Trotz Netflix & Co. Rudersberger Lochmann investiert weiter in Kinos

Es geht größer und hellauflösender weiter, sagt diese Geste. Heinz Lochmann, größter Mittelständler der Kinobranche in Deutschland, vor der Wandmalerei in seinem Büro. Die Großstadt-Skyline ist mit Türmen besetzt, die wiederum Namen der Lochmann-Kinos tragen und die Namen seiner Kinder. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rudersberg. Andere reden von der Krise, er nicht. Heinz Lochmann ist wild entschlossen, dem Heim-Kino den Kampf anzusagen. Er investiert jetzt nicht nur in Schwäbisch Gmünd und übernimmt dort das Kino, sondern verdoppelt sich nochmals am Standort Leonberg. Dort dann findet sich die größte Leinwand überhaupt.

Heinz Lochmann, der Selfmade-Mann. Vom Konditor zum Kinomogul. Dabei ist er ein nicht zu unterschätzender Stratege.

Prophezeiungen über den Niedergang der Branche gibt es genug. Lochmann bietet ihnen die Stirn, und setzt dabei seinen Kopf klug ein. Nehmen wir den „Traumpalast“ in Leonberg. Der Standort war einst gut gewählt, nämlich an der Schnittstelle von drei Autobahnästen. Deshalb soll es hier geschehen: Ein neues Imax-Lichtspielhaus ist in der Mache, nach dem Standard des kanadischen Branchenführers der Brillanz. Heinz Lochmann zeigt uns in seinem Büro in Rudersberg das Exposé. Ein mächtiger Bau, der seinen Traumpalast nebendran wahrlich in den Schatten stellt. Zwei Laserprojektoren strahlen dann eine Leinwand an, halb so groß wie ein Fußballfeld! Fast 50 Meter breit und 26 Meter hoch.

Renovierung und Erweiterung in Schwäbisch Gmünd

In der zweiten Hälfte 2020 wird dies gigantische Licht angeknipst. Lochmann übersetzt den technischen Standard in eine einfache Sprache: „Man sieht viel mehr“, auch ohne 3-D. 2020, hofft der Stratege, ist im Westen Stuttgart endlich mal fertig gebaut mit den Autobahnen. Und die Kunden rollen an. Mann muss Visionen haben. Es handele sich um ein „Kino der Zukunft“.

Aktuelles Projekt Nummer 2: Die Zukunft in Schwäbisch Gmünd schaut so aus, dass das alte Turm-Theater von fünf auf zehn Säle aufgestockt wird. Das bestehende Kino zeigt sich dann renoviert, nebendran wird zugebaut. Im Oktober, spätestens im November soll eröffnet werden.

Wieder mit sündhaft roten Böden

Lochmann glaubt an den Standort Schwäbisch Gmünd. Die Stadt habe den Schub der ersten Gartenschau genutzt. Der Oberbürgermeister, ein Freund der Oper und der Opulenz, kann offenbar kaum warten, bis die Gmünder in zehn Sälen bespielt werden. Und Lochmann liefert ja auch. Die sündhaft roten Böden, die soll es ebenso im katholischen Gmünd geben, wo sie dann richtig hinpassen. Erneut prangt illusionistische Malerei an den Wänden. Lochmann zieht nochmals alle Register. Macht einen größeren einstelligen Millionenbetrag.

Heinz Lochmann wäre nicht der größte Mittelständler der Branche in Deutschland und auch nicht der größte Kino-Innenstadtbetreiber, wenn er nicht ein Konzept hätte. Von Anfang an hieß das: Film plus. Das Plus besteht aus den Dienstleistungen drum herum. Und so wird es Popcorn satt geben, Getränke im XXL-Format und mehr der Wohlfühl-Gastronomie.

Besorgten Menschen macht er Mut. Kann sein, dass er sich dabei auch selber meint. Er sagt dann: „Es ist immer schön, wenn es auf und nieder geht.“ Früher war es das Fernsehen, das zum Kinosterben führte. Heute könnten es die Streamingdienste sein. Es ist ja auch brutal. In Stuttgart wirbt das Cinemax mit 5.99 Euro. Teurer soll eine Kinokarte nicht sein. Die Innenstadtkinos haben nachgezogen und werben mit zehn Euro, Popcorn und Getränk inklusive.

Konkurrenz selten zu fürchten

Was sagt das über das Filmvorführgeschäft: „Manche haben wahrscheinlich so eine Panik, dass sie nach vorne oder nach hinten schlagen und sagen, okay, wir machen jetzt den Preiskrieg.“ Lochmann hat seine Standorte sehr bewusst gewählt, direkte Konkurrenz hat er selten zu fürchten. Eine technische oder gesellschaftliche Entwicklung ist für ihn auch nicht in Stein gemeißelt. Die Leute werden schon realisieren, was es heißt, die Innenstädte veröden zu lassen. Wenn nur noch online gekauft wird, ein Einzelhändler nach dem anderen schließt. Wenn Tipico-Sportwetten und Shisha-Bars einziehen, dann haben wir alle ein Problem.

Lochmann glaubt nicht, dass die Menschen auf Dauer sich zu Hause einbunkern. „Was nützt ihnen dann die Rolex-Uhr am Handgelenk, die Prada-Schühle, die Extensions in den Haaren, wenn das niemand mehr sieht.“ Er baut auf den menschlichen Urinstinkt. Nämlich auf die schöne Gier des Sehens und Gesehenwerdens. „Es kommt nicht so schlimm. Und wenn es schlimm kommt, dann bin ich das kleinste Problem.“ Was ist mit den Zeitungen dann, fragt er und dreht beim Besuch des Reporters den Spieß rum. Wohl wissend, dass dem Medium Papier auch der Tod vorausgesagt wird.

Noch lange nicht am Ende

Also müssen alle daran arbeiten, dass es nicht so schlimm kommt. Der City-Manager, der Wirtschaftsförderer, der Oberbürgermeister vorne dran. Das ist dann seine hemdsärmelige Art, den „Matthias“, den Schorndorfer OB, anzuhauen, was loszumachen in der Stadt. Noch mehr was loszumachen. Kann sein, dass er dann von seinem neuen Freund, dem Gmünder OB, erzählt. Dass der richtig was losmacht. Verboten ist es nicht, die Städtekonkurrenz anzustacheln. In Waiblingen ist es ihm augenscheinlich zu ruhig.

Lochmann ist ein großer Netzwerker seiner selbst. Hat aber den Vorteil, dass er Fragen stellt, die uns alle etwas angehen. Kinosterben gleich Innenstadtsterben gleich Niedergang unserer Kultur. Kleiner macht er’s nicht. Muss er auch nicht.

Unkenrufe gab es immer schon. Nehmen wir den Fußball. Als es den satt im Fernsehen auf vielen Kanälen gab, nicht nur in der öffentlich-rechtlichen Sparversion „Sportschau“, da hat kaum einer mehr einen Pfifferling auf den Stadionbesuch gegeben. So betrachtet hätte Uli Hoeneß niemals seine feste Burg in München bauen dürfen. Lochmann kann das Thema auch an den Aufbackstationen statt ordentlicher Bäckereien durchdeklinieren. Und ist damit am Anfang seiner Erwerbsbiografie angekommen. Mit sich aber noch lange nicht am Ende.


Lichtspiel modern

Das besondere Kinoerlebnis verspricht ein Besuch im Dick-Areal in Esslingen. Der Saal Onyx dort verfügt über den ersten Samsung Cinema LED Screen in Europa und über den fünften weltweit. Das Bild der Leinwand setzt sich aus 26 Millionen Leuchtdioden zusammen, die knapp 9 Millionen Bildpunkte ergeben, welche selbst leuchten. Der LED-Screen leuchtet zehnmal stärker als die meisten herkömmlichen Kinoprojektoren. Das führt zu besonders intensiven Farben und punktgenauer Darstellung ohne Reflexionen. Wer mehr sehen will, eben auch Details, ist hier richtig  

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