Tischtennis Der Königsmacher vom SV Plüderhausen

Momcilo Bojic ist als Trainer des SV Plüderhausen der Gegenentwurf zu Dortmund-Coach Jürgen Klopp. Seine Ruhe soll den Spielern helfen, die Mannschaft zählt (links Philipp Floritz), nicht der Mann an der Seite. Foto: ZVW

Beim Tischtennis-Bundesligisten SV Plüderhausen dreht sich meist alles um Aleksandar Karakasevic. Der Selbstdarsteller zieht die Blicke auf sich. Dagegen verblassen die Mitspieler und ein anderer bleibt völlig unbeachtet: Trainer Momcilo Bojic. Dabei wäre „Kara“ ohne ihn nicht der King.

Sich mit Momcilo Bojic (40) zu unterhalten, macht Freude. Der Mann redet viel über Tischtennis, über bekannte Spieler, mit denen er gearbeitet hat, über die Dankbarkeit, die er dem SV Plüderhausen gegenüber empfindet, für die Chance als Bundesligatrainer zu arbeiten. Er redet aber wenig über sich. Dabei gäbe es da einiges zu erzählen.

Momcilo Bojics Leben dreht sich um Tischtennis. Er trainiert den SV Plüderhausen in der Bundesliga, ist daneben selbst Spieler beim Regionalligisten Bietigheim.

Dort trainiert er außerdem die Jugend. Auch beim Tischtennisverband ist er angestellt und kümmert sich um den Nachwuchs.

Sein Sohn Uros tritt in seine Fußstapfen. Im Jahrgang 2003 ist er derzeit die Nummer zwei der deutschen Rangliste.

Momcilo Bojic hat früher die Zwillinge Meike und Gaby Rohr (TSV Betzingen) trainiert, die 39 Medaillen bei Jugendeuropameisterschaften gewonnen haben.

Erfahrungen hat er zudem mit Behinderten. Er war Assistenztrainer der serbischen Nationalmannschaft und betreut seit zwei Jahren den deutschen Meister der geistig Behinderten, Hartmut Freud aus Bietigheim.

Im 22. Januar 2012, vor dem Heimspiel gegen Herne, ergriff Mozza, wie ihn alle nennen, das Mikrofon. Er wollte nicht etwa die Zuschauer begrüßen, sein Team loben oder um Unterstützung bitten, nein: Er wollte sich entschuldigen. Entschuldigen bei seiner ehemaligen Co-Trainerin Yanhua Yang-Xu. Bojic hatte vor der Saison vergessen, sie zum Fototermin fürs Saisonheft einzuladen. Yang-Xu war verärgert.

Von all dem hatten die Zuschauer keine Ahnung. Bojic hätte sich unter vier Augen bei der Trainerin entschuldigen können, er aber wählte den Weg, einen Fehler vor großem Publikum einzugestehen. „Ich habe das gerne gemacht“, sagt der Stuttgarter. „Ich hoffe, sie hat sich danach gut gefühlt.“

Muss ein Trainer mehr Stärke zeigen?

Eine große Geste, und doch sind es gerade solche Momente, die den Zuschauer auf der Tribüne zweifeln lassen. Muss ein Trainer nicht Stärke zeigen? Alphatiere entschuldigen sich nicht, und schon gar nicht vor Publikum. Und dieser Typ, der beim Spiel so unscheinbar und ruhig auf seinem Stuhl sitzt, soll den Spielern, Weltstars zum Teil, sagen wo’s langgeht?

Da passt es scheinbar ins Bild, dass ab und an nicht Bojic den Spielern Tipps gibt, sondern andere diese Aufgabe übernehmen. Weil sich die Spieler von denen mehr sagen lassen?

Momcilo Bojic kennt die Vorbehalte, doch sie stören ihn nicht. Wenn ein anderer mehr sehe als er, gut. „Alles, was dazu führt, dass der Spieler gewinnt, ist gut.“

Als 19-Jähriger nach Deutschland gekommen

Momcilo „Mozza“ Bojic hat als Jugendlicher in der jugoslawischen Nationalmannschaft gespielt. Er ist, seit er als 19-Jährige nach Deutschland kam, immer Spieler und Trainer gleichzeitig gewesen, hat bei der TSG Steinheim zweite Liga gespielt.

2006 erhält er die Chance, Bundesligatrainer in Plüderhausen zu werden. „Ich bin Manager Geritt Albrecht sehr dankbar dafür“, sagt er.

Das Engagement ist Chance und Risiko gleichermaßen. Weltklassespieler sind nicht einfach zu führen. Welche Ansprüche sie stellen, hat Bojic schnell erfahren. Im ersten Jahr hatte er in einer Spielpause nicht sofort gewusst, welcher Spieler im Doppel (das gab es damals noch) gerade den Aufschlag annimmt. „Jörgen Persson hat erst zwei Tage nicht mit mir geredet und mir dann gesagt, er erwarte, dass ich das weiß.“ Wäre es noch einmal vorgekommen, „ich wäre als Trainer untendurch gewesen“.

Leung Chu Yan wiederum hat ihn auf andere Weise gefordert. „Bei ihm muss im Training alles perfekt sein. Man muss ihm die Bälle so präzise zuspielen, dass man den Pfennig auf der Platte trifft. Sonst kann er sehr unangenehm werden.“

Bojic hat all das gemeistert, ruhig und zurückhaltend. „Ich habe sehr gute Spieler gesehen, die sich als Trainer nicht durchsetzen konnten“, sagt er. „Ein Trainer muss Autorität haben, sich selbst aber nicht im Mittelpunkt sehen.“ Er selbst diskutiere zwar mit den Spielern Aufstellung und auch Spieltaktik. „Letztendlich aber entscheide ich.“

Wenn er jedoch dann draußen beim Spiel neben der Platte sitzt, ist das nicht mehr entscheidend. Dann gilt für ihn: „Der Spieler ist der König, nicht der Trainer.“

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