Stuttgart/Schorndorf Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

Das Stuttgarter Landgericht. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf/Stuttgart. Der Mann ist seit mehr als 30 Jahren Polizist, aber sowas bekommt auch ein Routinier kaum je zu sehen: 1,5 Millionen Euro in bar, hübsch verpackt in der Reserverad-Mulde eines Audi A8  . . . Tag zehn im monumentalen Geldwäscheprozess um einen Schorndorfer und drei Mitangeklagte.

Der Mann im Zeugenstand wirkt, als sei er nicht leicht aus der Ruhe zu bringen: Er ist 50 Jahre alt, beschäftigt bei der Bundespolizei-Inspektion Kleve am Rhein, unweit der deutsch-niederländischen Grenze, und hat schon allerhand gesehen. Immer wieder durchqueren Drogengeldkuriere diese Region – dass der Beamte ein Fahrzeug durchsucht und Bargeld „in fünfstelliger Höhe“ findet: Das kommt öfter vor. Einmal, erzählt der Polizist, habe er ein Auto angehalten, in dem „knapp 360 000 Euro“ lagen.

Aber 1,5 Millionen? „Sind weiß Gott nicht Tagesgeschehen“.

Das geschah am 11. Januar 2018

Es ist der 11. Januar 2018, der deutsche Polizist ist gemeinsam mit einem niederländischen Kollegen im Grenzgebiet unterwegs. Die beiden sind Zivilfahnder. Regelmäßig streift das Zweierteam so umher. Ihr Job: einfach ein waches Auge haben.Um die Mittagszeit sehen sie einen A8 mit Kennzeichen WN. Ihr Bauchgefühl meldet sich: Vielleicht sollten wir mal näher hinschauen. An einer Nothaltebucht winken sie den Audi raus und zücken ihre Dienstausweise: Fahrzeugkontrolle.

Sie spulen ihr Routine-Repertoire ab, lassen sich Führerschein und Fahrzeugpapiere zeigen – der Audi ist zugelassen auf eine Firma Noble Glitter, Schorndorf – und stellen „Standardfragen bei Kontrollen im Grenzgebiet“: Haben Sie Waffen bei sich? Betäubungsmittel? Mehr als 10 000 Euro Bargeld? Der Mann verneint.

Die Beamten fragen nach Woher und Wohin. Der Mann antwortet: Er sei in Frankfurt gewesen und auf dem Rückweg nach Stuttgart. Dazwischen habe er das Outlet-Center in Roermond, Holland, besucht. Es gibt dort verbilligte Waren verschiedener Hersteller, von Kosmetika bis zu Kleidung. Nur: Von Frankfurt nach Stuttgart sind es etwa 200 Kilometer – der Abstecher nach Roermond bedeutet einen Umweg von mehr als 500 Kilometern. Seltsam.

Was er denn in Roermond gemacht habe, wollen die Beamten wissen. Der Mann sagt: Er habe dort „eine Person“ getroffen, auf Weisung seines Chefs. Wie „die Person“ heiße, wisse er nicht. Das klingt nun wirklich „sehr merkwürdig“. Die Beamten nehmen das Fahrzeug näher unter die Lupe.

Geldscheine in Geschenkpapier

Als sie den Kofferraum öffnen, wirkt der Mann „ein bisschen nervös“. Haben Sie was zu verbergen, fragt der deutsche Beamte. Der Mann druckst herum, beginnt zu erzählen, dass er Gold transportiert habe – der holländische Kollege aber hebt derweil die Bodenplatte des Kofferraums an und blickt in die Mulde fürs Reserverad.

Nur ist dort kein Rad. Sondern ein Paket, in Geschenkpapier eingeschlagen. Unter dem Papier: ein Karton. Und im Karton: Bündel von Geldscheinen, sauber zusammengeschnürt, dicht an dicht – Hunderter, Zweihunderter, Fünfhunderter.

Recherchegruppe "Golden Eye"

Der Fund vom 11. Januar 2018 brachte die Ermittlungen gegen die Schorndorfer Firma Noble Glitter, die damals bereits liefen, so richtig in Schwung. Stuttgarter Zollfahnder arbeiteten auf Hochtouren in der nach einem James-Bond-Film benannten Recherchegruppe „Golden Eye“ an dem Fall. Ihre Erkenntnisse mündeten schließlich in einen der größten Geldwäscheprozesse, den es am Landgericht Stuttgart je gegeben haben dürfte. Angeklagt: der türkische Chef der Schorndorfer Firma Noble Glitter, 45 Jahre alt; seine in Deutschland geborene Frau, die für die Buchhaltung bei den Geschäften ihres Mannes zuständig gewesen sein soll; ein pakistanischer Staatsbürger, der zuletzt in Dubai lebte; und jener Kurier – 34, deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft –, der mit 1,5 Millionen im Kofferraum erwischt wurde.

An jenem 11. Januar, nach der Entdeckung, erklärte der Mann der Polizei: Er habe der „Person“, deren Namen er nicht kenne, in Roermond 42 Kilo Gold übergeben; und im Gegenzug das Geldpaket erhalten. Demnach handelte es sich nicht um Drogeneinnahmen, sondern um Bezahlung für eine Edelmetall-Lieferung. Die Staatsanwaltschaft aber glaubt nicht an diese Version: Die Firma Noble Glitter habe Goldhandelsgeschäfte nur vorgetäuscht, um schmutzigen Scheinen ein legales Tarnmäntelchen überzuhängen. In Wahrheit, so die Sicht der Anklagebehörde, soll zwischen Juli 2017 und Januar 2018 Woche für Woche mehrmals Drogengeld aus den Niederlanden über Schorndorf nach Dubai geschafft worden sein: insgesamt die unfassbare Summe von 45 Millionen Euro.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.


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