Stolperstein für Welzheimer Jüdin Wer ist die Frau auf dem alten Foto?

Vermutlich ist das Helene Adler am Ortseingang von Welzheim im Jahre 1935. Foto: Privat

Welzheim. Wer ist die Frau auf dem alten Foto? Heimatforscher Bernd Faller vermutet, dass es sich um Helene Adler handelt – eine ehemalige Welzheimerin jüdischer Abstammung, die während des Dritten Reichs verfolgt wurde und starb. Für sie soll ein Stolperstein gelegt werden. Ob in Welzheim oder Fellbach, das ist aber noch nicht entschieden.

Auf Helene Adler wurde Bernd Faller zum ersten Mal in den 1980er Jahren aufmerksam. Er war Lehrer in der Realschule, die eine Wanderausstellung über jüdische Gemeinden in Württemberg zeigte. „Als ich damals nach einer jüdischen Gemeinde in Welzheim suchte, fand ich nur den Hinweis in zwei Büchern auf Helene Adler, die in Welzheim und Fellbach wohnte, 1941 nach Riga deportiert wurde und später für tot erklärt wurde“, sagt Bernd Faller. Die Buchtitel lauteten „Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Baden-Württemberg“ von Paul Sauer und „Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg“ des Autors Joachim Hahn.

Recherche: In Zeitungsartikeln und Archiven

Anstoß, die Nachforschungen aufzunehmen, gab die Kopie eines Zeitungsartikels im „Boten vom Welzheimer Wald“ vom 17. August 1935, der ihm auch in anderen Unterlagen über Welzheim im Dritten Reich begegnet war.

Insbesondere die Fotografie zum Zeitungsbericht weckte Fallers Interesse: Eine Frau im schwarzen Mantel mit Handtasche steht vor einem Schild mit der Aufschrift „Luftkurort Welzheim, Juden unerwünscht“. Ist jene Person auf der alten Aufnahme die gesuchte Helene Adler, die von Januar 1933 bis Oktober 1935 in Welzheim gelebt hat? Faller ist bereits mit Gunter Demnig in Kontakt, dem Initiator der Stolpersteine.

Davor vergingen einige Jahre, bis Faller im Sommer 2018 die Zeit fand für die Spurensuche in die jüdische Vergangenheit. In Stadtarchiven, Telefonaten und akribischen Dokumentenstudien stieß er auf zahlreiche Details, die sich zu einem Bild zusammenfügen, allerdings gebe es Lücken. Als Erstes wandte er sich an das Welzheimer Rathaus. Dort habe niemand Helene Adler gekannt.

Adler kam von Fellbach nach Welzheim

Ihr Name sei erstmals im Einwohnermeldeamt aufgetaucht: Eine Kopie der Karteikarte verhalf zur Erkenntnis, dass Helene Adler von Fellbach nach Welzheim kam. Von 1933 bis 1935 hat sie als „Haustochter“ von Mühlenbesitzer und Gastwirt Karl Dieterich in der heutigen Laufenmühle gearbeitet; sie war „in Stellung“, wie viele Frauen damals.

Als Glücksfall habe sich eine Anfrage beim Stadtarchiv Fellbach herausgestellt: Faller stieß auf das Buch mit dem Titel „Juden in Fellbach und Waiblingen 1930 bis 1952“ und darin auf ein Kapitel über Helene Adler. Verfasser war Stadtarchivar Ralf Beckmann, der eine Sammlung von Zeitzeugenaussagen dokumentiert hatte. Für Faller eine Basis, den groben Lebenslauf von Helene Adler zu rekonstruieren: Geboren ist sie demnach am 20. Dezember 1894 in Laupheim.

Klassenfoto: Wer erinnert sich an Helene Adler?

Eine Anfrage an die Heimatgemeinde führte zu Kontakten mit dem Stadtarchiv und dem Leiter des Museums. Auf genaue Ergebnisse wartet Faller noch. Ein weiteres Puzzlestück tat sich im Jubiläumsband „Laupheim – Rückschau auf 1200 Jahre Geschichte“ auf: Faller fand eine Fotografie einer jüdischen Volksschule aus dem Jahr 1904.

„Auf dem Klassenfoto ist Helene Adler ganz bestimmt dabei. Es ist das fünfte oder sechste Mädchen in der vierten Reihe. Diese beiden zehnjährigen Mädchen habe ich mit der Frau auf dem Welzheimer Foto von 1935 verglichen, von dem ich aber nicht weiß, ob es Helene Adler ist.“ Um die beiden Bilder vergrößern und besser miteinander vergleichen zu können, hat sich Faller im Fotofachgeschäft die Kopie des Originalfotos besorgt.

Faller hat die Hoffnung, dass sich jemand in der Bevölkerung an die abgelichteten Schüler erinnert; eventuell kann dann genau bestimmt werden, wer Helene Adler ist. „Ich kann derzeit nur vermuten, dass es sich bei den Personen auf den beiden Fotos um sie handelt, beweisen kann ich es nicht“, so Faller.

Getauft: Verfolgt, obwohl sie Christin war

Als gesichert gilt, dass Helene Adler in Ulm evangelisch getauft wurde und als Christin nach Welzheim kam. Hier soll sie den Siebenten-Tags-Adventisten angehört haben, die den Schabbat feierten. Ihre eigenen Verwandten erkannten Helene wegen dieser Taufe nicht mehr als Familienmitglied an, lediglich einige Geschwister kümmerten sich um sie. Helene Adler wohnte zeitweise in Freiburg und in Augsburg. In Ulm war sie verlobt, der Verlobte ist nicht bekannt. Er löste nach Helenes Übertritt zum Christentum die Verlobung auf.

Wegen der Rassegesetze des Dritten Reiches galt Helene Adler offiziell immer noch als Jüdin, wie auf der Karteikarte in Welzheim vermerkt sei.

Laut Karteikarte wurde sie wiederholt aufgefordert, Welzheim zu verlassen. „Ich vermute, dass sie herausgeekelt wurde, obwohl sie sich bei ihrem Brotgeber Dieterich wohlfühlte“, sagt Faller. Nachweise, wonach sie verhört oder eingesperrt wurde, habe er keine gefunden.

Letzter Hinweis: 1941 nach Riga deportiert

Im Dezember 1935 zog Helene Adler nach Fellbach zu Familie Edelmann in der Bismarckstraße, der heutigen Sebastian-Bach-Straße 28. Die Familie war ebenfalls Mitglied der protestantischen Freikirche der Adventisten. 1940 zog sie zu Familie Lipp in die Mörikestraße in Fellbach. Am 1. 9. 1941 wurde im Deutschen Reich das Tragen des Judensterns Pflicht, auch für Helene Adler. Sie folgte der Verordnung nicht. Mit der Folge, dass sie das Haus fast nicht mehr verließ.

Ein letzter Hinweis ist datiert auf den November 1941. Helene Adler erhielt die Aufforderung, sich am 26. oder 27. November 1941 auf dem Killesberg in Stuttgart im Sammellager einzufinden. Am 1. Dezember 1941 wird Helene Adler mit dem ersten Transport von 1000 Juden aus Württemberg nach Riga-Jungfernhof in das Außenlager Ghetto Riga gebracht. Dort verliert sich ihre Spur.

Im Dezember 1945 wurde Helene Adler in Riga für tot erklärt. Nach 1945 wurden von den 1000 Juden noch 35 lebend aufgefunden. „Man fand kein Todesdatum, so weiß man nicht, ob sie bei den Erschießungsaktionen getötet wurde oder verhungert ist“, sagt Bernd Faller.

Verwirrung: Drei erfundene „Zeitzeugen“

Für Verwirrung in Fallers Spurensuche sorgte kurzzeitig ein drittes Buch. „Ohne Erinnerung“ heißt das Werk des Autoren Hans-Jörg Gruber, in der es um die Vergangenheitsbewältigung in Welzheim geht. „Das Buch ist kein Geschichtsbuch, aber es werden drei Personen (Joel Kracauer, Waltraud Behr und René Lorenz) erwähnt, die in Verbindung mit Helene Adler gestanden haben sollen“, berichtet Bernd Faller. Faller befragte vier Personen der Stadtverwaltung Welzheim sowie etliche Mitglieder und Heimatexperten des historischen Vereins. Weil keiner der Befragten mit den Namen etwas anfangen konnte, kamen Faller Zweifel, ob es die Personen wirklich gegeben hat.

Inzwischen hat Faller Gewissheit: Autor Gruber hat telefonisch gegenüber Faller klargestellt, dass die Personen im Buch teilweise erfunden waren. Joel Kracauer ist ein erfundener Name, den es so nicht gab, der also auch nicht der amerikanische Kommandant Welzheims war. Hinter diesem Namen stecken zwei oder drei Deutsch-Amerikaner, die Herr Gruber in Cincinnati kennengelernt hat. Die Lehrerin Waltraud Behr gab es zwar, aber nicht unter diesem Namen. Es gab eine Englischlehrerin, Gertrud Keil, die nach dem Krieg dafür sorgte, dass nationalsozialistisch belastete Welzheimer nicht so ohne weiteres entnazifiziert werden konnten. René Lorenz war ein Elsässer, der während des Krieges in Welzheim lebte und bei der Firma Bauknecht arbeitete.

Dementsprechend gab es auch die beiden im Buch erwähnten Aufträge für die Berichte über das Gestapogefängnis in Welzheim und über die Juden in Welzheim und Schwäbisch Gmünd nicht.


Stolperstein in Welzheim oder Fellbach?

Je eine Tafel mit der Aufschrift „Luftkurort Welzheim, Juden unerwünscht“ wurde an drei Ortseingängen von Welzheim aufgestellt.

Bis Dezember 1935 war Helene Adler in Welzheim ansässig, zeitlich könnte sie es sein. „Ihre Identität ist geklärt. Ihr Lebenslauf stimmt. Nur die Fotos sind noch ungewiss“, sagt Bernd Faller.

Welzheim soll sich einreihen in die zahlreichen Städte, die mit deren Verlegung die Erinnerung an vertriebene und ermordete Juden während des Nationalsozialismus wachhalten. Ein Stolperstein wird nach Auskunft von Bernd Faller auf jeden Fall gesetzt, allerdings frühestens 2020. Gunter Demnig, der deutschlandweit Stolpersteine verlegt, hat für 2019 abgewunken, er sei vollkommen ausgebucht.

Strittig ist Bernd Faller zufolge die Frage, wo er verlegt würde. In Welzheim in der Laufenmühle, Haus Nummer 8, wo sie bei Karl Dieterich lebte? Dieter Frey, Vorsitzender des historischen Vereins, vertritt laut Faller die Auffassung: dort, wo sie zuletzt lebte. Dies wäre Fellbach. Bernd Faller argumentiert für Welzheim: „Der Stolperstein soll dort gesetzt werden, wo die Ausgrenzung begonnen hat.“

Gunter Demnig hat bei Bernd Faller angefragt, ob es in Welzheim weitere Opfer des Nationalsozialismus gibt, für die ein Stolperstein gesetzt werden könnte. Faller reicht die Frage an die Bevölkerung weiter und freut sich über Hinweise. Wer etwas weiß und beitragen kann zur Klärung der Identität der Frau vor dem Schild, kann sich an Bernd Faller wenden unter 0 71 72/3 23 79.

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