Soziologin "Nachfrage nach hochwertigen Wohnungen wächst"

Wohnen in der Stadt Foto: Hörner

Stuttgart - Wer verliert, wer gewinnt: Wohin zieht es die Menschen in der Region Stuttgart, wo sind Baulandpreise noch bezahlbar? In unserer Serie zeigen wir, wie Städte und Gemeinden um Einwohner buhlen. Zum Abschluss spricht die Soziologin Rotraut Weeber darüber, weshalb jüngere Menschen städtisch leben wollen, aber diese Urbanität oft nicht finden.

Frau Weeber, Wohnraum ist in vielen deutschen Großstädten knapp. Trotzdem scheint es einen Trend zurück zur Stadt zu geben?

Jein. Es gibt zwar viele Argumente für das Wohnen in der Stadt, die meisten Leute bleiben aber erst einmal, wo sie sind. Das Wohnen in der Stadt hat seinen Preis, und es ist nicht immer die gewünschte Qualität zu haben. Ein Drittel der Bevölkerung hat nur ganz geringes Einkommen, ein weiteres Drittel hat mittleres, nur ein Drittel hat mehr Spielraum. Insofern spielt die Relation von Preis, Fläche und Qualität eine Riesenrolle. Das gilt auch für die Eigentumsbildung. In der Stadt ist oft nicht das verfügbar, was man gerne hätte, zum Beispiel ein Wohnen in einem verkehrsberuhigten, ruhigen Umfeld mit etwas Grün. Es spielen bei der Entscheidung für einen Wohnort aber auch die Wurzeln eine Rolle, Verwandte und Freunde oder die Pflege der Eltern. Die sozialen Netzwerke werden immer wichtiger.

Abhängig von Alter, Familienstand und Geldbeutel gibt es Unterschiede in Bezug auf bevorzugte Wohngegenden. Wo suchen sich Singles ihr Quartier, wo junge Familien, wo Senioren und wo die Superreichen?

Es gibt in allen Gruppen Stadtliebhaber und Leute, die lieber ein bisschen luftiger wohnen. Aber die jungen Alleinlebenden sind häufig lieber mittendrin und leben gerne urban. Auch Paare ohne Kinder sind dort überproportional anzutreffen. Familien mit Kindern wollen eher ins Grüne. Die Senioren bleiben vor allem dort, wo sie einmal hingezogen sind, oft außerhalb, wo sie in den 1970er Jahren ihre Familien gegründet haben. Dort sind sie vernetzt und zu Hause. Es gibt aber auch unter ihnen eine starke Nachfrage nach komfortablen und zentralen Wohnungen. Die Reichen bevorzugen die innenstadtnahen Hang- und Höhenlagen von Stuttgart oder den anderen Städten der Region wie Esslingen. Diese Gruppe mischt sich am wenigsten mit den anderen.

Sie sind Autorin des Buchs ,,Gemeinschaftliches Wohnen im Alter": Welche Anforderungen stellt die alternde Gesellschaft an den Wohnungsbau?

Man redet viel über die baulich-technischen Bedingungen - das barrierefreie Bauen. Aber das größte Problem der älteren Menschen ist die Einsamkeit. Die Freunde sterben weg, die Kinder sind weit oder es gibt gar keine, und der Lebensradius wird enger. Insofern sind die Netzwerke der wichtigste Punkt. Früher hat man sich ja noch mehr auf die Dienste verlassen, die man dann hoffentlich zur Verfügung hat. Sie können aber nur begrenzt etwas gegen die Einsamkeit tun und sind vielen auch zu teuer. Das Wohnen in Gemeinschaft ist deshalb eine große Sehnsucht und Vision der Älteren.

Wenn es älteren Menschen also wichtig ist, in eine gute und im Zweifel helfende Nachbarschaft eingebunden zu sein, werden Baugemeinschaften dann einen Boom erleben?

Das ist nur ein ganz kleiner Markt, man müsste sich schon sehr früh für so etwas entscheiden. Solange man noch jünger ist, ist aber der Zwang nicht so groß, ein so aufwendiges gemeinschaftliches Projekt mit vielen Risiken zu starten. Außerdem fehlt es oft an geeigneten Grundstücken. Von Boom kann deshalb keine Rede sein. Sinnvoll wäre, generell die Nachbarschaft wieder zu stärken.

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