Sonnenfinsternis in Chile Endersbacher reist für Naturspektakel um die Welt

Nicht nur die Sonnenfinsternis hat ihn fasziniert: Eckart Seybold (76) am Perito-Moreno-Gletscher, der sich in Argentinien befindet und rund zehn Kilometer Luftlinie von Chile entfernt ist. Foto: Eckart Seybold

Weinstadt-Endersbach. Für rund zwei Minuten Naturspektakel ist Eckart Seybold um die Welt gereist: Der Endersbacher hat im Juli in Chile seine 16. Sonnenfinsternis erlebt. Die Faszination dafür hat ihn 1991 in Mexiko gepackt, wo er das Himmelsschauspiel zum ersten Mal erlebte. So viel Hilfsbereitschaft wie in Chile hat der 76-Jährige indes noch nie erlebt.

„Das ist doch immer das Gleiche“: Wenn Eckart Seybold solch einen Satz hört, kann er nur mit dem Kopf schütteln. „Das kann nur einer sagen, der es nicht erlebt hat“, sagt der Rentner. Schon allein die Dauer ist unterschiedlich: Die Sonnenfinsternis vom 11. Juli 1991 in Mexiko brachte es auf fast sieben Minuten – und war damit eine der längsten überhaupt. Gegenwärtig sind theoretisch maximal sieben Minuten und 32 Sekunden möglich. Die jetzige Sonnenfinsternis in Chile war mehr als zwei Minuten lang, gesehen hat sie Eckart Seybold in „La Higuera“, das im Gebirge liegt. Er war inmitten einer großen Menschenmenge, viele guckten mit speziellen Schutzbrillen nach oben und warteten gespannt darauf, dass sich der Mond vollständig vor die Sonne schiebt. „Wir hatten wolkenlosen Himmel“, erinnert sich der Endersbacher. Er weiß noch ganz genau, wie sich plötzlich die Hunde schlafen legten, wie die Vögel mit ihrem Zwitschern aufhörten und es kein Grillengezirpe mehr gab. „Die Einzigen, die wach werden, sind tagsüber die Moskitos.“ Dann, innerhalb von rund zehn Sekunden, wurde es schlagartig dunkel – und auf einmal geschah etwas in der Menschenmenge, was Eckart Seybold schon kannte: „Die 20 000 Leute sind auf einen Schlag ruhig geworden.“

„Das ist einer der größten Zufälle, die es überhaupt gibt“

Jedes Mal aufs Neue ist es für den Endersbacher ein faszinierender Moment, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt. Die unebene Oberfläche des Mondes lässt durch ihre Gebirgstäler noch ein wenig Sonnenlicht durch, wodurch der sogenannte Diamantring-Effekt entsteht.

Eckart Seybold kann sich auch bei seiner 16. Sonnenfinsternis immer noch dafür begeistern, dass der Mond zufällig genau jene Größe und Position zur Erde hat, durch die er sich für das menschliche Auge immer wieder vor die Sonne schieben kann. „Das ist einer der größten Zufälle, die es überhaupt gibt.“ Irgendwann allerdings wird der Mond nicht mehr groß genug sein, um die Sonne zu bedecken – schließlich entfernt er sich jedes Jahr um 3,82 Zentimeter von der Erde. Dadurch werden die Tage auf unserem Planeten mit der Zeit immer länger.

Eigene Sternwarte zuhause

Eckart Seybold beschäftigt sich gern mit solchen Fragen. Der Endersbacher hat eine eigene Sternwarte im Dachgeschoss seines Hauses im Trappeler, dazu hat der langjährige Daimler-Mitarbeiter im Ruhestand ein Astronomiestudium absolviert. Um eine Sonnenfinsternis sehen zu können, ist er schon nach Algerien, Niger, Simbabwe und China gereist. Im Reich der Mitte erlebte er 2009 eine richtige Pleite. Auf dem Emei Shan, einem der vier heiligen buddhistischen Berge, sah er wegen des Nebels nicht viel von dem himmlischen Spektakel. 2016 auf der Südseeinsel Woleai hatte er dagegen mit dem Wetter großes Glück. Seine Apparate lockten indes viele Einheimische an, die gern durchs Fernrohr schauen wollten – und dabei stolperte eine Frau über sein Stativ. Damit waren alle vorher getroffenen Einstellungen hinfällig – und Eckart Seybold musste im entscheidenden Moment aus der Hand heraus fotografieren.

Pisco Sour: Ein Cocktail aus Eiklar, Traubenschnaps und Limettensaft

An jenem 2. Juli in „La Higuera“ nun wollten viele Kinder durch Eckart Seybolds Fernrohr sehen. Der Endersbacher versteht das nur zu gut, schließlich kann so das Schauspiel am Himmel viel genauer verfolgt werden. Also ließ er den Nachwuchs gewähren, im Gegenzug bekam er von einer Großmutter Tortillas mit Bohnensuppe sowie Pisco Sour serviert. Dabei handelt es sich um einen Cocktail aus Traubenschnaps, Limettensaft, Zuckersirup und Eiklar, der mit Eis gemixt wird. „Das Zeug schmeckt teuflisch gut – und ist teuflisch gefährlich. Wenn Sie drei trinken, brauchen Sie keine Sonnenfinsternis mehr.“

Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Chilenen hat Eckart Seybold bei seinem Trip übrigens von Beginn an begeistert. Schon am ersten Tag hatte der 76-Jährige ein gravierendes Problem: Er konnte kein Bargeld abheben. Drei verschiedene Kreditkarten hatte er laut eigenem Bekunden dabei, keine einzige funktionierte. „Ich war so gebügelt – am liebsten wäre ich wieder in ein Flugzeug rein.“ Doch im Hotel, in dem er wohnte, bekam er 800 Euro in chilenischen Peso geliehen. „Sie werden mir das sicher wieder geben“, habe ihm die Hoteliersfrau gesagt – ohne dafür von ihm eine Sicherheit zu verlangen. Dasselbe passierte ihm beim Vermieter seines Campers: Umgerechnet 1500 Euro bekam er von diesem. Der Mann habe einfach nur darum gebeten, dass Eckart Seybolds Frau von Deutschland aus das Geld auf sein Konto in der Schweiz überweisen soll.

Schön ist für Eckart Seybold bei einer Sonnenfinsternis auch immer jener Augenblick, in dem die Sonne zurückkehrt. Es ist wie bei einem Charterflug, wenn die Urlauber dem Piloten nach der Landung applaudieren. „Das ist so ein befreiendes Klatschen und Jubeln.“ Weniger schön war die Rückfahrt ins Hotel: Für 52 Kilometer brauchte Eckart Seybold auf der Autobahn sechs Stunden. Grund: Viele Leute hatten mitten auf der Fahrbahn ihr Auto abgestellt und die Sonnenfinsternis genossen.


Eigenes T-Shirt

Die chilenische und die deutsche Flagge zieren das T-Shirt, das Eckart Seybold für seine Sonnenfinsternisreise herstellen ließ und natürlich vor Ort selbst trug. Darauf wird auch die Sonnenfinsternis auf Englisch erwähnt. Der Endersbacher hatte rund zehn T-Shirts dabei, die er an Leute verschenkte, die ihm was Gutes taten.

Eckart Seybold konnte auch die größte Sternwarte der Welt besichtigen, die in der chilenischen Atacamawüste liegt. Allerdings war das, was er sah, alles andere als ein Spektakel für die Augen. Die Wissenschaftler dort sitzen vor allem vorm Computer und hantieren mit Zahlen. „Sie kriegen nur Diagramme und Messergebnisse.“

  • Bewertung
    5

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!