Tenor Daniel Behle „Ich wollte immer mein eigener Chef sein“

Daniel Behle Foto: Marco Borggreve

Stuttgart - Der Tenor ist erkältet. Dick eingemummt erscheint er zum Interview, spricht leise, wartet ab, trinkt Tee und wird sich schonen müssen, um bei den Aufführungen der ersten drei Kantaten von Bachs „Weihnachtsoratorium“ unter Hans-Christoph Rademann die tragende Partie des Evangelisten so singen zu können, dass die Stimme nicht kiekst oder ganz wegbleibt. „Dabei hilft“, sagt Daniel Behle, „vor allem eine gute Technik“.

Ansonsten ist das Handwerkszeug für den 39-Jährigen, der erst mit 28 Jahren zum Singen kam, schon lange in den Hintergrund getreten. Er ist in den erst elf Jahren seines Profilebens an einem Punkt angelangt, an dem die Stimme tut, was er von ihr verlangt. Oper, Operette, Oratorium, Lied, dazu neuerdings auch das barocke Repertoire: Die ganze Spannbreite des Möglichen deckt der Sänger ab. Viele bezeichnen ihn schon als Nachfolger Fritz Wunderlichs, aber: „Der Vergleich kommt oft, und Fritz gewinnt immer“, winkt Behle ab.

Zuletzt hat er eine CD mit Arien aus Bach-Kantaten aufgenommen. Dabei greift der Bühnenmensch Daniel Behle dem Konzertsänger kräftig unter die Arme. Finanziell gestemmt hat der Tenor diese Produktion ganz alleine: Das mache er immer so, denn er brauche das Gefühl der Ungebundenheit. „Ich wollte immer mein eigener Chef sein“, sagt Behle, und man spürt, dass es eben dieser Drang nach Unabhängigkeit war, der ihn nach seinem Erststudium (Posaune, Komposition, Schulmusik) vom Berufsziel des Orchestermusikers abbrachte und der ihn schließlich auch den festen Job als Ensemblemitglied der Oper Frankfurt aufkündigen ließ. „Sich als Posaunist im Orchester unterzuordnen: Das muss man wirklich wollen“, sagt Behle. Und erzählt dann begeistert vom Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe. Der nämlich sei „ein Intendant, der auch um die Dinge weiß, die bei einem Sänger in drei Jahren möglich sein könnten“. So kommt es, dass der Tenor auch als Freiberufler immer wieder an „sein“ Haus zurückkehrt. Gerade hat er dort seinen ersten Idomeneo gesungen, 2015 wird es der Erik im „Fliegenden Holländer“ sein, „und dann reden wir irgendwann über den Lohengrin“.

Dazu kommt immer stärker das Lied. „Dieser Tenor wird den Liedgesang revolutionieren“, schrieb unlängst hymnisch ein Berliner Kritiker. „Liedgesang“, kommentiert Behle lapidar, „hat viel mit Geschmack zu tun, und viele Sänger haben entweder einen anderen Geschmack als ich oder gar keinen.“

Ja, und zwischendurch komponiert Daniel Behle auch noch ein wenig. „Ich konnte mich“, sagt er heute über sein Kompositionsstudium, „damals nicht entscheiden, ob ich nun für Donaueschingen oder für das Publikum schreiben soll. Außerdem fehlt mir das letzte Stück Verrücktheit.“ So wurde aus dem Vollzeit.– ein Teilzeit-Komponist. Gerade hat der Sänger einen Zyklus von Ringelnatz-Liedern geschrieben und hätte in diesen Tagen auf die Veröffentlichung seiner Bearbeitung von Schuberts „Winterreise“ für Klaviertrio stolz sein können, wenn das Label Sony, dem er die Aufnahme verkauft hatte, nicht der „Winterreise“ seines Exklusivkünstlers Jonas Kaufmann den Vorzug gegeben hätte. Nun sucht Behle nach einer neuen Möglichkeit der Veröffentlichung, beschäftigt sich nebenbei mit einer neuen CD, deren gemischtes Programm aus Oper, Operette und Schlager seine Heimatstadt Hamburg umkreist. Und bereitet sich in Stuttgart auf Bachs „Weihnachtsoratorium“ vor.

Hans-Christoph Rademann, sagt Behle, habe „eine sehr genaue Vorstellung von der Musik und von ihrem theologischen Hintergrund“. Die eingeschobene Kantate des Dresdner Komponisten Jörg Herchet erinnere ihn „mit ihren Farben und den übereinander gelegten gegenstimmigen Flächen stark an György Ligeti“. Außerdem erkennt der gelernte Komponist, der in seinem Studium ein gutes Stück daran zu erkennen lernte, „dass man weiß, wann es vorbei ist“, bei Herchet beglückt: Struktur. Da freut sich der Tenor, hustet und schnieft. Gute Besserung!

Sa und So, 19 Uhr, Beethovensaal.

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