Rücken hoch. Mischku, bist du’s?  

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