Stuttgarter Börse alarmiert Am Kleinanleger wird gespart

„Der normale Bürger, für den private Altersvorsorge besonders notwendig ist, erhält keine Beratung mehr zu Aktien“, sagt ein Experte. Foto: dpa

Privatanleger drohen bei Aktien abgehängt zu werden. Schuld sind die Beratungsprotokolle und die Zersplitterung der Handelsplätze. Die Stuttgarter Börse schlägt Alarm.

Stuttgart - Das Urteil des Anlegerschützers fällt ­vernichtend aus: „Die ­Beratungsprotokolle sind eine Katastrophe für Privatanleger“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW, der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Seit 2010 sind diese Protokolle Pflicht, wenn Banken ihre Kunden über Wertpapiere beraten. Für die Institute bedeutet das oft viel Aufwand und wenig Ertrag. Mit der Konsequenz, dass Banken „die Anlageberatung in der Fläche eingestellt haben“, sagt Tüngler. Stattdessen würden vorzugsweise Produkte vertrieben, die ­keiner Protokollpflicht unterlägen wie beispielsweise Versicherungen oder Beteiligungen. Erst ab einer Anlagesumme von 50.000 Euro begännen die Geldhäuser, über Beratung und Protokolle nachzudenken.

Als Vorwurf an die Banken will der Anlegerschützer seine Kritik nicht verstanden wissen. Die Rechnung sei nachvollziehbar, die seien Folgen fatal. „Bei Wohlhabenden findet eine Beratung statt“, sagt Tüngler. „Doch der normale Bürger, für den private Altersvorsorge besonders notwendig ist, erhält keine Beratung mehr zu Aktien.“

Dabei setzt sich die Erkenntnis durch, dass Aktien zum Aufbau einer Altersvorsorge dazugehören. Trotz des Risikos, das mit Aktien verbunden sei, „ist es sinnvoll, einen Teil seines Vermögens in Aktien anzulegen, weil sich damit, über einen langen Zeitraum gesehen, gut verdienen lässt“, sagt Hans-Peter Burghof, Bankprofessor an der Universität Hohenheim. Für risikolose Anlagen gebe es derzeit nur Zinsen unterhalb der Inflationsrate.

Nahezu ­jede größere Investmentbank hat eine ­Handelsplattform

So weit die Theorie. In der Praxis sind es nicht nur die Beratungsprotokolle, die Kleinanleger bei Aktien abhängen. Es gibt weitere Entwicklungen, die Privatanleger benachteiligen und den Anlegerschutz ­aufweichen. Die Rede ist von Computern, die mittels mathematischer Modelle ihre Kauf- und Verkaufaufträge in Millisekunden platzieren, und von neuen, sogenannten dunklen Handelsplätzen, an denen die überwachten Börsenregeln nicht mehr gelten.

Erleichtert wurde die Entwicklung durch eine EU-Richtlinie zur Liberalisierung der Finanzmärkte, die 2007 umgesetzt wurde. Sie sollte den Wettbewerb zwischen den Börsen anheizen und für günstigere Preise sorgen. In der Folge entstanden immer mehr Handelsplätze, die aber nicht alle zu den gleichen Bedingungen antreten. Nahezu ­jede größere Investmentbank hat eine ­Handelsplattform. Inzwischen gibt es 150 außerbörsliche Plattformen in Europa, „und täglich kommt eine hinzu“, sagt Thomas Munz, Vorstand der Börsenvereinigung, des Alleingesellschafters der Börse Stuttgart.

Die Aktienumsätze an den klassischen Börsen wandern ab. Zwei Drittel des Dax-Handels findet inzwischen nicht mehr an der Börse statt, heißt es in der Branche. Die außerbörslichen Plattformen picken sich allerdings nur die großen Werte heraus, sie kümmern sich nur um Produkte, für die ein großes Handelsinteresse besteht. Der Rest – kleine und mittlere Werte, Fonds, Unter­nehmensanleihen, Zertifikate – interessiert sie in der Regel nicht. Das überlassen sie den regulierten Börsenplätzen. „Wir stellen verlässlich auch Preise für Produkte, deren ­Handel für uns nicht lukrativ ist“, sagt Munz.

Er vergleicht die Börse gern mit einem Spielfeld, auf dem bestimmte Regeln gelten: Es muss immer gehandelt werden – auch in Krisenzeiten –, der Handel muss lückenlos überwacht werden, und die Preise für jedes Finanzprodukt müssen neutral festgestellt werden. Die anderen Handelsplätze sind neue Spielfelder, auf denen aber nicht diese strengen Regeln gelten. Während an der Börse die Kursentwicklung nachvollziehbar ist, tappen Anleger an den außerbörslichen Plätzen weitgehend im Dunkeln.

Privatanleger bekommen vielfach aber gar nicht mit, wo ihr Auftrag landet. Wenn sie nicht ausdrücklich einen Börsenplatz bei ihrer Bank angeben, legt die Bank zwar nach festen Regeln den Börsenplatz fest, doch nicht immer zum Vorteil der Kunden.

Auf vielen Plätzen treffen sie zudem auf Hochfrequenzhändler. Das sind Profis, für die vor allem Geschwindigkeit zählt und die Preisunterschiede im Bruchteil einer Sekunde ausnutzen. „Hochfrequenzhändler spielen mit verdeckten Karten und nach Regeln, die ein Privatanleger nicht beherrschen kann“, kritisiert Munz.

Ein Beispiel: Ein Hochfrequenzhändler kann einen großen Verkaufsauftrag anzeigen und damit bereits den Kurs einer Aktie sinken lassen. Denn werden viele Stücke zum Kauf angeboten, ziehen viele andere Akteure nach. Bevor sein Auftrag ausgeführt wird, zieht ihn der Händler zurück und greift bei dem günstigeren Aktienpreis zu. „Hochfrequenzhändler gaukeln Geschäfte vor, die sie in der Regel gar nicht machen wollen. So versuchen sie die Preise zu beeinflussen“, wird Munz deutlich. Der Privat­anleger zieht bei diesem Spiel oft den Kürzeren. Er „zahlt Wegzoll an Investmentbanken, die Märkte beherrschen“, sagt Burghof. Die Börse Stuttgart lässt deshalb diesen Hochfrequenzhandel nicht zu.

Durch die Zersplitterung der Handelsplätze geraten die klassischen Börsen unter Druck. Den Umsatzrückgang versucht Stuttgart durch Kostenersparnis und Optimierung der Technik ausgleichen. An den gut 300 Mitarbeitern soll festgehalten werden. „Wir sind auf gutem Weg“, sagt Munz. „Bisher haben wir keine Leute entlassen und haben es auch nicht vor.“ Dass es Regionalbörsen gibt, „ist für Privatanleger ein Segen“, sagt Anlegerschützer Marc Tüngler. Alle Innovationen für Privatanleger wie die Best-Preis-Garantie oder die börsennotierten Fonds kamen immer aus der Region, „und da läuft die Börse Stuttgart vorneweg“. Doch je weniger an öffentlich-rechtlichen Börsen gehandelt wird, desto eher sind die Kurse manipulierbar. Dann zieht der Privatanleger wieder den Kürzeren.

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