Sonderausstellung in Schorndorf Einzigartige Schmuckstücke im Stadtmuseum

Die Perlenkette wurde bei Bauarbeiten 1955 im Grab eines Mädchens entdeckt. Noch bis März ist sie im Museum zu sehen. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. Bei Bauarbeiten im Christallerweg im Schorndorfer Norden stießen Arbeiter im Jahr 1955 auf eine frühmittelalterliche Siedlung samt Friedhof. In einem der Gräber lag das Skelett eines Mädchens, das vor etwa 1300 Jahren gelebt hatte. Mit ihr wurde unter anderem ein Schmuckstück gefunden, das mehr als 3500 Jahre alt ist und zurzeit in der Sonderausstellung „Mammut, Römer, Kelten & Co“ zu bewundern ist.

Eine Halskette aus vielen orangefarbenen, einigen grünen und blauen Perlen. Außerdem eine grünlich schimmernde Armspirale, große Ohrringe, ein Reif und ein Ring liegen in der Vitrine im Gewölbekeller des Stadtmuseums. Mit den Treppen nach unten machen sich die Besucherinnen und Besucher auf den Weg in die Vergangenheit Schorndorfs, unter anderem in die Zeit der Alemannen, die vom sechsten bis achten Jahrhundert hier lebten.

„Die Toten erzählen vom Leben“ steht auf einer der Tafeln. Hier im Museum erzählt der Schmuck vom Leben eines jungen Mädchens, das zwischen zwölf und 15 Jahre alt wurde. Ein Zahnarzt ermittelte das Alter damals. Das Mädchen, das zur Bevölkerungsgruppe der Alemannen zählte, lebte wohl um das Jahr 700.

Einzelne Schmuckstücke sind einzigartig im süddeutschen Raum

Wissenschaftlich erfasst wurde der Schmuck von der Archäologin Birgit Kulessa, die für die Stadt Schorndorf ein Stadtkataster verfasste, also ein kommentiertes Kartenwerk über die Geschichte der Stadt. Einige der Fundstücke bezeichnet sie als Unikate im süddeutschen Raum.

In Birgit Kulessas Büro im Amt für Denkmalpflege in Esslingen stehen ringsum Bücherregale. Vor sich hat sie Literatur über Schorndorf ausgebreitet, in der sie immer wieder blättert. Voll Begeisterung spricht sie über die Historie der Stadt, ihren Job und über die Besonderheiten des gefundenen Schmucks. Die Kette sei deshalb ein interessantes Stück, da diese nicht in Schorndorf hergestellt wurde, sondern in bajuwarischem Gebiet, also in Altbayern, Österreich oder Südtirol. Das schlussfolgert Kulessa jedenfalls aus der Zusammensetzung der Perlen. Denn besonders die orangefarbenen würden hier nicht vorkommen. Die Kette könnte beispielsweise über einen Händler nach Schorndorf gekommen sein. Das lässt sich heute allerdings nur mutmaßen.

Grünlich schimmernde Armspirale ist etwa 4000 Jahre alt

Besonders selten sei die grünlich schimmernde Armspirale aus Bronze oder Kupfer. Als frühmittelalterliche Grabbeilage sei sie hierzulande völlig untypisch. Kulessa geht davon aus, dass der Armreif sehr viel älter als der andere Schmuck ist. Er wird auf 3600 bis 4200 Jahre geschätzt. Kulessa spricht von einem prähistorischen Altfund aus der frühen Bronzezeit. Das Stück könnte also über Generationen weitergegeben oder beispielsweise von dem Mädchen gefunden worden sein. Wenn der Schmuck sprechen könnte, hätte er wohl eine Menge zu berichten. Solche alten Gegenstände habe man in Süddeutschland bisher nur selten in Gräbern der Allemannen oder Römer gefunden, erklärt Kulessa.

Wenn die Exemplare so besonders und selten sind, war das Mädchen dann eine Art Prinzessin? „Nein, dann hätte man dort Schmuck aus Edelmetallen gefunden“, sagt Birgit Kulessa. Doch das Mädchen wird wohl einer wohlhabenden Familie angehört haben.

In Gräbern von Mädchen und Frauen findet sich eher Schmuck, während mit Männern eher Waffen und Gürtel beerdigt wurden, erklärt Kulessa. Die Alemannen glaubten an ein Leben nach dem Tod und gaben den Menschen daher Gegenstände mit. Erst mit der Christianisierung hörten die Menschen auf, Dinge in Gräber zu legen, erklärt die Archäologin.

Im Schorndorfer Norden, rund um den Christallerweg, muss es eine römische, später eine alemannische Siedlung mit Friedhof gegeben haben. „Es könnte 100 oder sogar 1000 Gräber dort gegeben haben“ sagt sie.

Während die Menschen im späten Mittelalter unterhalb der Rems lebten, dort, wo sich heute die historische Altstadt befindet, lebten die Menschen in den Jahrhunderten vorher im nördlichen Teil der Rems.

Das Skelett des jungen Mädchens sei irgendwann verschwunden, die damaligen Besitzer hätten es weggeworfen, erzählt die Archäologin mit Bedauern.

„Als Kind gruselten mich die Geschichten“

Zum Vorschein gekommen waren die Funde im November 1955 bei Bauarbeiten im Schornbacher Weg. Als man dort menschliche Knochen und Tonscherben entdeckte, alarmierte der damalige Architekt den Leiter des Heimatmuseums. Gemeinsam nahmen die Männer die Funde unter die Lupe. Ihre Vermutung: Sie stammen aus der römischen Zeit. Bestätigt wurde ihre These von einem Sachverständigen, der die Stücke noch am selben Nachmittag begutachtete. So wurden die Vorkommnisse im November des Jahres 1955 in den Schorndorfer Nachrichten geschildert. Damals eine kleine Sensation.

Bei weiteren Grabungen im nahe gelegenen Christallerweg fand die Gruppe um den Architekten außerdem auch alemannische Gräber mit Skeletten und verschiedenen Grabbeigaben. Unter anderem das Grab des Mädchens. Bis ins Jahr 260 nach Christus lebten die Römer in Süddeutschland, dann fiel der Limes und die Alemannen rückten in das Gebiet vor.

Heute steht dort, wo einst die Gräber entdeckt wurden, eine unscheinbare Doppelhaushälfte mit großem Garten. Viele Sträucher und ein Komposthaufen stehen hier. Leise plätschert der Schornbach, der hier vorbeifließt. Seit einigen Jahren wohnt Florian Adelsberger in dem Haus. Seine Eltern, die schon früher in dem Haus lebten, haben ihm von den Ausgrabungen erzählt. „Als Kind gruselten mich die Geschichten, heute finde ich das interessant“, sagt er. Viele Nachbarn seien in den vergangenen Jahren erst hergezogen und wüssten gar nichts über die alte Geschichte ihres Stadtteils.

Gegenüber von Florian Adelsberger wohnt Helga Ziegler mit ihrem Mann Herbert. Bei Grabungen am Haus hätten die beiden erst vor ein paar Jahren Tonscherben gefunden. Die Recherche mit einem Spezialisten habe ergeben, dass es sich um einen römischen Teller handle. „Ich habe eine Antenne dafür“, sagt Ziegler. Die Anwohnerin ist ein Mittelalterfan und interessiert sich für Geschichte. Hier in der Nachbarschaft habe man immer wieder etwas gefunden, erzählen sie. „Nebenan sind sogar Münzen aufgetaucht.“

Wer heute in der Nachbarschaft rund um den Christallerweg graben würde, hätte wohl gute Chancen, auf Überreste von Alemannen oder Römern zu stoßen, meint Kulessa. Wer etwas findet, soll sich aber an die Behörde wenden.


Die Ausstellung

Noch bis mindestens März 2020 ist die Sonderausstellung „Mammut, Römer, Kelten & Co.“ im Stadtmuseum zu sehen.

Die beiden Museumsmitarbeiterinnen Nadja Bühler und Nina Raczek konzipierten die Ausstellung für Familien und Kinder. In kurzen Texten erfahren die Besucherinnen und Besucher in leicht verständlicher Sprache, wie unter anderem die Römer und Alemannen vor vielen Hunderten Jahren in Schorndorf gelebt haben.

Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene einen Euro, für Kinder bis 14 Jahre 30 Cent. Für Kinder bis sechs Jahre ist der Eintritt frei.

  • Bewertung
    9

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!