Timo Brunke Der neue Orpheus war in Rudersberg

Timo Brunke. Foto: Palmizi / ZVW

Rudersberg. Der Stuttgarter Timo Brunke ist einer der großen Stars der Poetry-Slam-Szene. Nur hingerotzte Poesie? Nein. Brunke gelingt es, die große Tradition der Lyrik mit dem Stoff unserer modernen Alltagserfahrungen zu verjüngen – und das mit faszinierend körperlicher Präsenz.

Der Dichter ist wieder zum Sänger geworden, zum Rhapsoden des live gesprochenen Wortes. Zerstückelt und doch bannend, wie das Saxofonspiel seines Begleiters Andreas Krennerich.

Ein Virtuose des Poetry-Slam

Hat dieser schlaksige Mensch mit wirrem Wuschelhaupt die Texte, die er da vorträgt, selbst geschrieben? Oder durchzucken sie seinen sich windenden Körper nur wie Elektroschocks? Spricht „es“ gar nur aus ihm? Und der Autor ist ein anderer? Ist er das traumatisierte Medium einer vom Konsum zerkrebsten Sprache, der in endlos rhythmisierten Textschleifen das Subjekt vergangen ist und die verzweifelt nach ihrem Objekt sucht?

Der Mensch, man sei versichert, ist ein großer Dichter und er heißt Timo Brunke. Früher Studiosus der Theologie zu Tübingen, wie einst auch Hölderlin. Ein moderner Orpheus, dem die Regale in den aggressiven Warenhäusern lauschen, wie einst Orpheus die wilden Tiere zum Schluchzen über seinen Gesang brachte.

Brunke, eine auch unheimliche Wiedergeburt des unglücklichen Lenz, wie er von Georg Büchner beschrieben wurde, gekreuzt, oder riskieren wir zu sagen: gekreuziget mit dem Jim Morrison der „Doors“. Ein Virtuose des Poetry-Slam. Und doch ganz eigen.

So jedenfalls erschien er einem im Foyer des Schulzentrums in Rudersberg, wo Timo Brunke zum Flackern der eigensinnigen Lichtanlage die Sprache selbst zum Leuchten brachte. Als zuckendes und strahlendes Taschenlämpchen, gehalten auf eine aus den Fugen geratene Wahnwelt, die doch unsere eigene – und sehr real – ist.

Der entzückt enthusiasmierte Barde

Das hub an mit einer elaborierten Ode an die Verben. „Für Verben zu werben“, war sein Anliegen, das sich zu einem großartig entgleisten „Vocal Scat“ steigerte. Ein Stück aus seinem Gedichtband „Orpheus downtown“. Einen Spaziergang durch die Stadt, kündigte er an. Unter- oder Oberwelt? Und ja, Orpheus landete auch in Rudersberg. Aber mit aktuellem Blick auf seine Lieblingsstadt, dürfen wir seinen Wohnort Stuttgart vermuten, kann er nur noch staunend sagen: „Mein lieber Herr Flächennutzungsplan!“ Orpheus heute? In der Baugruben-Unterwelt.

Der Besuch bei Tengelmann mit einem rollenden Einkaufskorb wird im hohen Hölderlin-Sound inszeniert, gebrochen mit schräger Luther-Derbheit. „Einkaufswägelchen rattle. Ja, hier steh’ ich und werde dich mästen.“ Da spricht der entzückt Enthusiasmierte Barde ob Tiefgefrorenem: „Oh güldene Zeiten, die Natur zu zwingen, uns eckig zu bringen die Frucht.“

Witzig, formbewusst, ziemlich intelligent

Da ist die Tragödie des Begehrens vor der Fleischertheke so recht auf des Pudels Kern verkommen: „Was möcht ich? Scheibchen Wurst in Faust.“ Die Angst des prä-neolitischen Jägers hat heute an der Kasse des Supermarkts indes andere Formen angenommen und ist zugleich geblieben: „Im Nacken spür ich schon des Hintermanns Odem.“

Kurz: Das ist witzig, formbewusst, ziemlich intelligent und setzt das schöne Programm der Selbst-Aufklärung der Gattung Mensch durch Poesie grandios fort. Und was Timo Brunke mit der Sprache machte, das führte sein Partner, der Musiker Andreas Krennerich, kongenial auch mit seinen Instrumenten vor. Da lässt er an seinem Sopranino-Saxofon eine durchdringende Klage gegen den schweigend leeren Himmel ertönen. Gebogen gedellte Töne, die den „reinen“ Ton umso schmerzlicher mitklingen lassen. Eine Versehrtheit wird hier von beiden Künstlern zum Klingen gebracht – mit Wucht, Verzweiflung – und doch auch menschlicher Wärme.

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