Stuttgart 21 Die Ja-Sager: Sie wollen oben bleiben

Zum Gruppenfoto kamen sie gleich in Demo-Stärke: S21-Gegner aus dem Rems-Murr-Kreis. Foto: ZVW

Waiblingen. Bunt ist der Widerstand gegen Stuttgart 21. Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten sind hier zu finden – wobei: Groß- oder gar Monumentalkopfete, Wichtigs und Superwichtigs sind eher nicht darunter. Eine Nahaufnahme.

Das sei ja ein schönes Foto gewesen neulich in der Zeitung, hat der S21-Gegner am Telefon gespöttelt und damit auf ein Gruppenbild angespielt, das prominente Rems-Murr-Befürworter des Tiefbahnhofs zeigte. Ob wir, hat der Anrufer gefragt, so eine nette Aufnahme eigentlich auch mal von der anderen Seite veröffentlichen wollten?

Da kann man natürlich schlecht nein sagen, schon aus Gründen der Ausgewogenheit. Die Zeitungsleute gehen also nichtsahnend zum vereinbarten Foto-Termin, rechnen mit ein paar entschlossen guckenden Obenbleibern – und sehen sich einer 60-köpfigen Truppe gegenüber. Das ist ja fast eine unangemeldete Großdemo. Hoffentlich kommt jetzt nicht gleich ein Büttel mit dem Wasserwerfer um die Ecke.

Und wieder einmal wird einem schlagend deutlich: Der Streit um S21 ist nicht nur ein Ringen um Argumente, das ist auch ein Kampf der Kulturen, Mentalitäten, Politikstile – „wir da unten“ gegen „die da oben“.

Neulich beim Termin mit den Befürwortern: Bürgermeister, Oberbürgermeister, Landtagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete, Funktionäre der Industrie- und Handelskammer. Entscheider, Prominente, Mächtige. Von Paal über Pröfrock bis Palm. Lauter Männer in Anzügen.

Und nun die Gegner: Den Fototermin verwandeln diese Heimwerker der Widerstandskunst in ein Kreativ-Happening von anarchischer Fröhlichkeit, mit Selbstgebasteltem, Eigengepinseltem und Rätschenkrach. Haufenweise Frauen sind dabei. Und dann fangen sie auch noch an, „Oben bleiben!“ zu skandieren, obwohl ein Foto strenggenommen ja keine Tonspur hat.

Äußerlichkeiten? Sicher. Aber aussagekräftige. Viele in den acht K21-Gruppen im ganzen Kreis von Kernen bis Schorndorf und Fellbach bis zum Welzheimer Wald, viele dieser Leute vom Bund für Umwelt- und Naturschutz oder vom Fahrgastverband Pro Bahn, viele dieser Studenten, Künstler, Kindergärtnerinnen, Ingenieure, Polizisten eint dasselbe Gefühl: dass S21 ein Projekt der Reichen, Strippenzieher und Bestimmer ist, die gewohnt sind, ihre Einflusspositionen auszuspielen.

Neulich, erzählen sie beim Fototermin, sei in Alfdorf die Rathaus-Erweiterung eingeweiht worden – der CDU-Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer aber habe bei diesem unschuldigen Anlass seine Verfügungsgewalt über das Grußwort-Mikrophon zu „Propaganda für Stuttgart 21“ missbraucht.

Der Waiblinger Klaus Riedel hadert: Der Regionalverband „hat eine Million Euro aus Rücklagemitteln“, eine Million Euro, „die eigentlich für den Ausbau des S-Bahn-Verkehrs gedacht waren“, eine Million, die aus den kommunalen Kassen an die Region geflossen waren, den S21-Befürwortern „für Propagandamittel“ zur Verfügung gestellt, für Flyer und Plakate – „und gleichzeitig werden die Fahrpreise im Nahverkehr erhöht. Es ist unglaublich.“

„Wir dagegen“, sagt der Schorndorfer Wolfgang Schwarz vom Bündnis Rems-Murr gegen S21, „machen das aus eigener Kraft und mit unserem eigenen Geld.“

All diese Amtsträger, Abgeordneten und Kommunalchefs seien neuerdings ja sehr für die „Energiewende“, ätzt Riedel – und „diese selben Leute befürworten ein Projekt“, das selbst nach vorsichtigen Expertenschätzungen 17 Prozent mehr Energie verbrauchen werde als der alte Kopfbahnhof. Denn die Züge müssten „auf den langen Tunnelstrecken eine Luftsäule vor sich her schieben“, und der Tiefbahnhof brauche künstliche Beleuchtung, weil die Lichtaugen bei weitem nicht genug Helligkeit durchlassen. Überall, sagt Riedel, stoße er auf solche Widersprüche.

Dass sie Spenden sammeln müssen, während die anderen über Werbe-Budgets verfügen; dass sie penibel Detail-Argument auf Detail-Argument häufen, Fahrplanunstimmigkeiten und Konzeptionsmängel auflisten müssen und dabei Gefahr laufen, die weniger interessierten Leute mit solchen Fachsimpeleien „zu erschlagen“, während die anderen mit der Gehör verschaffenden Kraft ihrer Amtspositionen immer wieder dieselben Marketing-Slogans vom „neuen Herz Europas“ und der „Magistrale Paris-Bratislava“ streuen können – all das nährt den Zorn der S21-Gegner, die sich hier zum Fototermin versammelt haben; und inspiriert ihre Entschlossenheit.

Hier die „Repräsentanten“, da ein buntes Volk – es ist unverkennbar: Einen guten Teil ihres Schwungs bezieht diese Bewegung aus dem Gefühl, sie kämpfe gegen die Arroganz der Macht.

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