Slowakei Lust auf Luchs?

Ein schmaler Pfad führt am Berg entlang im Nationalpark Mala Fatra. Foto: Hippe

Štefanová - Vlado Trulik hat sich den Wald ins Auto geholt. Drinnen zwitschert der Feldschwill, es schnattert der Teichrohrsänger, irgendwann ziriwiet das Wintergoldhähnchen auf Knopfdruck. Vor jedem Lied informiert eine Frauenstimme über den Sänger. „So habe ich die deutschen Vogelnamen gelernt“, sagt der slowakische Naturführer. Dann schaltet er den CD-Player aus, bremst, steigt aus und lauscht in die echte Natur. Aus einer Wildblumenwiese krächzt es. „Ein Wachtelkönig“, flüstert er und legt den Finger auf die Lippen. In Windeseile baut er sein Fernrohr auf, um der Gruppe den in ihrer Heimat so seltenen Vogel zu zeigen. Vlado Trulik kennt beinahe jedes Tier, jede Pflanze und jeden Stein im Mala-Fatra-Gebirge in den Westlichen Karpaten.

Der Nationalpark ist einer von neun Schutzgebieten in der Slowakei mit Gipfeln bis 1700 Meter Höhe. In den dichten Wäldern leben noch Braunbären, Luchse und Wölfe. Von den mehr als 1000 Pflanzenarten sind viele vom Aussterben bedroht. Eine davon ist die Margittaiho-Vogelbeere, sie wächst nur in diesem Gebiet. Vor der Wanderung schraubt Vlado Trulik eine drahtumflochtene Flasche auf und verabreicht jedem seine „Zeckenimpfung“ - einen Hochprozentigen aus selbst gesammelten Waldbeeren. „Das hat immer geholfen“, sagt er, lacht und prostet der Gruppe zu. Dann geht es über Blumenwiesen und Wurzelpfade, durch mystischen Urwald, über Bergkämme, in enge Felsschluchten, vorbei an schäumenden Wasserfällen.

Als Dessert gibt es slowakischen Dampfkäse

Ein leichter Wind weht den Duft von Thymian und Majoran heran. Am Boden wachsen Orchideen und Karpaten-Knabenkraut. Hin und wieder meldet sich der Waldlaubsänger. Sein Gesang hört sich an, als würde eine Münze auf Keramikfliesen fallen. Ein Plätzchen am Waldrand lädt zum Picknick ein. Gemeinsam wird Holz für ein Lagerfeuer gesammelt, die mitgebrachten Wurstspieße werden zum Grillen vorbereitet. Als Dessert gibt es Parenica, den slowakischen Dampfkäse. Er schmeckt kräftiger als Mozzarella und wird vor dem Essen wie von einer Garnrolle abgespult. An der nächsten Wegbiegung entdeckt Vlado Trulik Kratzspuren an einem Baum und einen Haufen Bärenkot. „Er muss erst vor kurzem hier gewesen sein“, sagt er und bedauert, dass er noch keinen Bären zeigen konnte. Das klappe sonst immer. Einer typisch slowakisch überwürzten Geschichte nach wäre er einmal sogar beinahe über ein schlafendes Tier gestolpert.

„Ich kenne Bären nur aus dem Zoo“, sagt Miro Kalman, „aber ich bin auch selten im Wald unterwegs.“ Miro Kalman ist Drahtflechter von Beruf. Auf Bitten der Reisenden führt er das alte Kunsthandwerk am Abend in der Pension in Štefanová vor. Mit flinken Fingern biegt er aus dem blanken Stahl eine Obstschale. Die Fertigkeit hat er von seinem Opa gelernt. Die Draht- oder Rastelbinderei entstand vor ca. 300 Jahren aus der Not heraus. Mit billig erworbenem Material der Eisenhütten Schlesiens wurden anfangs zerbrochene Tontöpfe zusammengehalten. Später bastelte man viele nützliche Haushaltsgeräte wie Siebe, Schaumlöffel, Brotkörbe und Mausefallen. „Inzwischen ist eher Schmuck gefragt“, sagt Miro Kalman, der in seiner Werkstatt auch schon Gegenstände für den slowakischen Bischof Judák gefertigt hat. Auch Vlado Truliks Flasche mit dem Selbstgebrannten hat er mit einem Drahtgeflecht verziert.

Eine Zeckenimpfung später hat Vlado Trulik sich in Fahrt geredet. Mit leuchtenden Augen hält er einen Vortrag über den Kreislauf des Waldes und den Naturschutz in der Slowakei. Jahrelang arbeitete er auf dem Hof des deutschen Wolfsforschers Erik Zimen in Niederbayern. Jetzt nutzt er die Kenntnisse für sein Land. Mit Fotofallen dokumentiert er das Verhalten von Wölfen und Luchsen. Obendrein will er die Jäger davon überzeugen, dass Wölfe wichtig sind, um den Wald zu erhalten. „Sie erbeuten Wildtiere, die sonst den Jungwuchs wegfressen würden“, erklärt er. Stundenlang könnte er seine Laptop- Präsentation noch fortführen - wenn nur seine Gäste nicht irgendwann müde wären. Am nächsten Morgen beobachtet er auf der Terrasse schon vor dem Frühstück den gegenüberliegenden Hang. Eine Bäuerin, die gerade ihre Kuh auf die Wiese bringt, hebt die Hand zum Gruß. Vor einem Bauernhof gackern Hühner.

Besonders stolz sind die Einwohner Juraj Jánošík

Štefanová ist Teil des Ortes Terchová und liegt zwischen Wiesen und Wäldern direkt im Nationalpark. An diesem Morgen schallt Folkloremusik aus dem Dorflautsprecher. Die Geräte dienten früher zur Durchsage kommunistischer Parolen. Nun kündigt der Gemüsehändler dort Sonderpreise an, oder der Bauer spricht eine Meldung durch, wenn er ein Schaf vermisst. Besonders stolz sind die Einwohner auf den Nationalhelden Juraj Jánošík, der hier 1688 geboren wurde. Den Erzählungen nach überfiel der Räuber reiche Handelsreisende und beschenkte arme Leute mit Golddukaten. In der Zeit der Unterdrückung galt er als Symbol des Aufstandes und wurde im Laufe der Jahre zum Robin Hood der Slowakei hochgejubelt. Unübersehbar ist das ihm gesetzte Denkmal am Ortseingang, eine übermannsgroße, silberglänzende Statue mit Hut und Axt. Als die Sonne hinter dem Berg verschwindet, hat die Bäuerin die Kuh schon in den Stall gebracht.

Auf der Terrasse duftet es nach Spanferkel. Die Grillen zirpen lautstark, als würden sie zum gelungenen Essen applaudieren. Später lockt ein heißes Bad im Freiluft-Holzfass. Am Himmel funkeln die Sterne um die Wette. Je länger man hinschaut, desto mehr werden es. Und schließlich entdeckt man, was man im Wald nicht gefunden hat: den großen Bären - wenngleich nur als Sternbild. Auf der Rückfahrt zum Bahnhof am letzten Tag fährt Vlado Trulik auf einer Straße durch den Wald, die Scheiben sind heruntergekurbelt. „Wendehals“, ruft er plötzlich. Er tritt auf die Bremse, hält den Kopf aus dem Fenster und sucht die Kronen der Bäume ab. Dann muss er über sich selbst lachen: Es war die Stimme auf seiner CD. Auch wenn die Bären sich nicht zeigen, auf das Vogelgezwitscher kann man sich verlassen - live oder als Playback.

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