Sportholzfällen Die Formel 1 des Sportholzfällens

Waiblingen/Krapfenreut. Diese Säge ist heiß. Und laut. Infernalisch laut. Die „Hot Saw“ ist die Formel 1 des Sportholzfällens. Davon abgesehen, dass Formel-1-Boliden im Vergleich zu den 70-PS-Motorsägen akustische Leisetreter sind. Jörg Bläsi baut auf dem Schurwald eine „Hot Saw“ mit Wankelmotor. Mit ihr hat Robert Ebner den Weltrekord gebrochen. Ein Werkstattbesuch in Krapfenreut.

Video: Stihl Timbersports, Robert Ebner stellt seine Hot Saw vor

 

Nicht nur der Name des Ortes auf den Höhen des Schurwaldes ist idyllisch. Krapfenreut. Auch die Lage ist lauschig. Der Blick schweift über Streuobstwiesen und Wälder hinweg, hinüber zur Schwäbischen Alb. Gelegentlich ist in der Idylle jedoch die Hölle los. Immer dann, wenn Jörg Bläsi hinter seiner Werkstatt den Wankelmotor anwirft und das Kreischen des Kreiskolbenmotors die Ruhe zerschneidet.

Jörg Bläsi ist im Hauptberuf Maschinenbautechniker und arbeitet im technischen Service bei Stihl in Waiblingen. Einst hat der 50-Jährige an Moto-Cross-Maschinen geschraubt. Vor fast zehn Jahren machte ein Motorradunfall diesem Hobby ein Ende. Von Motoren kann Jörg Bläsi freilich nicht lassen. „Rennmotoren sind ein Stück Leidenschaft, mein ganzes Leben lang!“, sagt Bläsi über den „alternativen Rennsport“. Statt unzähmbare PS auf die Straße zu bringen, lautet die Aufgabe, die schiere Kraft des Wankels auf der Kette zu bändigen.

Die Formel-1-Motorsägen, die bei den Stihl-Timbersports-Wettbewerben zum Einsatz kommen, haben den Techniker sofort begeistert. Seit dem neuen, offenen Reglement für diese Disziplin im Jahr 2007 sind der Fantasie der Konstrukteure kaum noch Grenzen gesetzt. Bei den meisten Sportholzfällern treibt ein Rotax-Zweitakt-Motor die Hot Saw an.

Ein Wankelmotor? „Alle wussten, dass es nicht funktioniert“

Eher zufällig war Bläsi auf die Idee gekommen, statt des Rotax einen Wankelmotor einzusetzen. Der Kreiskolbenmotor ist im Grunde ein geniales Prinzip, hat sich jedoch weder im Auto noch bei Motorrädern durchgesetzt. Die Anhänger des Konstrukteurs Felix Wankel haben in den 90er Jahren noch einmal ihr Glück in Korb versucht und zum Beispiel Motoren für Ultraleichtflugzeuge entwickelt – und sind pleitegegangen. Der Teufel liegt beim Wankel im Detail. Kein Wunder, dass Jörg Bläsi mit seiner Idee einer Wankel-Säge auf Skepsis stieß: „Alle wussten, dass es nicht funktioniert“, erinnert sich Bläsi und grinst. „Jetzt erst recht!“, sagte er sich und begann, den Wankelmotor aus einem Gokart in die Säge einzubauen.

2012 stand der Sportholzfäller Robert Ebner vor einem Dilemma. Vor der deutschen Meisterschaft war der Zylinder an seiner „Hot Saw“ gerissen. „Auf die Schnelle konnte ich keine neue Säge herkriegen.“ Auf die Reparatur des Zylinders wartete er zwei Wochen, drei Wochen ... und nahm schließlich mit Jörg Bläsi Kontakt auf, der ihm die Wankelsäge zeigte. Ebner war begeistert. Sie war vibrationsärmer, zog besser und hatte Power en masse.

Dass Ebner bei den Meisterschaften doch noch einmal mit einer Rotax antrat, lag einfach daran, dass damals die Wankelsäge noch recht schwer zu starten war. Der Start ist jedoch das A & O bei dieser Disziplin, geht es doch darum, möglichst schnell die Säge anzuwerfen und drei Scheiben von einem Baumstamm abzusägen. „Wenn du beim Start eine halbe Sekunde verlierst, kannst du die im Holz nicht mehr aufholen“, sagt Ebner. Der Weltrekord lag bei 5,4 Sekunden. Damals.

„All you need is Wankel Speed: The Hot Saw Solution“

Seit einigen Jahren liefert Ebner sich mit Dirk Braun einen Zweikampf an der Spitze der deutschen Timbersports-Serie. Um zu siegen, dachte sich Ebner, brauche ich eine neue, der Konkurrenz überlegene „Hot Saw“. „All you need is Wankel Speed – the Hot Saw Solution.“ So steht’s auf einem Plakat in Bläsis Werkstatt. Die Hot Saw ist die letzte und oft entscheidende der sechs Disziplinen bei einem Stihl-Timbersport-Wettbewerb. Bläsi und Ebner setzten sich zusammen, philosophierten, fachsimpelten – und steckten viel Zeit und Geld in die Entwicklung der neuen Säge.

Das perfekte Zusammenspiel des Piloten mit den Konstrukteuren ist bei der Formel 1 oft das Geheimnis des Erfolgs. So ähnlich ist es bei Ebner und Bläsi, der von seinem „Piloten“ die richtigen Rückmeldungen erhält, um die Performance der Säge zu perfektionieren. Für Bläsi liegen die grundsätzlichen Vorteile des Kreiskolbenmotors auf der Hand. Der Wankel hat konstruktionsbedingt weniger Vibrationen und kommt extrem schnell auf Touren. „Der Motor explodiert geradezu“, schwärmt Bläsi über die Beschleunigung, mit der der Wankel die Kette auf optimale 7000 bis 8000 Umdrehungen bringt. Und noch ein Vorteil weist der Wankel gegenüber dem Zweitakter auf. Der Rotax droht, nach 20, 30 Sekunden zu überhitzen. Der Wankel kann länger laufen, was den Tests und Trainingsmöglichkeiten zugutekommt.

Da geht was!

Die Wankel Speed wurde besser und besser, die Startschwierigkeiten beseitigt. Als Ebner seine Zeiten auf unter sechs Sekunden gedrückt hatte, war dem Krapfenreuter Wankelteam klar: „Da geht was!“ Im Mai 2016 kam der Durchbruch. Robert Ebner stellte bei einem Ausscheidungswettkampf der Stihl Timbersports Series in Mettmann einen Weltrekord auf. Er unterbot mit 5,23 Sekunden die neun Jahre alte Rekordmarke.

Umso bitterer war es für Ebner und Bläsi, dass schon im Sommer Dirk Braun den Rekord mit einer bis zu 80 PS getunten Rennmotorsäge um 0,03 Sekunden unterbot. „Drei Hundertstel Sekunden! Das tut weh!“, räumt Bläsi ein. Aber der Schmerzen nicht genug: Bei den deutschen Meisterschaften hat Ebner ausgerechnet bei der letzten Disziplin, der „Hot Saw“, seinen sicher geglaubten Titel vergeigt – gegen Braun. Und damit die Chance, bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart im Einzelwettbewerb für Deutschland anzutreten. Der ehrgeizige Sportler spricht ganz offen über diese Niederlage und was bei dem Wettbewerb schieflief. Heute, mit einem etwas gequälten Lächeln. Der Groll sitzt tief. Auch zwei Monate später. Denn nicht zum ersten Mal hatte er bei der Hot Saw gepatzt. Die Einzel-Weltmeisterschaft in Stuttgart geht ohne Ebner und seine Wankel Speed über die Bühne. Zwar treten weitere Sportholzfäller mit einer Wankelsäge aus Krapfenreut an. Bläsi macht sich aber keine Illusionen, dass sie es über die Qualifikation hinaus ins Finale schaffen und ihre Wankel anwerfen können.

Sieben Sekunden

„Hand on the wood!“ gibt Bläsi einem seiner Werkspiloten bei der Vorführung hinter seiner Werkstatt das Kommando. „Get set! Go!“ Ebner reißt die Säge an, der Motor brüllt los. Und noch während Ebner die 30 Kilogramm schwere Säge aufnimmt, kommt der Wankel auf Touren. Wie Butter geht die Kette dreimal durch den Stamm. Ein kurzes Röcheln. Ruhe. Der kühle Wind streicht wieder leise über die Höhen des Schurwalds. Ein Blick auf die Stoppuhr. Sieben Sekunden. Nicht schlecht für einen Test.


Die heiße Säge

Die „Hot Saw“ ist die letzte der sechs Disziplinen, nach der am Samstag, 12. November, in der Porsche-Arena in Stuttgart der Weltmeister gekürt wird.

Der Einzelwettbewerb geht über drei Runden. In der ersten Runde treten zwölf Teilnehmer in drei Disziplinen gegeneinander an: „Underhand Chop“, „Stock Saw“ und „Standing Block Chop“. Die acht besten Sportler kommen in die zweite Runde und sind in den Königsdisziplinen „Single Buck“ und „Springboard“ gefordert. Die punktbesten sechs Teilnehmer machen in der dritten Runde an der Hot Saw den Weltmeister unter sich aus, wobei die Punkte aus den vorangegangenen fünf Disziplinen mitgewertet werden.

 

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