Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen Lebenszeit sichtbar machen

Susanne Hetrich Foto: Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Auf den ersten Blick scheint das Thema einfach und überschaubar: „Von Tagebuch bis weblog. Tägliche Strategien in der Gegenwartskunst“ heißt die Ausstellung, es geht um das Zusammenfallen von realem Leben und künstlerischer Produktion, wie sie in den unterschiedlichsten Formen des Tagebuchs, der alltäglichen Notizen, der persönlichen Tages- oder Jahresbilanzen stattfindet.

Auf den zweiten Blick aber enthüllen sich schnell komplexe Verwicklungen und Verästelungen dieses Themas. Zunächst wechselt ja die alltägliche Arbeit des Aufzeichnens zwischen dem Interesse für das alltägliche Leben, das durch das Aufzeichnen bewusst gemacht und reflektiert wird – was eher eine traditionelle literarische Arbeitsweise wäre –, und der Rückwirkung dieser Tätigkeit auf die Person, die etwas notiert. Nicht selten sucht sich ja ein Mensch gerade durch das Wiederholen des Notierens in seinem Ich zu bestätigen.

Dieses Thema beschäftigte in den ­1960er Jahren international und nahezu zeitgleich eine neue Künstlergeneration. „Von Tagebuch bis weblog. Tägliche Strategien in der Gegenwartskunst“ präsentiert vier zentrale Künstlerpositionen – eine Bestätigung nicht zuletzt für den Mut der Verantwortlichen der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, auch scheinbar verwickelte Fäden in der Entwicklung der Gegenwartskunst aufzunehmen.

Gemälde um Gemälde zeigt die verrinnende Zeit an

Roman Opalka (1931–2011) malte im Herbst 1965 sein erstes Zahlengemälde, indem er, oben links mit der Zahl 1 beginnend, die Reihe der natürlichen Zahlen über die Fläche des Gemäldes hinweg fortführte. Sobald sie mit Zahlen erfüllt war, fuhr er im nächsten Gemälde mit der nächsten Zahl fort. Diese Gemälde besitzen alle das Format 196 Zentimeter Höhe und 135 Zentimeter Breite und den Titel „1965/1 – unendlich, Detail x bis y“ (x entspricht der ersten, y der letzten Zahl auf der jeweiligen Bildfläche). So wird die verrinnende Zeit von Gemälde zu Gemälde angezeigt; leiblich spürbar aber wird sie in Opalkas Schallplatten. Denn beim Malen und gleichzeitig mit dem Einzeichnen der einzelnen Ziffern hat er sie auch ausgesprochen (im Polnischen werden die Ziffern jeder Zahl nacheinander von links nach rechts aneinandergereiht); und dieses Sprechen wurde aufgenommen und auf Schallplatten ediert.

Das radikale und zugleich inhaltsleere Festhalten der äußeren Zeit wurde zum Lebensthema von On Kawara (geboren 1933). Seit dem 4. Januar 1966 verfertigt er jeden Tag ein „Datumsgemälde“: Das Datum des Tages ist in einer völlig neutralen weißen Schrift auf eine monochrome Tafel im Querformat gemalt. Die leere Botschaft des Datums, die nichts anderes anzeigt als „ich, On Kawara, existiere an diesem Tag“, erhält Glaubwürdigkeit durch eine dem Gemälde in seiner Schachtel beigegebene Tageszeitung von dem Ort, an dem sich der Künstler befand.

In seinen per Post aufgegebenen Sendungen, die seine „Date Paintings“ begleiten, wird nichts anderes gesagt. Das begann 1968 mit Ansichtskarten mit dem Text „Ich bin um x Uhr aufgestanden“, ging weiter mit drei Telegrammen: „6. Dez. 1969 – Ich werde nicht Selbstmord begehen. Keine Sorge / 8 Dez. 1969 – Ich werde nicht Selbstmord begehen. Macht euch Sorgen / 11. Dez 1969 – Ich lege mich schlafen. Vergesst es“ und mündete darin, dass er jahrzehntelang jeden Tag Freunden oder Bekannten ein Telegramm schickte: „Ich lebe noch.“ Dazu kommen Bücher, in denen er für jeden Tag aufzeichnete, wohin er ging („I went“, mit Stadtplänen); wen er traf („I met“, mit Listen von Personen); was er las („I read“, mit eingeklebten Zeitungsseiten).

Berichte der Stasi: Ein schmerzvolles Tagebuch

Bei Hanne Darboven (1941–2009) verschränkte sich die Anzeige der eigenen Existenz mit der Arbeit eines leeren Schreibens. So nannte sie einen Block von 34 Taschenkalendern aus den Jahren von 1966 bis 1999 „Existenz“. Und sie entwickelte die „Tagesrechnungen“, eine Methode, die, ausgehend von der Quersumme des jeweiligen Datums, umfangreiche Zahlenreihen und –systeme für jeden Tag und jeden Monat erzeugt. Die leere, verstreichende Zeit wird durch eine leere Arbeit des Schreibens rhythmisiert, geprägt, erfahren und reflektiert, durch ein Schreiben, das sich formal-reflexiv wieder nur auf den Tag und das Datum bezieht. In einer Reihe solcher Blätter findet sich ein durchgestrichenes „heute“; das Jetzt der Gegenwart ist im Fluss der Zeit immer schon vergangen, zum Gestern geworden; die eigene Präsenz ist nicht mehr greifbar, wird durch das Vergehen der Zeit gespalten.

Peter Dreher (geboren 1932) begann 1974 die Serie „Tag um Tag guter Tag“, das immer wiederholte Gemälde eines einfachen Wasserglases (bis heute sind das über 5000 Bilder).

Bei den neun jüngeren Künstlerinnen und Künstlern dieser Ausstellung tritt dagegen die Beschäftigung mit ihrer alltäglichen Lebenswelt in den Vordergrund. Zum Beispiel in der Form eines Jahresberichts auf Video (Jan Peters), der täglichen zeichnerischen Beobachtungen bei der Büroarbeit im Brotberuf (Peter Piller), der täglichen Veränderungen der Ordnung auf dem Schreibtisch (Sophia West), der nachgezeichneten alltäglichen Titelfotos der „Süddeutschen Zeitung“ (Inge Krause), der Ortsembleme und Gespräche auf einer 25-tägigen Wanderung (Simon Beer).

Sehr wirkungsvoll sind die Blätter von Cornelia Schleime: Sie klebte Fotos von sich selbst, auf denen sie deutlich, aber nicht übertrieben gesellschaftliche Rollen ausprobierte, auf Kopien von Berichten der Staatssicherheit, die sie über Jahre hinweg überwacht und so ein schmerzlich privates, ihr aber völlig unbekanntes Tagebuch ihres Lebens angelegt hatte.

„Von Tagebuch bis weblog.  Tägliche Strategien in der Gegenwartskunst“ ist bis zum 6. Januar in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen (Hauptstraße 60–64) zu sehen. Di, Mi, Fr 14– 18 Uhr, Do 14–20 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr.

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