Südwestmetall-Vorsitzender im Interview Der Strukturwandel löst Ängste aus

Dr. Michael Prochaska: „Es gibt kein Allgemeinrezept für die Digitalisierung.“ Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Die Wirtschaft ist knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Die Herausforderungen für die Metall- und Elektroindustrie gehen jedoch weit über eine Konjunkturdelle hinaus. Die Branche steht vor einem gewaltigen Strukturwandel, sagt Dr. Michael Prochaska, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall Rems-Murr und Personalchef der Stihl-Gruppe.

Herr Dr. Prochaska, Conti schließt ein Werk in Oppenweiler, Bosch streicht Tausende Arbeitsplätze, Daimler hat sich ein radikales Sparprogramm auferlegt. Ist die Metall- und Elektroindustrie bereits in der Krise?

Wir stecken in einer Situation, die sehr herausfordernd ist. Die Automobilindustrie steht vor der großen Herausforderung der Elektromobilität, die einen weitreichenden Transformationsprozess auslöst. Und weil die Metall- und Elektroindustrie zu einem großen Teil direkt oder indirekt von der Automobilindustrie abhängt, stellen sich auch für Firmen aus anderen Zweigen der M+E-Industrie diese Herausforderungen. Der Abrieb bei den Automobilern macht sich überall bemerkbar. Herausfordernd ist aber nicht nur die Elektromobilität, sondern auch die wirtschaftliche Gesamtsituation. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China wirkt sich negativ auf den gesamten Welthandel aus. Das ist das eine. Zum anderen spüren wir die Unsicherheiten rund um den Brexit-Prozess. Die Situation hat sich zwar vorübergehend etwas entspannt, gelöst ist das Problem aber nicht.

Was bedeutet dies alles konkret?

Das heißt unterm Strich: Alle Indikatoren in der Metall- und Elektroindustrie zeigen nach unten. Der Auftragseingang hat gegenüber dem letzten Jahr abgenommen, der Auftragsbestand ist zurückgegangen. Wir reden da deutschlandweit von einer Größenordnung von 5,7 Prozent, wenn wir den Zeitraum Januar bis August 2018 zu 2019 vergleichen. Die Erwartung, Beschäftigung aufzubauen, ist ebenfalls rückläufig, auch wenn in der Industrie heute noch ein leichtes Beschäftigungsplus gegenüber dem Vorjahr vorhanden ist. Es bleibt abzuwarten, wie es weitergeht.

Wirtschaftsfachleute haben schon gewarnt, dass der lange Boom heißgelaufen ist und dass Betriebe vielleicht sogar dankbar sind, dass ein bisschen Durchschnaufen angesagt ist.

Nein. Für unsere Unternehmen ist es grundsätzlich gut, volle Auftragsbücher zu haben, weil sie die Basis für Erträge sind, die in gute Löhne, Innovation und Produktivität, also in die Weiterentwicklung der Unternehmen und in die Wettbewerbsfähigkeit investiert werden können. Viele Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie sind mitten in der Transformation. Stichworte: Digitalisierung und Elektromobilität. Man muss natürlich das Geld für die Transformation erst einmal verdienen.

Stichwort Digitalisierung. Was erwartet die Unternehmen und die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie?

Das ist ein sehr facettenreiches Thema. Ich bin kürzlich gefragt worden, wann die Digitalisierung bei Stihl angefangen habe. Meine Antwort war: Sie findet seit den 1960-er Jahren statt. Damals haben wir die erste größere Rechenanlage angeschafft. Seitdem digitalisieren wir das gesamte Unternehmen, und zwar in allen Bereichen! Die Angst vieler, dass die Digitalisierung zu einem Beschäftigungsabbau führt, war unbegründet. Seither wurden viele Arbeitsplätze aufgebaut. Ich vermute, dass viele andere Unternehmen dies genauso sehen.

Warum reden wir dann überhaupt so viel von Digitalisierung?

Weil heute wieder Angst davor geschürt wird, dass es zu einem massiven Beschäftigungsabbau kommt. Ich persönlich würde aber sagen, die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten. Was neu hinzukommt, sind die immensen Vernetzungsmöglichkeiten. So können Produktions-, Logistik- und Vertriebsprozesse weiter optimiert werden. Wenn beispielsweise Produkte digitalisiert werden, haben wir dadurch die Möglichkeit, Informationen über Betriebszustände und Serviceerfordernisse direkt aus den Geräten herauszulesen. Das hat Vorteile für die Nutzer, aber auch Auswirkungen auf das Serviceangebot der Händler und im Rückbezug wieder auf das Unternehmen. Es gibt kein Allgemeinrezept für die Digitalisierung. Jedes Unternehmen muss seine Geschwindigkeit finden, die es gehen kann. Größere Unternehmen sind dabei häufig schneller als die kleineren Firmen, die eher handwerklich geprägt sind.

Nach Jahren der Erfolgsmeldungen auf dem Arbeitsmarkt gibt es die ersten Schlagzeilen, dass Kurzarbeit zunimmt. Wie schaut es im Rems-Murr-Kreis aus?

In der Metall- und Elektroindustrie ist die Kurzarbeit in den vergangenen Monaten leicht gestiegen. Es gibt zwar deutlich mehr Anfragen bei uns in der Geschäftsstelle in Waiblingen, aber die wenigsten Firmen haben bereits Kurzarbeit angemeldet.

Erwarten Sie zum Jahresende hin, dass die Kurzarbeit noch deutlich ansteigt?

Die Stimmung in der Industrie hat sich verschlechtert. Zum Jahresbeginn waren noch 30 Prozent der vor uns hier im Rems-Murr-Kreis befragten M+E-Unternehmen von einem guten zu erwartenden Geschäftsverlauf ausgegangen. Inzwischen sind es nur noch knapp 17 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl der Firmen gestiegen, die mit schlechteren Geschäften rechnen: Über 60 Prozent gehen von einer rückläufigen Geschäftsentwicklung aus. Ein Drittel gibt mittlerweile an, dass der gegenwärtige Auftragsbestand schlecht ist. Zu Jahresbeginn waren es nur rund elf Prozent.

Die Batterien kommen aus China, die Montage der Fahrzeuge benötigt weniger Leute. Was bleibt übrig von der Automobilindustrie? Hat die automobillastige Region Stuttgart überhaupt noch eine Zukunft?

Die geringere Wertschöpfungstiefe bei Elektroautos ist eine Herausforderung. Es gibt Prognosen, die besagen, dass 20 bis 30 Prozent weniger Mitarbeiter benötigt werden, um ein E-Auto herzustellen. Es könnte sich daraus aber auch die Tendenz ergeben, ausgelagerte Arbeitsumfänge wieder in die Kernautomobilindustrie zurückzuholen.

Eine Konsequenz aus der Klimadiskussion könnte deshalb auch sein: Lasst Elektro bleiben, das kostet doch bloß Jobs. Wie gut ist die Metall- und Elektroindustrie auf den Klimawandel eingestellt?

Der Verbrenner wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Die aktuelle Klimadiskussion hat die Veränderungsprozesse vermutlich beschleunigt. Die grundsätzliche Frage, die sich stellt, ist die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Es müssen weitere Anstrengungen in diese Richtung unternommen werden.

Wie kann eine Produktion klimaneutral oder zumindest weniger klimaschädlich gestaltet werden?

Dies ist ein permanenter Prozess. Sehr viele Unternehmen sind dabei, ihre Anlagen energieeffizienter zu gestalten und sich bezüglich des Energiemanagements zertifizieren zu lassen. Eine weitere Frage ist: Wo kommt die Energie her? Um regenerative Energien zu nutzen, gibt es viele Möglichkeiten: eigene Fotovoltaikanlagen, Blockheizkraftwerke usw. Das reicht in unseren energieintensiven Betrieben natürlich nicht aus, deswegen besteht die Möglichkeit, „grünen“ Strom einzukaufen. Aber wir müssen aufpassen: Der Ausstieg aus der Atomkraft und der Kohle verteuert unsere Strompreise erheblich. Deutschland hat in Europa mit die höchsten Preise. Dies verschlechtert die Wettbewerbssituation für unsere Unternehmen.

Wie steht Südwestmetall zu der geplanten CO²-Abgabe?

Es kommt in diesem Abschwung etwas viel auf die Wirtschaft zu, um es salopp auszudrücken. Die Belastungsgrenze ist für viele Betriebe erreicht. Es gilt mit Augenmaß zu agieren.

Die letzte Tarifauseinandersetzung ist schon beinahe wieder zwei Jahre her. Nach einer Tarifrunde ist vor einer Tarifrunde. Mit welchen Erwartungen geht Südwestmetall in die nächste Runde?

Dass wir mit der IG Metall einen Weg finden, unsere Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten. Durch die letzte Tarifrunde hatten wir summa summarum eine Lohnerhöhung von rund sieben Prozent. Das sind erhebliche Kostenbelastungen. Gerade bei unseren kleineren Unternehmen war eine gewisse Verärgerung über diesen Abschluss deutlich vernehmbar. Vor allem aufgrund der Komplexität.

Was war an dem Tarifabschluss so kompliziert?

Wir haben unter anderem das tarifliche Zusatzgeld, den sogenannten T-Zug, eingeführt. Bestimmte Personengruppen, wie Schichtarbeitnehmer, Pflegende oder Eltern können unter gewissen Voraussetzungen wählen, ob sie ein tarifliches Zusatzgeld erhalten oder ob sie acht freie Tage bekommen. Kleinen Unternehmen fiel die Umsetzung schwer, weil diese Mitarbeiter dann im Betrieb acht Tage zusätzlich fehlten. Je kleiner ein Unternehmen ist, umso schwerer ist es, auf diese Mitarbeiter zu verzichten und sie zu ersetzen. Die Situation hat sich zuletzt allerdings gewandelt. Die Firmen weiten das Wahlrecht zwischen freien Tagen oder Einmalzahlung nun vermehrt auf alle Beschäftigten aus, um Überkapazitäten im Abschwung kostenwirksam zu kompensieren.

Haben tarifgebundene Mitgliedsfirmen wegen des hohen und komplizierten Abschlusses Südwestmetall den Rücken gekehrt?

Die Unzufriedenheit wurde von kleineren Firmen sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Aus dem Arbeitgeberverband auszutreten, ist schnell daher gesprochen, aber nicht so einfach zu machen. Es bedeutet ja, dass das Unternehmen selbst zum Tarifpartner wird. Es ist weder im Interesse der Gewerkschaften noch von Südwestmetall, dass es zu einer Austrittswelle kommt und der Flächentarifvertrag verwässert wird. Wir sind deshalb gut beraten, 2020 einen Tarifabschluss mit Augenmaß auszuhandeln und nicht noch die Komplexität zu erhöhen.

Der IG Metall fällt es schwer, junge Leute für die Gewerkschaft zu begeistern. Wie ist es bei einem Arbeitgeberverband wie Südwestmetall. Laufen Ihnen junge Unternehmer in Scharen zu?

(lacht) Südwestmetall hat eine Menge an Dienstleistungen für seine wie auch für die tarifungebundenen insgesamt fast 100 Mitgliedsbetriebe im Rems-Murr-Kreis zu bieten. Und man muss es auch so sehen: Ein Unternehmen selbst kann keine Tarifpolitik machen. Dafür braucht es einen Verband. Der Zuwachs bei den Mitgliedern findet vor allem bei der außertariflichen Mitgliedschaft statt. Bei aller Kritik am Flächentarifvertrag. Gerade in einer Krise hat die Verbandsmitgliedschaft enorme Vorteile. Dies hat sich in der Krise 2008/09 gezeigt, als wir mit dem Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung beitragen konnten oder mit Ergänzungstarifverträgen Firmen retten konnten.

Woher kommt das Bashing des Flächentarifvertrags?

Für die kleinen Unternehmen waren mit dem Tarifabschluss hohe Kosten verbunden. Die Vereinbarungen wurden auch immer komplexer. Und man sollte sich von den Rekordgewinnen bei Daimler oder bei anderen Firmen nicht blenden lassen. Die beziehen sich nicht auf alle Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie. Wie Umfragen zeigen, machen rund 20 Prozent der Firmen überhaupt keine oder nur noch sehr niedrige Gewinne von unter einem Prozent. Wir sind deshalb gefordert, Tarifverträge auszuhandeln, die den betrieblichen Bedürfnissen gerecht werden.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will mit einem neuen Gesetz der Konjunkturkrise entgegensteuern: Das sogenannte „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ soll den Einsatz von Kurzarbeitergeld erleichtern und die Qualifizierung von Beschäftigten stärker fördern.

Die Qualifizierungspläne, soweit uns bekannt ist, gehen mit einer Ausweitung der Mitbestimmung einher. Das können wir nicht gutheißen. Die Metall- und Elektroindustrie gibt bundesweit acht Milliarden Euro für Aus- und Weiterbildung aus. Wir brauchen Weiterbildung, wir brauchen Qualifikation. Aber dies ist der falsche Ansatzpunkt. Wir begrüßen allerdings ausdrücklich, dass der Arbeitsminister dem Wunsch der Wirtschaft entsprechen will, den erweiterten Kurzarbeit-Werkzeugkasten aus der großen Krise von vor zehn Jahren für den Fall einer weiteren Verschärfung des momentanen Abschwungs wieder bereitzustellen. Die Maßnahmen haben damals maßgeblich dazu beigetragen, dass es in Deutschland nicht zu Massenentlassungen wie in anderen Ländern gekommen ist.

Wie ist die Ausbildungssituation in der M+E-Industrie? Derzeit gibt es noch fast 400 offene Lehrstellen im Kreis.

Unternehmen wie Stihl haben keine großen Probleme, ihre Fachkräfte von morgen zu bekommen, weil sie sehr attraktiv sind. Schwieriger ist es für kleine und mittlere Unternehmen, ihre Lehrstellen zu besetzen. Das kann sehr mühsam sein. Die Fachkräfteallianz, zu der Südwestmetall gehört, will dabei helfen, dass die Betriebe ihre offenen Ausbildungsstellen besetzen können.

Wie zukunftsträchtig ist eine Ausbildung in der M+E-Industrie?

Sehr. Wie gesagt, es wird zwar damit gerechnet, dass durch die Elektromobilität in der Autoindustrie einfache Arbeitsplätze verloren gehen können. Aber durch die Digitalisierung werden auch neue Jobs und Ausbildungsberufe entstehen und sich etablieren. Die M+E-Industrie ist hier auf dem neuesten Stand. Um es deutlich zu sagen: Fachkräfte braucht man immer. Ich werbe ausdrücklich für eine starke Ausbildung. Gerade in dieser Zeit des Strukturwandels, in der sich die Arbeitswelt verändert, sind gut ausgebildete Fachkräfte in den Betrieben immens wichtig.

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