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Stuttgart 21 S 21: Immer wütend, immer gut drauf

Waiblingen. Dem Widerstand gegen S 21 geht’s dufte, auch ein Jahr nach dem Volksentscheid. Der wutmuntere Protest hat sich zu einem regelrechten gegenkulturellen Sinnstiftungsprojekt ausgewachsen. Eine Zwischenbilanz vor der nächste Woche stattfindenden einhundertfünfzigsten Montags-Demo.

Was steht ihr Idioten immer noch da rum? Könnt ihr nicht endlich Ruhe geben! So was bekamen die S-21-Gegner oft zu hören, als sie Ende 2011 auch nach dem Volksentscheid einfach weitermachten. Aber dann ging der Frühling ins Land, der Sommer kam, jetzt ist es Herbst – und „das Bild hat sich deutlich gewandelt“, sagt der Schorndorfer Andreas Falk, „die Nachdenklichkeit ist größer geworden“: Leute, die früher bruddelnd an den Infoständen vorbeigingen, bleiben plötzlich stehen. Stellen Fragen. Manche sagen: Macht weiter so. Denn in diesem Jahr „haben sich ständig Dinge herausgestellt, die nicht funktionieren“, sagt der Waiblinger Klaus Riedel, „Dinge, die haarsträubend sind“, schiebt der Stettener Eberhard Kögel nach. Nur ein besonders irres Beispiel: Ein von der Bahn selbst bestelltes Gutachten ergab, dass der Brandschutz hinten und vorne nicht passt. Die Gegner hatten das schon immer gesagt.

Oder der Irrwitz um den Filderbahnhof: Der Bahn schwebte eine Wunschtrasse vor – nur ist die bis heute nicht genehmigt, wegen vieler Sicherheitslücken womöglich nie genehmigungsfähig. Also kam es zum „Filderdialog“, Bürger machten Verbesserungsvorschläge, es gab ein Ergebnis. Das aber gefiel der Bahn nicht, sie setzte eine andere Alternative auf die Tagesordnung, 224 Millionen teurer als die nicht funktionierende Ursprungstrasse – und der Waiblinger OB Andreas Hesky, der vor dem Volksentscheid gefordert hatte, der Finanzierungsanteil der Kommunen in der Region Stuttgart dürfe „keinen Euro mehr“ als 100 Millionen betragen, erklärt nun: „Wer mehr bestellt, muss halt auch mehr bezahlen“ . . . Schade, grantelt Kögel, dass die „Lügenpack“-Sprechchöre aus der Mode gekommen sind. Er tröstet sich als bekennender Schwabe damit, dass „Lugabeidl“ eh schöner wäre.

Bahn statt Auto: Am Tisch sitzen bekennende Schienen-Fans

Ein Blick in die Runde: Da sitzt zum Beispiel Andreas Falk und sagt, ein funktionierender Bahnverkehr liege ihm am Herzen, denn „ich habe vor sechs, sieben Jahren mein Auto abgeschafft und will trotzdem mobil bleiben“. Von schräg gegenüber mischt sich der Schorndorfer Andreas Kleber ein: „Und ich hab noch nie eins gehabt.“ Das Eisenbahnwesen ist seine Passion, in der Aktentasche hat er immer was zu lesen; zum Beispiel alte Kursbücher. Daneben: Tadeusz Rzedkowski, Fellbach – „mein Urgroßvater war Eisenbahner, mein Großvater war Eisenbahner, mein Sohn macht eine Ausbildung zum IC-Lokführer, und ich hab auch noch nie ein Auto gehabt.“

Und jetzt: Showtime – der alte Eisenbahnhaudegen Kleber klappt den Laptop auf und lädt den berüchtigten „Stresstest“, jene Präsentation, mit der die Bahn zu beweisen suchte, dass Stuttgart 21 in der Spitzenstunde zwischen 7 und 8 Uhr morgens 49 Züge verkraftet. Aber wie! Hier, zeigt Kleber, räumt die Bahn einem Remszug in Schorndorf nur 45 Sekunden Haltezeit ein, da lässt sie zwei Züge im Unsicherheitsabstand von bloß einer Minute hintereinander dreinfahren, dort brummt sie dem Reisenden, der mit dem IC aus dem Norden in Stuttgart ankommt, eine satte halbe Stunde Wartezeit auf, bis der Anschluss Richtung Aalen endlich loszuckelt – und da schau her, was die Bahn verschämt kleingedruckt ins Bildschirmeck geklemmt hat: Ein TGV „ist nicht vorgesehen“ . . . Der sperrige Hochgeschwindigkeitszug aus Paris wäre zu vielen anderen Bahnen im Weg.

So also haben die mit viel Murks und Mühe 49 Zugbewegungen in den Tiefbahnhof gepfercht nach dem Motto „Füg dich oder ich press dich“ – und behaupten jetzt, S 21 verschaffe ein Drittel mehr Züge als der alte Kopfbahnhof. Kleber zückt grimmig ein Kursbuch von 1969: Damals fuhren in Stuttgart in der Spitzenstunde sage und schreibe 66 Züge ein und aus. „Da liegt nicht Gottes Segen drauf“, wie der tief S-21-gläubige SPD-Mann Claus Schmiedel mal predigte, „sondern Satans Fluch.“

Wütend sind sie, definitiv. Aber auch super drauf. Klaus Riedel kriegt ganz glänzende Augen, wenn er schwärmt: „Für mich ist es fast ein Traum, was ich in diesen drei Jahren an neuen Menschen kennengelernt habe!“ Zwei Internet-Fernsehsender sind entstanden, fluegel-tv und cams21, und zwei Gegenzeitungen, „Kontext Wochenzeitung“ und „einund20“. Bands haben sich formiert, vom Parkorchester Compagnia Sackbahnhof bis zur Capella Rebella. Bildbände, Bücher, Broschüren. Buttons, Flyer, Plakate. Slogans, Happenings, Events. Eine Explosion an Kreativität, eine Eruption an Engagierlust, ein gegenkulturelles Sinnstiftungsprojekt. Und das in Zeiten, da fast alle offiziellen Parteien in Identitätskrisen stecken, mit Mitgliederschwund kämpfen, rezeptlos über Politikverdrossenheit hadern und bald nicht mehr wissen, wer ihnen im nächsten Wahlkampf die Plakate kleistern soll. Im Widerstand herrscht „ein tolles Lebensgefühl“, schwärmt Kögel, „auch wenn wir nicht wissen, ob wir letztlich erfolgreich sind“. Die Protestzelle Kernen tagt immer in Stetten im TV-Heim; die dortigen Stammtischbrüder „können’s nicht fassen, dass alle fünf Minuten Lachsalven von uns aus dem Nebenzimmer kommen“.

Und all das muss noch nicht das Ende sein – „die IHK“, schmunzelt die Winnenderin Esther Lorenz, „hat’s schon zu spüren bekommen“: S-21-Gegner haben sich dort in diverse Gremien wählen lassen. Eigene Kandidaten aufstellen für die Gemeinderatswahlen 2014? Eberhard Kögel sagt: „Warum nicht?“

Daten und Termine

Ein weitgespanntes Netzwerk ist der S-21-Protest im Kreis: Da gibt es das „Bündnis Rems-Murr gegen Stuttgart 21“; Sprecher Ernst Delle aus Schorndorf; Homepage www.rems-murr-gegen-s21.de. Dazu kommen Ortsgruppen in Fellbach, Waiblingen, Winnenden, Backnang, Kernen, Weinstadt, Schorndorf und Welzheim.

Der Diplom-Ingenieur Hans Heyemann referiert auf Einladung der Waiblinger Gruppe am kommenden Mittwoch, 28. November, um 19.30 Uhr im Kulturhaus Schwanen über „Sicherheitsmängel und Brandschutz beim S-21-Projekt“.

Am 26. November findet ab 18 Uhr vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof die 150. Montags-Demo statt. Redner sind der ehemalige Stuttgarter Bahnhofsvorsteher Egon Hopfenzitz, die Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin, der Krimiautor Wolfgang Schorlau, die Kabarettistin Christine Prayon und der Regisseur Volker Lösch.

 

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