Stuttgart/Schorndorf Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

Das Stuttgarter Landgericht. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf/Stuttgart. Geldwäsche-Experten aus ganz Europa blicken auf diesen Fall, der derzeit im Stuttgarter Landgericht verhandelt wird: Ein Schorndorfer und drei Mitangeklagte sollen 45 Millionen Euro Drogengelder nach Dubai verschoben haben. Prozesstag elf offenbarte, mit welchen Tücken die Ermittler zu kämpfen hatten – mit verschlüsselten Krypto-Handys; und mit dem Brexit.

Europol, das Europäische Polizeiamt in Den Haag, koordiniert den Info-Austausch zwischen den nationalen Polizeibehörden bei grenzüberschreitender organisierter Kriminalität. Nächste Woche treffen sich dort Fachleute aus dem ganzen Kontinent; bei einer Konferenz geht es um Geldwäsche – und auf der Tagesordnung steht die Erörterung eines Falls, zu dem die Vokabel „grenzüberschreitend“ wahrhaftig passt: Er spielt mutmaßlich in Afghanistan, Rumänien, Holland, Großbritannien, den Vereinigten Arabischen Emiraten – und in Schorndorf. Solch große Beachtung also schenken internationale Experten dem derzeit in Stuttgart laufenden Prozess.

Einnahmen aus dem Verkauf von Drogen

Das glaubt die Anklagebehörde: Ein türkischer Staatsbürger aus Schorndorf soll mit seiner Firma Noble Glitter Unmengen von Bargeld aus Holland nach Dubai verschoben haben, 45 Millionen Euro binnen eines halben Jahres zwischen Sommer 2017 und Januar 2018. Es habe sich um Einnahmen aus dem Verkauf von Drogen gehandelt – Stoff aus Afghanistan. Um dem Geldfluss ein seriöses Mäntelchen umzuhängen, habe Noble Glitter die Summen als Bezahlung für erlaubte Gold-Geschäfte getarnt.

Die Buchhaltungsunterlagen von Noble Glitter nämlich legen nahe: Die Firma verkaufte Gold nach Rumänien, bekam von dort im Gegenzug Barbezahlung und investierte die Scheine wiederum, um in Dubai Gold einzukaufen. Alles legal demnach.

Nur: In Wahrheit habe gar kein Gold den Besitzer gewechselt. Der angebliche rumänische Geschäftspartner: Fassade, glaubt die Staatsanwaltschaft. Stattdessen sei zwar Gold aus Dubai nach Schorndorf eingeführt, dann aber über einen verschleiernden Umweg nach London gebracht und von dort nach Dubai zurückgeschafft worden.

Mitangeklagt: Die Frau des Schorndorfers – sie war für die Buchhaltung zuständig; ein mutmaßlicher Kurierfahrer; und ein Geschäftspartner aus Dubai.

Das monumentale Ausmaß der Ermittlungen

Die Verteidigung argumentiert, die Anklage sei auf Sand gebaut: Hier werde zu Unrecht seriöser Edelmetallhandel spekulativ unter Verdacht gestellt. Sicher, es gebe Ungereimtheiten in den Papieren der Firma – aber das liege daran, dass die Zuständige in Sachen Buchhaltung einen „bedauerlichen Kenntnisstand“ gehabt und „sehr orientalisch gearbeitet“ habe: „überfordert, chaotisch, schlampig“. Und das sei ja geradezu ein Indiz für die Legalität der Geschäfte: Wer Verbotenes bemänteln wollte, würde doch „penibel darauf achten, die Buchhaltung stringent zu gestalten“.

An den ersten zehn Verhandlungstagen haben Zollfahnder das monumentale Ausmaß ihrer Ermittlungen enthüllt: Sie betrieben Telefonüberwachungen, verwanzten das Auto des Schorndorfers, observierten Verdächtige bei Verfolgungsfahrten und trugen mit Hilfe von Europol ausländische Unterlagen zusammen. Mit welchen Tücken die Fahnder zu kämpfen hatten, offenbart der elfte Verhandlungstag.

Es fehlen noch Unterlagen vom möglichen Tatort London

Die Ermittler schnappten bei Abhöraktionen zwar Andeutungen über Drogen und Afghanistan auf (ein Anwalt nennt das „Gelaber“, das nicht ernst zu nehmen sei) – aber ein Teil der Kommunikation zwischen den Verdächtigen blieb den Lauschern verborgen. Denn der Schorndorfer und seine Partner verwendeten neben normalen Smartphones auch Handys mit der Krypto-Software Encrochat. Wer die Homepage des Herstellers liest, glaubt fast, dies habe „Q“ verfasst, der Geheimdienst-Düsentrieb aus den James-Bond-Filmen: „Jede Nachrichtensitzung mit jedem Kontakt wird mit einem anderen Satz von Schlüsseln verschlüsselt“, dabei „verwenden wir Algorithmen aus verschiedenen Mathematikfamilien“ – man könne gar Nachrichten verschicken, „die sich selbst zerstören“.

Ein anderes Problemchen in diesem Prozess indes ist nicht der modernen Digitaltechnik geschuldet: Unterlagen vom möglichen Tatort London konnten bislang nicht förmlich in die Verhandlung eingeführt werden – sie bedürfen erst einer Freigabe aus Großbritannien. Das entsprechende Rechtshilfeersuchen wurde zwar längst verschickt, blieb jenseits des Kanals aber lange unbearbeitet; inmitten der Brexit-Wirren fand offenbar niemand Zeit dafür.


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